Spätes Gedenken an 92 Bombenopfer

Der Heimatforscher Karl Heinz Kuhlemann stieß mit seinem Vorschlag auf offene Ohren.
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Der Heimatforscher Karl Heinz Kuhlemann stieß mit seinem Vorschlag auf offene Ohren.

70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: Elmshorn will auf Langelohe an den verlustreichsten Luftangriff im Kreis Pinneberg erinnern

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13. Juni 2014, 16:00 Uhr

Der letzte große Horror kurz vor Schluss: Am 27. April 1945, nur zwölf Tage vor Kriegsende, erleiden die Menschen im Elmshorner Stadtteil Langelohe den verlustreichsten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges im Kreis Pinneberg. An jenem Tag sterben laut späteren Angaben der Kreisverwaltung 92 Menschen. Der Polizeibericht spricht von 20 getöteten Kindern sowie zehn Mädchen und Jungen unter den insgesamt 46 Schwerverletzten.

324 Menschen, also 1,5 Prozent der Elmshorner Bevölkerung, werden am 27. April 1945 obdachlos als 101 schwere und mittelschwere Bomben auf den Kreuzungsbereich von Köllner Chaussee, Steindamm und Langelohe (Reichsstraße 5) fallen. Noch heute ist ein Grundstück am Langeloher Kreisel, wo bis zum Angriff ein Reetdachhaus stand, unbebaut.

Der Elmshorner Heimatforscher und ehemalige ehrenamtliche Stadtarchivar, Karl Heinz Kuhlemann, hat jetzt bei den Politikern angeregt, mit einem Gedenkstein oder einer Gedenktafel an die Opfer zu erinnern, die aufgrund der damaligen Wirren nie in einer Zeitung erwähnt worden waren und zu deren Beerdigung nicht einmal alle in Elmshorn wohnenden Verwandten erscheinen konnten.

Kuhlemann stieß mit seiner Idee bei den Mitgliedern des zuständigen Kulturausschusses jetzt auf offene Ohren. Zum 70. Jahrestag der Tragödie, so die einstimmige Meinung der Vertreter aller Fraktionen, soll an den letzten großen Schrecken des von den Nationalsozialisten entfachten Krieges auf Langelohe gedacht und ein Ort des Gedenkens eingerichtet werden. Die Politiker beauftragten die Verwaltung, einen geeigneten Platz und eine geeignete Form der Darstellung zu suchen und die notwendigen Gelder für den Haushalt 2015 zu beantragen.

Wie konnte es eigentlich zu diesem schrecklichen Ereignis so kurz vor Kriegsende kommen? Die britischen Soldaten kämpften gegen die letzten Reste der deutschen Wehrmacht, deren Angehörige sie vor sich her in Richtung Norden trieben. Viele Soldaten versuchten, sich nach Dithmarschen oder Richtung Flensburg abzusetzen. Dabei blieb ihnen (die Hamburger Straße, die Bundesstraße 5 – heutige Wittenberger Straße – und die Autobahn gab es noch nicht) nur der Weg auf der Pinneberger Chaussee und durch Langelohe sowie die Innenstadt in Richtung Itzehoe.

Die von dieser Zeitung bereits vor fast zehn Jahren befragten Zeitzeugen sind sich einig, dass der Angriff – einmal um 7 und dann noch einmal zwischen 18 und 18.30 Uhr – diesen Wehrmachtsgruppen galt, zumal am Mühlendamm der Volkssturm – bestehend aus jungen Schülern und alten Männern – noch eine Panzersperre aufgebaut hatte. Allerdings: Der Bericht des Elmshorner Polizeioberleutnant Willi Möller zum Angriff vom 27. April 1945 weist unter den Todesopfern lediglich sechs Wehrmachtsangehörige aus.

Insgesamt kamen im Kreis Pinneberg während des Zweiten Weltkrieges 306 Zivilpersonen bei Luftangriffen, Flakbeschuss und Sprengungen ums Leben. Bei den insgesamt 25 Luftangriffen der Bomber auf Ziele im Kreisgebiet gab es in Elmshorn die mit Abstand größten Verluste. Hier starben insgesamt 144 Menschen, die meisten davon an jenem April-Tag auf Langelohe, wenige Tage vor Kriegsende. Ihnen und ihrem sinnlosen Sterben soll nach 70 Jahren gedacht und zugleich an die Schrecken von Faschismus und Krieg mahnend erinnert werden.

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