Kolumne : Tiedemanns Elbansichten: „Brötchen?“– „Ich will was essen, ey, und nicht frühstücken!“

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

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04. Juli 2018, 14:00 Uhr

Elmshorn | Es war Feierabend und ich war auf dem Weg mit dem Rad von der sogenannten Innenstadt nach Hause in die urbane Peripherie. Ein paar Meter vor mir her arschwackelten zwei junge Frauen nebeneinander auf ihren Hollandrädern. Rein vom Erscheinungsbild her wirkten sie sicher über 20. Als ich ihnen näher kam und sie sprechen hörte, konnte ich verlässlich fünf bis sieben Jahre abziehen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

An der nächsten Ampel hielt ich direkt hinter ihnen. Zwischen deutlich enger Hose und (in jeder Bedeutung des Wortes) knappem T-Shirt quoll bei beiden die schlaffe Büffelhüfte feist hervor. Es schien, als würden sie ihre winterfesten Leiber zwingen, Größe 34 zu sein, dabei brauchen Kalorien nun mal Platz. Maulig und von der Welt beleidigt diskutierten die beiden satzbaulos im WhatsApp-Chat-Modus darüber, dass sie hungrig seien. Die eine Brummige schlug der anderen diverse Speisen zur Nahrungsaufnahme vor, doch jedes Mal hatte Miss Gelaunt etwas auszusetzen. „Pizza?“ „Hatt‘ ich gestern!“ „Pasta?“ „Zu warm!“ „Thai?“ „Pfff!“ „Brötchen?“ „Ich will was essen, ey, und nicht frühstücken!“

Ich versuchte mein Lachen zu unterdrücken, war anscheinend aber doch zu hören. Die beiden Hungerleiderinnen drehten sich zu mir um und scannten mich abschätzig von oben bis unten ab. Die abschließend minimale Kopfbewegung mit dem hörbaren Hochziehen einer Augenbraue war vernichtendes Urteil über mich genug.

Wenn man Verachtung in Kilo bemessen könnte, hätte mich eigentlich auf der Stelle zentral eine Abrissbirne treffen müssen. Ich machte eine beschwichtigende Geste, sie wandten sich wieder einander zu und ignorierten mich im gleichen Augenblick wieder. „Dann bestellen wir was.“ „Wie oft soll ich Dir noch sagen, dass ich kein Geld hab‘!“ Es trat eine kurze Stille voller Ratlosigkeit ein. 

Nach einer weiteren Sekunde, in der vor mir weiterhin aktiv gefastet wurde und die Ampel auf Grün wechselte, nahm die weniger Miesgelaunte der beiden die Verhandlung wieder auf und fragte bestimmt und auf eine Entscheidung drängend „Fahren wir jetzt zu Deiner Mutter oder zu meiner?“

Die Miesepetra stemmte sich mit Macht in die Pedale und schrie schon fast, sodass es wirklich jeder hören konnte, selbst wenn er  es nicht wollte: „Zu meiner! Bei Deiner gibt es nie was Richtiges und nur Salat!“ Zu sagen, dass das in ihrem Fall vielleicht ab und zu gar nicht mal so schlecht wäre, verkniff ich mir natürlich. Guten Appetit dennoch.

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