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Elmshorner Nachrichten

17. Oktober 2017 | 03:16 Uhr

Elmshorner Bahnhofsmission : Seelsorge am Gleis

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Hilfe für Obdachlose, Rollstuhlfahrer und Menschen ohne Fahrplan: Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission übernehmen in Elmshorn wichtige Aufgaben - auch die der Bahn. Ehrenamtlich.

shz.de von
erstellt am 11.Sep.2013 | 12:00 Uhr

„Wann fährt der nächste Zug nach Glückstadt?“ will eine Frau wissen. Melanie Natzenberg schaut auf den Bildschirm ihres Computers. „In 10 Minuten“, sagt sie. „Wie komme ich nach Westerland?“, fragt eine andere Reisende. „In einer Stunde mit der Nord-Ostsee-Bahn“, lautet die Antwort. Melanie Natzenberg und ihre elf Kollegen haben viel zu tun in diesen Tagen, weil wegen der Gleisbauarbeiten etliche Zugverbindungen rund um Elmshorn gestrichen worden sind. Aber eigentlich haben sie immer viel zu tun. Sie sind Mitarbeiter der Elmshorner Bahnhofsmission, der einzigen Bahnhofsmission im Kreis Pinneberg.

„In Elmshorn gibt es keinen Servicebeamten der Bahn, wir übernehmen deshalb einige Aufgaben für die Bahn“, sagt Wiebke Turkat, Leiterin der Elmshorner Bahnhofsmission.

Seit einigen Tagen haben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission neue Räume, direkt in der Bahnhofshalle. In den bisherigen Räumen, im alten Bahnhofsgebäude, war das Dach undicht. In den neuen Räumen hat die Bahn Fußboden verlegen und die Wände tapezieren lassen. Kleines Manko: Es gibt dort zwar einen Abfluss, aber kein Wasser. Das muss aus den alten Räumen, in denen sich auch die Diensttoiletten befinden, geholt werden. Dennoch sind die Mitarbeiter der Mission sehr zufrieden. „Der Standort hier ist einfach genial“, sagt Michael Martischus. Und schließlich stellt die Bahn nicht nur den Raum kostenlos zur Verfügung, sondern zahlt auch Strom, Wasser und Telefon.

Unterstützung für Rollstuhlfahrer

Auf der anderen Seite könnte, da der Servicebeamte fehlt, ohne die Helfer der Bahnhofsmission kein Mensch, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, die Bahn benutzen. Eine derartige Bahnfahrt wird vorher angemeldet. Die Mitarbeiter der Mission sorgen dann dafür, dass die Behinderten in die Züge gelangen.

In zehn Schichten sind jeweils zwei Mitarbeiter der Bahnhofsmission im Einsatz, und zwar jeweils von 8.30 bis 12 Uhr sowie von 12.30 bis 16.30 Uhr. Wegen der Gleisbauarbeiten arbeiten sie derzeit zusätzlich auch an den Wochenenden.

Die Aufgaben der Mitarbeiter der Bahnhofsmission gehen aber weit über Fahrplanauskünfte oder Unterstützung von Rollstuhlfahrern hinaus. „Wir sind Anlaufstelle für alle Menschen, vielfach auch für die, die Probleme haben“, berichtet Martischus. Dazu gehören Alkohol- und Drogenabhängige sowie Obdachlose.

Die Missionsmitarbeiter vermitteln vielfach Stellen, wo den Menschen geholfen werden kann. Schlafplätze gibt es unter anderem in Neumünster. „Wir sind eine soziale Anlaufstation, ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Wiebke Turkat. In jüngster Zeit würden immer mehr einsame Männer im Alter von 60 Jahren an die Hilfe der Missionsmitarbeiter benötigen. Denn zu ihren Aufgaben gehören auch seelsorgerische Gespräche. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt unserer Arbeit“, so Martischus.

Zurück in den Arbeitsmarkt

Er arbeitet wie neun seiner Kollegen ehrenamtlich. Wiebke Turkat hat eine bezahlte Halbtagsstelle, Melanie Natzenberg leistet ihren Bundesfreiwilligendienst. Träger der Bahnhofsmission sind das Diakonische Werk und die Caritas. „Wir haben ein christliches Leitbild, sind aber auch für andere Kulturen offen. Wir sind ein buntes Team und ergänzen uns gut“, sagt Turkat. Auch Praktikanten werden gern genommen. „Wir können aber noch Mitstreiter gebrauchen“, so Turkat.

Viele Mitarbeiter haben über die Tätigkeit bei der Bahnhofsmission wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückgefunden. Schließlich müssen die Mitarbeiter ihre Aufgaben zuverlässig erledigen. „Es ist eine anspruchsvolle und verantwortungsvolle Tätigkeit“, betont Martischus. Deshalb müssen auch vor Antritt mehrere Kurse unter anderem in Erster Hilfe sowie der Einführung in rechtliche und praktische Hintergründe der Arbeit absolviert werden. Warum machen die Mitarbeiter das? „Es ist eine sehr schöne und sinnvolle Aufgabe. Und man bekommt Struktur in seinen Tag“, sagt Martischus.

Neu im Team ist Erika Clasing. Obwohl sie seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen ist, ist sie ehrenamtlich äußerst aktiv. Sie hat einst in Elmshorn eine MS-Selbsthilfegruppe gegründet. Nun mischt sie auch bei der Bahnhofsmission mit. Pro Woche hat sie eine Viereinhalb-Stunden-Schicht, würde aber gern mehr machen. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben. Die Arbeit bringt Spaß“, sagt sie. Gemeinsam mit einer Kollegin ist sie die erste Rollstuhlfahrerin, die bei der Bahnhofsmission in Elmshorn im Einsatz ist.

Damit Erika Clasing ins Büro kommt, wurde eine kleine Rampe angeschafft. Bezahlt hat sie der Lions-Club. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Wiebke Turkat, die stolz auf ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter ist: „Wir sind hier schon ein tolles Team.“

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