Stachelige Schönheiten im Fokus

Lars Franzen aus Bergedorf und Sohn Henry (8) suchen sich bei Michael Holst Kakteen aus.
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Lars Franzen aus Bergedorf und Sohn Henry (8) suchen sich bei Michael Holst Kakteen aus.

Kakteen- und Sukkulentenbörse in Sibirien leidet unter Besucherschwund

shz.de von
12. Mai 2018, 15:18 Uhr

„Ich mag die kleinen, schönen Blüten“, sagt Barbara Klingenberg: „Vor ein paar Jahren war das mein Ruhepol, als ich meine Tochter bekommen habe.“ Die Pflanzen, die Klingenberg so begeistern, heißen Mammillarien, die Gattungsbezeichnung leitet sich vom lateinischen Wort für „Brustwarze“ ab, und auf deutsch heißen sie „Warzenkakteen“. „Zwischen den Warzen kommen die Blüten ’raus“, erklärt Wolfgang Borkenhagen.

Klingenberg kommt aus Flensburg, Borkenhagen aus Rellingen. Die beiden treffen sich an Himmelfahrt in Elmshorn. An diesem Tag veranstaltet die Ortsgruppe Elmshorn in der Deutschen Kakteen-Gesellschaft traditionell ihre Kakteen- und Sukkulentenbörse. Sie ist die älteste private Tauschbörse in Deutschland und die einzige in Schleswig-Holstein, erläutert Klaus Brickwoldt, der Vorsitzende der Elmshorner Kakteenfreunde. Sie wird seit 1953 veranstaltet, seit 1957 treffen sich die Enthusiasten in Sibirien. Gewerbliche Händler sind hier nicht zugelassen, in Elmshorn verkaufen Liebhaber ihre Zuchten, Nachzuchten, doppelte Pflanzen oder Ableger.

Wolfgang Borkenhagen hat zu Hause „schlapp anderthalb tausend“ Kakteen in zwei Gewächshäusern. Ihn fasziniert, dass die Pflanzen „so vielseitig sind“. Er lobt ihre Robustheit: „Sie können im Sommer drei Wochen in Urlaub fahren, ohne, dass etwas passiert“. So einfach macht Borkenhagen es sich allerdings nicht, im Gewächshaus bewahrt er seine Lieblinge vor Frost – „knochentrocken“ muss es dort sein.

Lars Franzen aus Bergedorf ist mit seinem achtjährigen Sohn Henry unterwegs. Die Beiden suchen sich ein besonders großes Exemplar aus, eine Mammillaria rhodantha in Unterarmlänge. Die ist 30  Jahre alt, Verkäufer Michael Holst aus Schwerin hat sie selbst groß gezogen. Franzen will einen großen Kaktus haben, „weil die kleineren bei mir immer eingehen.“ Die Rhodantha soll nun nicht auf dem Glastisch im Wohnzimmer landen, wo es offenbar zu wenig Licht gibt, sondern: „Die wird jetzt ins Esszimmer kommen auf die Fensterbank“. Zehn Euro nimmt Holst für die große Pflanze. Fällt ihm das nicht schwer, die nach 30 Jahren Aufzucht wegzugeben? „Ich habe davon noch zwei kleinere Exemplare“, jetzt werde er sich halt um die kümmern. Der Schweriner beschäftigt sich seit 1980 mit Kakteen, zu Hause stehen sie in mehreren Frühbeeten und in einem Gewächshaus. „Wenn man etwas Neues pflanzt, dann muss man etwas Altes loslassen können“, gibt er sich philosophisch.

Die Verkäufer in Elmshorn sind meistens ältere Männer, unter den Kunden sind viele jüngere Leute. „Wir freuen uns ja, dass die jungen Leute kommen und kaufen“, sagt Ortsgruppenchef Brickwoldt: „Aber die treten nicht in unseren Verein ein.“ Früher standen in Sibirien die Kakteen auf 30 bis 40 Tischen zum Verkauf und 500 Besucher kamen, erzählt er. Heute sind es noch 15 Tische und entsprechend weniger Kunden. „Es werden immer weniger“, beobachtet auch Borkenhagen, der seit vielen Jahren nach Elmshorn kommt: „In ein paar Jahren ist das hier wohl auch vorbei“. Die Börsen in Lübeck und Kiel seien schon an mangelnder Beteiligung eingegangen.


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