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Elmshorner Nachrichten

29. Juni 2017 | 18:07 Uhr

Sie verschießen weltweit ihr Pulver

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Serie Börger Oberflächentechnik aus Elmshorn konstruiert Anlagen für Pulverbeschichtung

360 Autofelgen laufen pro Stunde auf einem Bodenförderer in die Anlage ein, werden automatisch vermessen, sieben Pistolen richten sich aus; aus ihnen wird Farbpulver auf die Felgen gesprüht. Am Ende der Kabine ist die Felge beschichtet, die Pistolen laufen zurück, um ihr Pulver auf die nächste Felge zu schießen. Diese Anlage wird zurzeit in Mexiko aufgebaut, sie gehört zum neuen Werk eines der größten Felgenproduzenten der Welt. Die Pulverbeschichtung in dem Werk stammt aus Elmshorn, die Techniker sind von der Krückau nach Chihuahua gereist, um sie aufzubauen.

Börger Oberflächentechnik konstruiert Anlagen für Pulverbeschichtung, die weltweit im Einsatz sind. Gerade haben sie eine Komponente nach Bosnien geschickt, wo ebenfalls Felgen beschichtet werden, andere Pulverbeschichtungsanlagen stehen in Südkorea oder China. Die Chance ist groß, dass jeder schon einmal mit einem Metallteil zu tun hatte, das mit Elmshorner Technik beschichtet wurde: zum Beispiel beim Dämpferrohr im Auto-Kofferraum; das stammt fast immer von einem Hersteller, der mit Börger-Technik beschichtet.

Pulverbeschichtung ist die Alternative zur herkömmlichen Nasslackierung. Vorteil dabei: Es werden keine umweltschädlichen Lösemittel benötigt. Als Beschichtungsmaterial wird Kunststoff granuliert – meistens Polyester oder Epoxy –, gemischt und zu feinem Pulver gemahlen. Dieses Farbpulver wird per Druckluft in eine Pistole gesogen und von dort ausgeblasen. An der Spitze der Pistole lädt eine Elektrode das Pulver elektrostatisch auf; die zu beschichtenden Werkstücke werden geerdet und bilden damit elektrisch die Masse, die das aufgeladene Pulver anzieht. „Das haftet wie Haare an Kunststoff“, erklärt Börger-Geschäftsführer Ulf Kleineidam. Zum Abschluss wird die Schicht bei 180 Grad eingebrannt und das Werkstück kann weiter verarbeitet werden.

Angewandt wird das Verfahren vor allem bei Stahl. Die Technik funktioniert allerdings auch bei Aluminium und sogar bei MDF-Platten aus dem Möbelbau und als Spezialität sogar bei Flaschen, erklärt Kleineidam. Aber Standard ist Stahl in allen Varianten: „fast alles, was schwarz ist bei Automobilen, Felgen, Fassaden“ ist pulverbeschichtet. Zäune und Fensterrahmen zum Beispiel für Sporthallen sind ein weiterer typischer Anwendungsbereich.

Der Anlagenbau macht bei Börger 80 Prozent des Geschäfts aus, die restlichen 20 Prozent steuert die Lohnbeschichtung bei. Börger behandelt Werkstücke aller Art, Kunden sind vor allem Firmen aus der Region. Für ein medizintechnisches Unternehmen in Kaltenkirchen werden hier HNO-Tische antibakteriell beschichtet, auch die Spezial-OP-Stühle des Elmshorner Herstellers Akrus werden bei Börger behandelt. Für einen Hersteller hochwertiger Inneneinrichtung beschichten die Elmshorner Lampen.

Grenzen hat die Pulver-Technik bei Farbverläufen und bei Wunschfarben: Wenn es darum geht, eine alte Farbe auszubessern, gelingt es nass besser, den ausgeblichenen Farbton zu treffen als mit Pulver, das normalerweise auf Standardtöne und ein paar Spezialitäten begrenzt ist. Aber es gibt sogar Pulverfarben mit Metallic- oder Hammerschlageffekt oder Oberflächenstruktur.

Pulverbeschichtungsanlagen sind in der Regel Einzelstücke. Konstruktion und Entwicklung der Beschichtungsanlagen erledigt Börger, gefertigt werden sie beim benachbarten Metallbauer; das Aufbauen übernehmen wieder Börger-Techniker.

In der jahrelangen Arbeit haben die Elmshorner einige Komponenten entwickelt, ein System ist sogar patentiert. Als Beispiel nennt Kleineidam ein Sieb, das per Ultraschall in Schwingungen gebracht wird, um aufgefangenes Pulver zu reinigen. Zwei Komponenten fertigt Börger in Serie: eine Dichtstrompumpe, die das Pulver zur Pistole befördert, und „eine Art Industriestaubsauger“, mit der Pulver vom Beschichten einer Schweißnaht auf Lebensmitteldosen zurückgewonnen wird.

Börger wurde 1984 von Wilhard Kleineidam in Halstenbek gegründet. 1993 zog das Unternehmen nach Elmshorn, um sich zu vergrößern. Der Gründer hält bis heute die Mehrheit der Anteile an der GmbH und arbeitet mit, zieht sich aber langsam zurück. Seinen Söhnen gehören die übrigen Anteile: Ulf Kleineidam leitet das Unternehmen als Diplom-Kaufmann, sein Bruder Andreas kümmert sich als Ingenieur um Konstruktion und Entwicklung. 26 Mitarbeiter erwirtschaften rund 4,5 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, Tendenz: „Bisher wächst es in jedem Jahr“, sagt Ulf Kleineidam.

Andreas Kleineidam blickt angesichts des 2-Millionen-Projekts in Mexiko schon weit voraus: „Wenn die Anlage läuft, wie sie soll, dann können weitere Aufträge kommen“. Mund-zu-Mund-Propaganda ist schließlich bisher die wichtigste Vertriebshilfe für die Elmshorner.Warum soll das nicht auch in größerem Maßstab funktionieren, findet Andreas Kleineidam: „Man spielt in einer Liga mit, an die man vorher nicht gedacht hat.“

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