Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Tiedemanns Elbansichten zum Anhören : Nicht alle Kinder sind hochbegabt

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien.

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08. November 2019, 14:00 Uhr

Wolfi Mozart, Stevie Wonder und Pippi Langstrumpf. Kindliche Genies waren früher eigentlich eher die Ausnahme. Heute halten Eltern ihre ungewaschenen Gören jedoch immer häufiger und auch sofort für uneingeschränkt hochbegabt und überdurchschnittlich talentiert in allem, nur weil sie nicht stumpf grinsend mit Erde nach Katzen schmeißen oder wintertags den Frost von der Straßenlaterne ablecken wollen.

 

Kaum meldet ein vierjähriges Nachwuchstalent seinen unmittelbaren Harndrang bei den Erziehungsberechtigten an und macht nicht mehr gemütlich in die Hose oder eine Sechsjährige kann sekundenlang freihändig auf einem Bein stehen und fällt dabei nicht sofort hilflos um, was zugegeben heutzutage eine Seltenheit bei Kindern ist, dann wähnen die entzückten Eltern zweifellos eine wahre Intelligenzbestie auf dem geistigen Niveau eines Einstein im häuslichen Kinderzimmer wohnen.

Wer schon vor der Einschulung seinen Namen schreiben kann, ist nicht der neue Goethe, sondern einfach nur normal. Nur in Elmshorn ist er supernormal. Aber sicherlich nicht hochbegabt.

Arne Tiedemann gibt es bei uns jetzt auch zum Hören. Lauschen Sie jede Woche unserem Kolumnisten, wie er seine einzigartigen Elbansichten vorliest und das wann und wo immer Sie wollen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein internetfähiges Gerät. Die Hörbeiträge zu den Elbansichten finden Sie auf www.shz.de/elbansichten. Jeden Mittwoch gibt es eine neue Folge, zum Anhören und Schmunzeln. Um einen Eindruck zu bekommen, sind die ersten fünf Folgen für eine Woche kostenlos im Internet verfügbar. Im Anschluss ist eine Registrierung oder ein Digital-Abo notwendig.

Wenn mich ein Achtjähriger im Beisein der stolzen Eltern (also seiner, nicht meiner) wie auswendig gelernt und monoton stundenlang über flugfähige Kleinsaurier in der Kreidezeit oder Planeten außerhalb unseres Sonnensystems vollquatscht (obwohl es mich nicht die Bohne interessiert), und dabei mehr Fremdwörter und Fachausdrücke gebraucht als jährlich in der Tagesschau fallen, dann ist das kein Zeichen besonderer Intelligenz, sondern einfach nur Klugscheißerei. Aber das nur nebenbei.

Kaum noch zu stoppen

Eltern, die in jedem feuchten Pups, der aus dem Kinde entweicht, sofort eine außergewöhnliche Leistung erkennen und den Helikopter starten, sind kaum noch zu stoppen. Das schlumpfschlaue Kind ist neben dem türgroßen Fernseher und dem gewaltigen Protzgrill  das neue Prestigeobjekt unserer Gesellschaft. Bedenklich, früher genügte dafür ein großes Auto oder saufen können wie ein Ochse.

Wie herrlich angenehm sind da solche Eltern, die Ihr Kind nicht sofort in intellektuell höchste Sphären hieven und einfach mal mit der eigenen Erbmasse ehrlich auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Wie die Mutter etwa, die von ihrer schätzungsweise siebenjährigen Tochter beim Passieren eines Zirkus gefragt wurde „Mami, glaubst Du, dass ich mal Seiltänzerin werden kann?“, und die einfach mal mit einem entschiedenen „Nein, ganz sicherlich nicht!“ antwortete. Das Ausrufezeichen konnte man sogar hören. Das macht doch irgendwie Hoffnung.

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