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Elmshorner Nachrichten

25. Mai 2017 | 14:18 Uhr

Schwere Jungs aus Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Serie Die Kräne der Firma Kühl heben bis zu 400 Tonnen und reichen bis zu 120 Meter in die Höhe.

„Ein bisschen ist das schon ein Jungstraum“, sagt Mirco Klinter. Die Herausforderung, einen Lkw zu fahren, genügte ihm irgendwann nicht mehr. Jetzt sitzt er in einem richtig großen Gefährt: 60 Tonnen schwer, fünf Achsen, die alle individuell oder in Kombination lenkbar sind: „Der kann fast seitlich fahren“. Im Führerhaus ist rechts neben den normalen Anzeigen eine ganze Batterie von Knöpfen, um die vielen Aggregate in seinem fast eine Million Euro teuren Gefährt zu steuern, unter anderem mit Lenkprogrammen. Vor der Windschutzscheibe hängt ein dicker Haken. Mirco Klinter fährt einen Mobilkran, der maximal 200 Tonnen Gewicht heben kann und dabei bis in 72 Meter Höhe ausfährt. Bis zu 72 Tonnen an zusätzlichem Ballast stabilisieren den Kran bei der Arbeit.

„500 PS unten, 200 PS oben“, erklärt der junge Mann die Leistungsdaten: Die 500 PS dienen dazu, das riesige Gefährt vorwärts zu bringen. Die 200 PS sind nötig, um den Kran anzutreiben. Ein halbes bis ganzes Jahr dauert es, bis ein Fahrer dieses Hightech-Monstrum beherrscht, erklärt Klinter.

Klinters Kran ist einer von 24, die zum Elmshorner Kranverleih Kühl gehören. Er ist einer der großen, aber nicht der allergrößte. Kühl Kräne heben bis zu 400 Tonnen und reichen bis zu 120 Meter in die Höhe. Die knallroten Gefährte fallen auf; wenn sie im Einsatz sind und wenn sie unterwegs sind. Zumal zu einem der großen Kräne dann noch diverse Sattelschlepper mit Ballast und Ausrüstung gehören.

Alltagsgeschäft ist für Kühl das Aufbauen von Baukränen: „80 Prozent der Kräne in Hamburg bauen wir auf“, sagt Andreas Weinhardt, Inhaber und Geschäftsführer. Ein anderer Standard ist die Wartung von Windkraftanlagen oder Hilfe beim Aufbau der Windmühlen. Die Krönung beim Aufbau eins Windrads, das Anheben der tonnenschweren Gondel samt Flügeln in rund 100 Meter Höhe, überlässt der Elmshorner anderen: Dafür werden Spezialkräne benötigt, die kaum für andere Zwecke gebraucht werden. Und mit der gewaltigen Investition in einen solchen Kran würde Weinhardt sich in Abhängigkeiten von wenigen Herstellern als Auftraggeber begeben. Das widerspricht seinen Geschäftsprinzipien: Er sucht Kunden in der Nähe, also im südlichen Schleswig-Holstein und in Hamburg, und er bevorzugt viele kleine Kunden. „Das ist krisenfester“, sagt er, vom Problemjahr 2009 habe Kühl nichts gemerkt.

Angefangen hat die Firmengeschichte 1946, als sich Hans Kühl in Elmshorn als einer der ersten Lkw-Schlossermeister selbstständig machte. Die Werkstatt für Nutzfahrzeuge gibt es immer noch, mit 31 Mitarbeitern setzt die Kühl Kraftfahrzeuge GmbH rund 2,9 Millionen Euro um. Seit 1963 ist die Werkstatt im Industriegebiet Nord, 1982 wurde dort der Kranverleih als zweites Familienunternehmen gegründet. In der Größe hat er mit 50 Mitarbeitern und 6,7 Millionen Euro Umsatz die Werkstatt inzwischen überholt.

Drittes Standbein ist die Wekon GmbH. Unter deren Dach kümmern sich fünf Fachleute um Spezialtransporte. Wenn es etwa darum geht, die größte Schiffswinde der Welt, ein Trumm von 480 Tonnen, aus der Halle auf einen Schwimmponton zu bugsieren, sind sie gefragt. „Die nehmen Schweißgerät und Hobelbank mit“, sagt Weinhardt, denn fast jeder ihrer Einsätze ist eine Premiere mit unbekannten Schwierigkeiten. Spezielle Technik und viel Know-how sind unabdingbar, wenn große Maschinen in der Papier-, Zement- oder Lebensmittelindustrie ausgetauscht werden.

Ein bisschen Spieltrieb gehört auch manchmal dazu: Als es darum ging, ein 15 Meter hohes Silo zu versetzen, setzte Andreas Weinhardt zur Probe ein Bierglas auf ein Spielzeugauto: „Trauen wir uns das?“ Sie haben sich getraut, der Transport ging glatt; mit einem Spezialfahrzeug, bei dem sich die Federung der Räder blockieren ließ, 40 Tonnen Ballast und einem maßgeschneiderten Gestell.

In der Lkw-Werkstatt werden Nutzfahrzeuge vom Transporter bis zum Radlader gewartet und repariert; eine wichtige Nische nehmen Wohnmobile ein. Drei Meister und vier Fahrzeugelektriker kümmern sich um die Probleme der Kunden. Und auch hier ist der Jungstraum nicht weit: Der Abschleppwagen für Lkw hat 16 Liter Hubraum, zwischen 600 und 700 PS, genauer weiß das niemand, und pustet seine Abgase über zwei hohe, verchromte Rohre in die Luft. Wenn ein havarierter Lastwagen geborgen werden soll, fährt zunächst ein Monteur mit dem Abschleppwagen los und sondiert die Lage. Müssen Schlosser anrücken, um etwas abzubauen oder gängig zu machen, müssen Bagger oder Kran kommen, um den Lkw oder seine Ladung zu bergen? Einfache Standardaufträge gibt es bei Kühl selten.

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erstellt am 19.Mai.2017 | 16:00 Uhr

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