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Wochenserie Inklusion : Schultraining: Das Lernen lernen

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Beim Kooperativen Schultraining von verschiedenen Schulen und der Awo werden Kinder mit Schwierigkeiten in der Schule unterstützt.

shz.de von
erstellt am 14.Apr.2016 | 10:00 Uhr

Elmshorn | In einer Erdgeschosswohnung am Hainholzer Damm herrscht dicke Luft. Türen werden geknallt und Möbel auf den Boden geworfen. Keno* hat genug. „Ich will nach Hause. Ich schaffe das nicht mehr. Dieser ganze Scheiß hier“, brüllt er. Niemand kann genau sagen, warum sich Keno gerade so aufregt. Auch darum ist er hier.

Keno ist einer von zwölf Schülern in Elmshorn, die beim Kooperativen Schultraining fit für die Schule gemacht werden sollen. Alle Kinder hier besitzen einen sozial-emotionalen Förderbedarf und damit Verhaltensauffälligkeiten, das Lernen und den Schulbesuch erschweren. Einige Kinder haben ein psychisches Problem, Stress in der Familie oder ein Trauma erlitten. Andere Kinder sind nur etwas wild, können nicht stillsitzen oder sich konzentrieren. „Es gibt eine riesige Bandbreite. Manche Kinder zeigen massives gewalttätiges Verhalten, andere sind extrem ängstlich“, erklärt Gernod Schulz, Lehrer am Förderzentrum Paul-Dohrmann-Schule.

Das Training ist eine Maßnahme des Schulamtes und des Fachdienstes Jugend. Umgesetzt wird es vom Förderzentrum, der Arbeiterwohlfahrt (Awo), der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule und der Grundschule Klein Nordende-Lieth. Fünf Lehrer und fünf Mitarbeiter aus dem pädagogischen und therapeutischen Bereich arbeiten an der Maßnahme, bei dem die Kinder an das Lernen in der Schule herangeführt werden. Etwa zwei Jahre lang werden die Kinder hier unterstützt.

Am Anfang nehmen die Schüler nur stundenweise am normalen Unterricht teil, manchmal auch gar nicht. Erst mit der Zeit steigert sich die Zeit in der Schule. Jeder Schritt wird dabei mit den Kindern abgesprochen. „Wenn ein Schüler sagt, Mathe geht gar nicht, dann glauben wir das und nehmen erstmal ein anderes Fach“, so Schulz. Jedes Kind hat daher einen eigenen Stundenplan. „Ich habe eher einen Manager- als einen Lehrerjob“, erklärt Schulz, der für die Stundenpläne zuständig ist. Ist ein Kind nicht in der Schule, nimmt es an Trainingseinheiten teil. Diese sehen ganz unterschiedlich aus.

„Ich habe gar nichts gemacht“, sagt Tobias* als Nuri aufsteht und durch den Raum geht. „Stimmt, habe ich ja gesehen. Aber Nuri muss ja auch noch lernen“, antwortet Hannah Grewe. Sie ist Ergotherapeutin und arbeitet beim Schultraining zusammen mit ihrem Therapiehund Nuri. Der Labradormischling hat sich nicht an die Anweisung „Platz“ gehalten, was Tobias prompt bemerkt. Durch den Hund lernt er, dass man sich an Regeln halten und Anweisungen befolgen muss. Auch dass man Tiere nicht schlägt oder erschreckt sei vielen Kindern von vornherein klar. Über die Therapie versuche Grewe zu vermitteln, dass auch andere Kinder nicht geschlagen werden dürfen. „Der Hund strahlt eine gewisse Ruhe aus. Das fördert die Arbeitsatmosphäre. Darum ist Nuri oft bei der Hausaufgabenbetreuung dabei“, sagt Grewe.

Beruhigung in gewohnter Umgebung

Die Hausaufgabenbetreuung der Grundschüler findet in der Wohnung am Hainholzer Damm statt. Hier hat sich Keno nach einiger Zeit beruhigt und ist zu den anderen Kindern an den Tisch gekommen. Heute steht vor dem gemeinsamen Essen noch die Bewertung an. Jeder Schüler bekommt eine Liste mit individuellen Zielen und verdient sich Punkte, wenn er das Ziel erreicht hat. „Muggels“ nennen die Betreuer diese Punkte. Sind fünf Röhrchen voll, machen alle gemeinsam einen Ausflug. „Ich bearbeite selbstständig meinen Aufgaben - 88 Prozent“, liest einer der Kinder vor. Von den anderen gibt es dafür Applaus.

„Es geht nicht ohne Ziele. Die Kinder müssen wissen, was sie tun können, damit es besser klappt“, sagt Beate Reimer. Die Lehrerin arbeitet mit den älteren Schülern des Trainings. Auch der Einbezug der Eltern sei ein wichtiger Punkt für das Gelingen des Programms. Die Betreuer stehen im ständigen Austausch mit ihnen, aber auch mit dem Jugendamt, das diese Fördermaßnahme bewilligen muss. „Es gibt viele unterschiedliche Gründe, warum die Kinder sind, wie sie sind. Darum muss man die Kinder ganz unterschiedlich behandeln“, erzählt die Sozialpädagogin Janette Kuhz. Trainingsinhalte werden individuell auf das Kind abgestimmt. Auch haben alle Pädagogen eine besondere Fortbildung gemacht, damit sie den Umgang mit Kindern, die ein Problem haben, lernen. „Wir haben alle einen Deeskalationskurs gemacht, damit wir wissen, wie wir reagieren können“, erzählt die Ergotherapeutin Wienke Thomsen. Auch den Umgang mit Kindern, die ein Trauma erlitten haben, mussten die Trainer lernen: „Das sind Kinder, die dürfen wir nicht berühren. Sie fühlen sich leicht bedrängt. Die müssen immer einen Fluchtweg haben“, erzählt sie.

„Wer die Schule blöd findet und keine Lust hat, hat es später schwer im Leben. Auch weil es ihm immer wieder so gehen wird. Auch im Job ist es manchmal blöd“, sagt Kuhz und erzählt, dass meist die ganze Familie belastet wird, wenn es bei Kindern in der Schule nicht klappt. „Mit dem Training arbeiten wir daran, dass es allen Beteiligten besser geht“, so Kuhz.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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