Foto: Jann Roolfs

Tag des offenen Denkmals: Eine Villa und ihre Geschichte


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2018-09-11 16:49:25.0, 2018-09-11 16:49:25.0 Uhr

Die Küche ist recht großzügig. Aber als nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Raum gleich vier Frauen mit Namen Asmussen ihre Familien versorgen mussten, ging es wohl nicht immer friedlich zu. „Man munkelt, dass sie sich gegenseitig die Kartoffeln aus den Pfannen geklaut haben“, erzählt Doris Noeske. Geboren wurde sie als eine Asmussen in dem Haus, durch das sie am Sonntag gut zwei Dutzend Besucher führt: die Villa Asmussen auf Klostersande, gelegen inmitten der Hefe-Produktionsanlagen, die noch heute unter dem Familiennamen firmieren.

Das Unternehmen wurde allerdings 2009 an die französische Firma Lesaffre verkauft; mitsamt Villa, die seitdem leersteht. Am Tag des offenen Denkmals war das Haus erstmals öffentlich zugänglich. Doris Noeske und ihre Schwester Christiane Kühn waren extra aus Bonn und Stuttgart angereist, um am Sonntag Besucher durch das Haus zu führen, in dem sie 1948 und 1950 geboren wurden.

Außerdem öffneten am Tag des offenen Denkmals die Knechtschen Hallen, die IHK-Villa und das Industriemuseum ihre Türen für Besucher. Mit besonderen Führungen ging es durch die Stadt zur Markthalle, in die Kirche St. Nikolai oder die Kaltenweide entlang zu den Unternehmervillen.

Die Schwestern Asmussen trafen in ihrem Geburtshaus zwei ganz besondere Gäste: ihre ehemaligen Kindermädchen Dörte und Elfriede waren zur Führung gekommen. „Der Eric war immer morgens um sechs wach, wenn die Pferde trampelten“, erinnerte sich Dörte noch an den älteren Bruder der beiden.

Die Villa wurde 1864 von Daniel von Drahten als Wohn- und Schankhaus gebaut, im ersten Stock betrieb er einen großen Saal. Die Brüder Peter Christian und Lorenz Johann Asmussen übernahmen das Haus 1884 aus von Drahtens Konkursmasse. Sie hatten in Dänemark zwei Schwestern geheiratet, die aus vermögendem Haus stammten: „Schiet to Schiet“, kommentierte Ur-Enkelin Doris Noeske die finanzielle Seite der Doppelhochzeit.

Später kam noch eine Villa an der Kaltenweide zum Familienbesitz dazu. Die wurde nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings von den Engländern requiriert, und so kamen die Asmussens unfreiwillig wieder zusammen. Zusätzlich wohnten Flüchtlinge in dem Haus, so dass bis zu 34 Menschen sich das einzige Badezimmer teilten. „Meine Mutter hat gesagt, sie freut sich, wenn sie wieder im Nachthemd durchs Haus gehen kann“, beschrieb Noeske die Einschränkungen; darauf musste die Frau allerdings lange warten, erst Ende der 1950er zogen die letzten Flüchtlinge aus. Seit 2009 steht die Villa leer. Dass sie überhaupt noch steht, verdankt sie ihrer Mutter, erklärte Doris Noeske: Als das Haus für ein Kühlhaus abgerissen werden sollte, sorgte sie in den 1980ern dafür, dass es unter Denkmalschutz kam.

Strom ist noch da, aber nach einem Rohrbruch gibt es kein Wasser mehr im Haus. „Wir würden das Haus sehr, sehr gern zu gemeinnützigen Zwecken öffnen“, betonte Noeske: Ein Museum, Vorträge oder Ausstellungen könnten sie sich dort vorstellen. Aber die Entscheidung darüber treffen jetzt andere, und die geben sich zugeknöpft: Bis die Schwestern das Haus für die Führung am Sonntag nutzen durften, handelten sie sich viele Absagen der Eigentümer ein. Erst ein neuer Betriebsleiter in Elmshorn gab sein Einverständnis.

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