zur Navigation springen

Serie: 150 Jahre Liedertafel : Sie schwärmen für ihren Chor

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Die ehemaligen Vorsitzenden Ewald Becker, Hans-Hermann Brügge und Bernhard Behnke sind bis heute aktiv.

shz.de von
erstellt am 17.Feb.2016 | 15:30 Uhr

Elmshorn | Die Liedertafel Elmshorn feiert in dieser Woche ihr 150-jähriges Bestehen mit zwei Festkonzerten im Saalbau. Auf dem Programm stehen Carl Orffs „Carmina Burana“. Beide Konzerte sind bereits ausverkauft. Kein Wunder: Besonders in den vergangenen Jahren hat sich die Liedertafel mit ihren rund 200 Sängern in fünf Chören zum viel beachteten Kulturträger in der Region entwickelt. Die Liedertafel ist Thema der Woche in dieser Zeitung. Heute gibt es ein Porträt der langjährigen Sänger Ewald Becker, Hans-Hermann Brügge und Bernhard Behnke .Als Ewald Becker in den Männerchor Liedertafel eintrat, sangen dort überwiegend Elmshorner Geschäftsleute; „Prominentenchor“ nennt er das in der Rückschau. In den Probenpausen sei er am Langeloher Hof allein spazieren gegangen, er fand keinen Kontakt zu den alten Hasen. Als er in den 1960er-Jahren für einen Vorstandsposten kandidierte, hieß es, das gehe nicht, er arbeite ja nicht einmal in Elmshorn.

Die Liedertafel Elmshorn feiert in dieser Woche ihr 150-jähriges Bestehen mit zwei Festkonzerten im Saalbau. Auf dem Programm stehen Carl Orffs „Carmina Burana“. Beide Konzerte sind bereits ausverkauft. Besonders in den vergangenen Jahren hat sich die Liedertafel mit ihren rund 200 Sängern in fünf Chören zum viel beachteten Kulturträger in der Region entwickelt.

Das Fremdeln verging, von 1974 bis 1982 amtierte Becker sogar als Vorsitzender des Elmshorner Chors, heute ist er dort Ehrenmitglied. Seine Idee beim Eintreten 1958, über den Chor als Neu-Elmshorner Leute kennen zu lernen, hat sich erfüllt. Der 82-Jährige ist mit 58 aktiven Jahren der dienstälteste Sänger in der Liedertafel. „Ich komme in zwei Jahren auf 60 Jahre Liedertafel, dann gebe ich einen aus!“, verspricht er.

Hans-Hermann Brügge, 81, erzählt eine ähnliche Geschichte, allerdings ohne die Vorurteile: Der Gerichtsvollzieher wurde 1960 von Itzehoe nach Elmshorn versetzt; in der Krückaustadt trat er, wie schon in Itzehoe, einem Chor bei „um Kontakt zu kriegen“. Brügge war zwei Mal Vorsitzender, von 1982 bis 1992 und von 2006 bis 2008, heute ist er Ehrenvorsitzender.

In Ewald Beckers Vorstandszeit streifte die Liedertafel eine 112 Jahre alte Tradition ab: Sie gründete in ihrem Verein einen Frauenchor; bis 1978 hatten dort nur Männer gesungen. Es lief gut an, bald waren mehr als 100 Sängerinnen dabei. Aber 2002 verließen die Frauen die Liedertafel wieder, heute singen sie als „Cantamus“. „Die Chemie stimmte nicht mehr“, sagt Hans-Hermann Brügge; „die beiden Chorleiter der Männer und der Frauen verstanden sich nicht“, wird Bernhard Behnke genauer.

Behnke ist der zweite Ehrenvorsitzende der Liedertafel; in seine Amtszeit als Vorsitzender 2001 bis 2006 fielen die größte Krise des Vereins und die Rettung, die als Anlauf zur Erfolgsgeschichte des heute größten Vereins im Landes-Sängerbund diente. Er stand mit erheblich dezimierter Mitgliederschaft da in einer Zeit des „Sterbens der Männerchöre“, erinnert sich der 80-Jährige. Aber er konnte Susanne Drdack überreden, die Leitung des Chors zu übernehmen. Die brachte gleich noch einige sehr engagierte junge Sänger mit, ehemalige EBS-Schüler, deren Chor sie leitete. „Junge Leute haben mit Vereinsmeierei nichts am Hut: Ihr sollt singen, wir machen den Rest“, begründete Behnke die Aufnahme der neuen Sänger. Aus dieser Gruppe erwuchs das Ensemble Elmshorn, ein sehr erfolgreicher Chor, der mehrfach Landeswettbewerbe gewann.

Mit Drdack gründete die Liedertafel einen Kinder- und einen Jugendchor und der Volkslieder-Singkreis fand sich ab 2005 zusammen. Aber der alte Kern des Traditionsvereins schwächelte weiter, bis sich die Frage stellte: den Männerchor umwandeln in einen Shantychor oder in einen gemischten Chor? Seit 2011 singen Becker, Brügge und Behnke in einem gemischten Chor, der heute rund 50 Sängerinnen und Sänger stark ist.

„Sie geht über Fehler nicht hinweg“

„Susanne ist meine sechste Dirigentin“, rekapituliert Ewald Becker: „Sie ist die beste.“ Ihr Gehör und die Entwicklung, die der Chorgesang unter ihrer Leitung nahmen, überzeugen ihn. „Sie geht über Fehler nicht hinweg“, lobt Bernhard Behnke. Das findet auch Becker gut, obwohl er die Folgen schon selbst erlebt hat: Beim Einstudieren der Carmina Burana fürs Jubiläumskonzert schaffte er die Höhen in seiner alten Stimmlage Tenor nicht mehr. „Susanne hört das natürlich auf zehn Meter“, und schickte ihn in den Bass. Dort stellt er sich neben gute Sänger, um noch schnell die Partien in der neuen Stimmlage einzuüben.
Was ist für die erfahrenen Sänger das Tolle in der Liedertafel? „Die Kameradschaft“, fällt Ewald Becker sofort ein. Und da alle drei Funktionärsposten inne hatten, erinnern sie sich an die vielen Aktivitäten: Reisen durch Europa, Kontakte zu Chören in Nachbarländern.

Hans-Hermann Brügge erzählt von den konsularischen Komplikationen beim ersten Besuch polnischer Sangesbrüder 1986, zu Zeiten des Kalten Krieges. Er schwärmt vom Auftritt in der Basilika in Budapest. Ewald Becker erinnert sich an das beklemmende Gefühl, in Norwegen ein Konzert vor leerem Saal zu singen: Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt von Deutschen zerstört worden, da mochten die Einwohner keine 20 Jahre später noch keinen deutschen Gesang hören.

„Wir haben fix gefeiert“, stellt Bernhard Behnke im Rückblick fest: Stiftungsfest mit Ball im Januar und Weinfeste fallen ihm ein. Dazu „soziales Singen“ in Krankenhäusern und Altenheimen oder die Musik zur Marktzeit in St. Nikolai: „Wenn wir singen, gibt es die größte Kollekte“, betont Brügge.

Ewald Becker erinnert an den „Stoßtrupp“ der Liedertafel, der bis zur Gründung des Frauenchors 1978 eigene Feste organisierte. Entstanden war diese Abteilung in den 1920er-Jahren zur Zeit der Hyperinflation: In den Probenpausen schwärmten Sänger aus und erkundeten, in welcher Elmshorner Kneipe das Bier am billigsten war.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert