Schwierige Früchtchen

War vor einer Wochenoch zuversichtlicher: Richard Früchtenicht auf dem hofeigenen Erdbeerfeld.
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War vor einer Wochenoch zuversichtlicher: Richard Früchtenicht auf dem hofeigenen Erdbeerfeld.

Wegen des Wetters haben Erdbeerbauern im ganzen Land Probleme / Auf dem Neuendorfer Hof Früchtenicht gibt die Familie die Erdbeerernte ganz auf

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15. Juni 2018, 16:00 Uhr

Eine Woche lang Erdbeerduft und Familien, die am Wochenende in Scharen zum Pflücken kamen. Dann war wieder alles vorbei. „Es war eine schreckliche Ernte für uns in diesem Jahr“, sagt Harm Früchtenicht aus Neuendorf. In den 28 Jahren, in denen der Landwirt jetzt schon Erdbeeren zum Selbstpflücken anbietet, erinnert er sich nur an ein ähnlich schlechtes Jahr – und das war vor einem viertel Jahrhundert. Der Mai war in diesem Jahr für die Erdbeerernte einfach zu trocken und zu heiß. Bevor die Früchte überhaupt groß genug werden konnten, waren sie schon überreif. Und die Erdbeerfreunde kamen zwar am Wochenende in Scharen auf den Hof in der Dünnenreihe und pflückten jede verfügbare rote Frucht vom etwa ein Viertel Hektar großen Feld. Aber die Beeren wuchsen eben auch in der Woche weiter und wurden dann viel zu schnell schlecht.

Eine Woche statt vier Wochen Ernte: Die Früchtenichts haben in diesem Jahr zum letzten Mal Erdbeeren zum Selbstpflücken angeboten. Und das nicht nur wegen des ungünstigen Wetters, sondern vor allem, weil sich die Nachfrage verändert hat, wie Richard Früchtenicht erzählt. Der 28-Jährige hat den Hof vor einigen Jahren von seinem Vater Harm übernommen. „Früher hat eine Familie 25 bis 50 Kilo Erdbeeren abgenommen, zum Einkochen und Einwecken“, erzählt Harm Früchtenicht. „Heute ist es durchschnittlich gerade mal ein Kilo. Erdbeerpflücken ist ein Familienerlebnis geworden – und zwar ausschließlich am Wochenende. Das macht das Geschäft für uns sehr risikoreich. Nur ein verregnetes Wochenende – und man kann die halbe Ernte vergessen.“ Die Erdbeeren sind allerdings nur ein kleiner Betriebszweig auf dem Hof Früchtenicht, viel wichtiger sind die Milchkuh- und die Schweinehaltung, das Getreide und der Mais.

Doch im direkten Umfeld von Elmshorn gibt es jetzt kaum noch frische Erdbeeren vom Feld. „Die Marsch mit schweren Böden ist kein klassisches Erdbeeranbaugebiet“, erklärt Heinrich Mougin, Vorstandsmitglied im Landesbauernverband und selbst Inhaber eines Erdbeerhofs in Grömitz (kleines Foto). „Erdbeeren brauchen leichtere Böden, außerdem kultivieren die Landwirte im Kreis Pinneberg und Steinburg klassischerweise eher Obstbäume.“

Im ganzen Land hätten Erdbeerbauern in diesem Jahr eine schlechte Ernte. „Es ist ein A-typisches Jahr. Das Wasser fehlt, dazu kommt die extreme Sonnenintensität. Die Erdbeeren werden zu schnell reif und die Ernte ist zu schnell abgeschlossen“, sagt Mougin, der in dieser Woche auch mit einem Stand auf den Holsteiner Pferdetagen vertreten war. Üblicherweise geht die Erdbeersaison bis Mitte Juli. „In diesem Jahr wird wohl Ende Juni oder Anfang Juli alles vorbei sein – zwei bis drei Wochen früher als üblich.“

Selbstpflücken bietet Mougin wie viele andere Kollegen ausschließlich als Service für die Kunden an. „Das ist ein Erlebnis für Familien, eine Möglichkeit, direkt von der Pflanze zu naschen und direkt zu sehen, wie die Früchte wachsen. Aber in der wirtschaftlichen Bedeutung ist das Selbstpflücken total unterrangig. Das lohnt sich für uns heute nicht mehr.“

Mougin bietet seine Erdbeeren hauptsächlich an Erdbeerständen an, in diesem Jahr für 3,50 bis 4,20 Euro pro Pfund. „Erdbeeren sind nicht teurer geworden, aber diese Preise brauchen wir auch, damit sich die Erdbeerernte noch rechnet“, sagt er. In diesem Jahr ganz besonders. Denn wer nicht mit Hilfe von Folientunneln oder anderen Hilfsmitteln richtig früh dran war, kam mit seinen Früchten in eine Marktschwemme, alle haben wegen der schnellen, intensiven Ernte ihre Erdbeeren gleichzeitig angeboten.

Ein weiteres Problem für die Erdbeer-Bauern: Es wird immer schwieriger, Arbeitskräfte für die Ernte zu finden. „Viele Helfer aus Osteuropa werden inzwischen von der Kranken- und Altenpflege abgeworben und haben dann das ganze Jahr über Arbeit in Deutschland“, weiß Mougin. „Dazu kommt, dass die Ernte eine schwere körperliche Arbeit ist und die Wirtschaft zurzeit ohnehin überall boomt. Das wird auch ein Problem der Zukunft sein.“

Richard Früchtenicht aus Neuendorf ist trotzdem froh, sich vor zwei Jahren dazu entschieden zu haben, den Hof seines Vaters zu übernehmen. „Natürlich sind die Finanzen in der Landwirtschaft immer ein Problem. Aber es gibt auch viele Vorzüge. Man kann zuhause mit der Familie arbeiten und sieht seine Kinder aufwachsen.“

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