Sollte Schule später beginnen?

Der frühe Unterrichtsbeginnsetzt Kindern zu – und sie können nichts dafür.
Der frühe Unterrichtsbeginnsetzt Kindern zu – und sie können nichts dafür.

Eine Wedeler Grundschule macht es vor / Bundestagsabgeordnete plädieren für mehr Flexibilität

shz.de von
11. Januar 2019, 16:37 Uhr

Müde Schüler und gestresste Eltern – ist der frühe Schulbeginn überholt? Biorhythmus, berufstätige Eltern, Verkehrsanbindungen und Geschwisterkinder sind die Hauptargumente in der Debatte um den Unterrichtsbeginn an Schulen.

Für die Erst- und Zweitklässler der Wedeler Moorwegschule beginnt der Unterricht beispielsweise regulär erst um 8.30 Uhr. Die Moorwegschule ist mit dem späteren Unterrichtsbeginn kreisweit ein Einzelfall bestätigt Schulrätin Anja Soeth im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es gibt immer mal wieder interne Strukturveränderungen an den Schulen, aber die Zeiten sind klar festgelegt.“ Sie ergänzt:  „8.30 Uhr Schulbeginn ist eher die Ausnahme“. Für die Festlegung der Uhrzeit ist die Schulkonferenz zuständig. Für Soeth sei es wichtig, die Eltern und Schulträger zu beteiligen. „Es geht immer darum, Verlässlichkeit für die Eltern herzustellen. Darauf muss eine Unterrichtsstruktur Rücksicht nehmen.“ Für Soeth spielen viele Faktoren eine Rolle: „Neben den verpflichtend zu unterrichtenden Stunden zählen unter anderem auch Betreuungszeiten oder notwendige Anbindungen an den ÖPNV.“ Eine inhaltliche Meinung, ob Schule früher oder später beginnen sollte, stünde ihr als Schulrätin nicht zu.

Der Elmshorner Bundestagsabgeordnete Ernst-Dieter Rossmann (SPD) hingegen äußert eine eindeutige Meinung zu diesem Thema. „Ich bin für mehr Flexibilität“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. Er werbe dafür, die Fragestellung lernpsychologisch zu betrachten. „Ich finde es sinnvoll, wenn sich der Unterrichtsbeginn nach dem Bio- und Altersrhythmus richtet“. Bei einer zeitlichen Umstrukturierung müssten dann allerdings auch die Mittagsversorgung ausgeweitet und Aufenthaltsräume geschaffen werden, räumt er ein.

Auch Michael von Abercron (CDU) sprach sich auf Anfrage für mehr Flexibilisierung des Schulbeginns, „wenn organisatorisch im Schulablauf realisierbar“, aus. Er ergänzte, es sollte über „ein Kurssystem, analog zu denen der Hochschulen, nachgedacht werden. Auch hier sollten aber vor allem die Schulkonferenzen das letzte Wort haben.“

Die Grünen in Schleswig-Holstein konnten sich im Sommer mit ihrem Vorschlag eines späteren Unterrichtsbeginns an Schulen nicht durchsetzen. Sie warben im Landtag und in der Landesregierung für einen flexibleren Unterrichtsbeginn, um etwas für ausgeschlafene Schüler zu tun. So hätte es zum Beispiel Staffelungen nach dem Alter geben können, weil der Schlafrhythmus unterschiedlich sei, hieß es in der Debatte. Kleine Kinder seien oft Frühaufsteher, Jugendliche eher nicht.

Peter Albrecht, Pressesprecher der Hamburger Schulbehörde, spricht von „Lerchen und Eulen“. Die „biologischen Leistungszyklen“ stünden mit der Uhrzeit in Verbindung. Dass jüngere Kinder als Frühaufsteher zu den Lerchen gezählt werden, widerspräche allerdings der Entscheidung der Wedeler Moorwegschule, gerade die Jüngsten länger schlafen zu lassen. In Hamburg gibt es einzelne, weiterführende Schulen, die dem Schlafrythmus der Eulen entgegenkommen, bestätigt Albrecht. Das Hamburger Gymnasium Marienthal und die Stadtteilschule Barmbek beginnen beispielsweise später. „Die Motive der Schulen sind unterschiedlich, denn der Unterricht verschiebt sich ja auch nach hinten“, erläutert Albrecht.

Laut eines Spiegel-Artikels beginnt an über zwanzig Schulen in der US-Stadt Seattle der Unterricht seit zwei Jahren erst um 8.45 Uhr. Ein Mammutprojekt für die Stadt. Der Fahrplan der Busse wurde umgestellt, Eltern, Musikschulen und Sportvereine mussten überzeugt werden und sich auf neue Zeiten einstellen. Der Aufwand habe sich aber gelohnt: Wissenschaftler hätten nun bestätigt, dass die Schüler wacher sind.

Für einige der Eltern in der Moorwegschule in Wedel passte der spätere Unterrichtsbeginn allerdings nicht in den Tagesablauf. Sie hatten nach der Umstellung den Bedarf einer Frühdienstbetreuung angemeldet (wir berichteten). 14 Grundschüler werden nun ab 7.30 Uhr vor Unterrichtsbeginn betreut.

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