Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: Das kleinste Comeback aller Zeiten

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

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15. August 2018, 14:00 Uhr

Wir alle wussten doch, dass diese Zeit einmal wiederkommen würde. Und nun ist es anscheinend so weit und wieder einmal bewahrheitet sich, dass Mode nicht immer etwas mit Schönheit, Ästhetik und Eleganz zu tun hat. Die Herrenhandtasche ist zurück!

Feierte zuletzt der schlaffe Turnbeutel aus den Achtzigern eine unberechtigte Renaissance auf den schmalen Rücken aller hippen und fashionunterjochten BWL-Studenten (und Studentinnen, so viel Zeit muss sein) und avancierte zum absoluten Must-have im textilen und körpernahen Transportsektor, spült die tsunamigleiche Modewelle nun den nächsten beutelartigen Uraltkadaver ans Ufer des Flusses, der Konsum heißt.

Beckenschiefstände und Haltungsschäden

In den Siebzigern noch baumelte die klobige Herrenhandtasche, meist aus dem zu der Zeit endschicken Kunstlederimitat Skai, an einer bald abgewetzten Schlaufe annähernd schuhkartongroß am Handgelenk und beherbergte sämtliche Utensilien des Pfeifenrauchers – inklusive zweier Ersatzfeuerzeuge – ein großes Portemonnaie, das nötigste Werkzeug für unterwegs, etwas zum Schreiben und schwere Schlüsselbunde. Dazu kamen in einer sogenannten Brieftasche (wenn Sie nicht wissen, was das ist, dann fragen Sie mal Ihren Opa, der müsste die noch kennen) die zeitgemäß großen Dokumente Führerschein, Fahrzeugschein und das graue Büchlein, welches unter dem Namen Personalausweis bekannt war, zudem individueller Kleinkram. So kam es beim linksseitigen Tragen der kiloschweren Herrenhandtasche reihenweise zu Beckenschiefständen und Haltungsschäden.

Hässlicher Zeitzeuge mangelnden Geschmacks

Heute ist die Herrenhandtasche immer noch hässlicher Zeitzeuge mangelnden Geschmacks und überführendes Beweismittel des willenlosen Unterliegens des modischen Diktats, doch wird sie Ende der Zweitausendzehnerjahre nunmehr als kleine, nicht einmal DIN-A-5-große Umhängetasche voll gangstermäßig wie ein Pistolenhalfter getragen und dient lediglich als weitere Schutzhülle für das überteuerte Großmaultelefon, welches eh die ganze Zeit in der Hand gehalten wird.

Das Ding ist also im Grunde leer und vom praktischen Transportbehälter zum modischen Accessoire verkommen, bei dem der Name des Herstellers in gut lesbarer Schrift zu erkennen sein muss. Der meist junge und testosteronbestimmte Linksträger sagt auch nicht mehr „Handtasche“, weil er sonst seine sexuelle Orientierung in Gefahr sieht. Es ist nun die „Men‘s Bag“. Also, das ist ja echt mal innovativ!

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