Tiedemanns Elbansichten zum Anhören : Beim Rasieren: So weit klaffen Fantasie und Realität auseinander

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Kollmaraner und Kolumnist: Arne Tiedemann.

Die Männer in der Werbung für Rasierschaum sehen seltsamerweise ganz anders aus als in der Realität, findet unser Kolumnist Arne Tiedemann.

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08. November 2019, 13:00 Uhr

In einem übertrieben luxuriösen, lichtdurchfluteten, sterilweißen 70-Quadratmeter-Badezimmer steht vorm Spiegel in Größe einer Tischtennisplatte ein mitteljunger, sehr gut aussehender Mann, der scheinbar in seinem Leben nichts anderes je getan hat, als seinen makellosen, attraktiven, fettfreien Oberkörper zu trimmen und zu bräunen.

 

Bekleidet ist er lediglich und einzig mit einem nagelneuen, ebenfalls weißen Frotteehandtuch, welches seine Hüften und Schenkel bedeckt. Sein Kataloggesicht, irgendwo zwischen Mats Hummels, George Clooney und Neuwagen, ist perfekt mit einer gleichmäßigen Schicht Rasierschaum (genauso weiß wie das Handtuch und die Badezimmereinrichtung) belegt.

Börse, Beischlaf und Bundesliga

Er beginnt sich mit einem coolen Gesichtsausdruck, der nach Börse, Beischlaf und Bundesliga aussieht, zu rasieren. Jetzt wird die Sprühdose mit dem Rasierschaum groß eingeblendet und im nächsten Moment ist der Typ am Kinn so glatt wie ein Säuglingsarsch. Er streicht sich zufrieden über die Wange und bekommt abschließend von seiner Next-Topmodel-Freundin, die auf einmal im Raum ist, einen freundlichen Klaps auf den Podex, worauf sich beide halb totlachen. Wahrscheinlich vor dekadenter Blödheit. Soweit also die stupide Fantasie einer Fernsehwerbung.

Arne Tiedemann gibt es bei uns jetzt auch zum Hören. Lauschen Sie jede Woche unserem Kolumnisten, wie er seine einzigartigen Elbansichten vorliest und das wann und wo immer Sie wollen. Alles, was Sie dazu brauchen, ist ein internetfähiges Gerät. Die Hörbeiträge zu den Elbansichten finden Sie auf www.shz.de/elbansichten. Jeden Mittwoch gibt es eine neue Folge, zum Anhören und Schmunzeln. Um einen Eindruck zu bekommen, sind die ersten fünf Folgen für eine Woche kostenlos im Internet verfügbar. Im Anschluss ist eine Registrierung oder ein Digital-Abo notwendig.

Und nun die Realität: Ich taper morgens schlaftrunken ins Bad, finde den Lichtschalter nicht, latsche gegen den Wäscheständer und stoße mir zusätzlich den kleinen Zeh an der harten Badewannenkante. Ich schreie einen stummen, jugendgefährdenden Fluch ins Handtuch. Selbst dann mit Licht an dauert es ein bisschen, bis ich mich im Spiegel erkannt habe. Ja, ich bin es tatsächlich, und während des surrenden Zähneputzens verhandele ich mit mir selbst, ob ich mich rasieren muss oder nicht. Da ich diese Auseinandersetzung mit mir schon die letzten Tage hatte, muss es heute sein.

Das Blut fließt in Strömen

Beim müden Griff nach dem Rasierschaum im Spiegelschrank kommt mir fast alles, was drin steht, entgegen. Mit der rechten Hand räume ich den ganzen Kram, der scheppernd ins Waschbecken gefallen ist, wieder in den Schrank. Mit links rasiere ich mich, obwohl ich ausnahmslos Rechtshänder bin. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich mir trotz Safetygriffs und Klingen mit Superprotection-Funktion tief ins Kinn schneide und sofort blute wie ein Schwein. Während es schlachthofartig rot in den Abfluss rinnt, versuche ich mit einer Vielzahl an Grimassen den Rest meiner Visage irgendwie zu Ende zu rasieren. Das Ergebnis ist würdelos und ich sehe aus wie ein Totalschaden und der zweite Sieger einer Messerstecherei. Auf den Hintern klapst mir keiner.

Unser Kolumnist Arne Tiedemann ist eigentlich Bibliothekar und schreibt hier jede Woche über Heimatliebe, Spleens und Alltagsphilosophien. Sie wollen noch mehr Elbansichten lesen? Hier finden Sie die bisher erschienenen Kolumnen.
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