zur Navigation springen
Elmshorner Nachrichten

19. Oktober 2017 | 14:32 Uhr

Reformationsgeschichte der Frauen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Im Industriemuseum wird die Wanderausstellung der Nordkirche ab 10. April gezeigt / Mit dabei: Die Elmshornerin Hedwig Dörschner

von
erstellt am 01.Apr.2016 | 12:20 Uhr

Es ist eine posthume Auszeichnung, die die zierliche Frau sicher gefreut hätte – die Elmshornerin Hedwig Dörschner (1907-1981)ist eine von 20 Frauen, deren Biografie für die Wanderausstellung „.  .  . von gar nicht abschätzbarer Bedeutung – Frauen schreiben Reformationsgeschichte“ ausgewählt wurde. Konzipiert wurde die Ausstellung anlässlich des Reformationsjubiläums 2017.

In Kooperation mit dem Frauenwerk der Nordkirche, der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek sowie vielen „Basisfrauen“ aus den 13 Kirchenkreisen wurden insgesamt 60 reformatorisch tätige Frauen ausgewählt, die über die Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen haben und als feministische Theologinnen, erste Missionarinnen, diakonisch und ehrenamtlich Tätige aktiv waren. Neben bekannten Namen wie Dorothee Sölle, Amalie Sieveking oder Emmi Bonhoeffer ist auch Hedwig Dörschner dabei.

Schon 1998 von Christa Seger für die Frauengeschichtswerkstatt Elmshorn im Band „Frauenleben in Elmshorn“ porträtiert, steht Dörschner für die Frauen, die sich durch ehrenamtliches Engagement im Stillen einen Namen gemacht haben. Doch als Ingrid Ellerbrock und Anne Krey für den 200 Seiten starken Ausstellungskatalog recherchierten, stellten sie fest, dass Hedwig Dörschner sich auch – fast vergessen – in modischen Bereichen hervorgetan hatte.


Lehrerin für Handarbeit und Religion


Zur Person Dörschner: 1907 in Hamburg geboren, wuchs sie in einem wenig christlichen Milieu auf. Sie besuchte die höhere Töchterschule, wechselte zur Fachschule für Schneider in Altona und erwarb 1924 den Abschluss als Handarbeitslehrerin. Anschließend studierte sie bei Dresden und der Gewerbeschule Potsdam. Dort wurde sie stark von den Ideen des „Staatlichen Bauhaus“ Weimar und Potsdam beeinflusst. Dort suchte man künstlerische, handwerkliche und soziale Reformkonzepte zu verwirklichen. 1925 entwarf sie ein avantgardistisches Kasack-Kleid, bestehend aus einem Rock mit überlangem Oberteil und lang geknöpften Ärmeln. „Knapp 100 Jahre nach seiner Entstehung wurde das Kleid als eines der ,Schlüsselwerke der Haute Couture’ bezeichnet und im gleichen Atemzug mit Coco Chanel genannt“, erzählen die Autorinnen des Ausstellungskataloges. Zeit ihres Lebens sei Dörschner in selbstgenähten Kleidern nach immer demselben Grundschnitt und unzähligen Knöpfen auf Ärmeln, Taschen und Rücken zu sehen gewesen – im Sommer hell, im Winter dunkler.

Nach dem 2. Weltkrieg ließ sich Dörschner zur Religionslehrerin ausbilden, vier Jahre später übernahm sie an der Berufsschule in Elmshorn – hier war sie seit 1934 mehr als 40 Jahre lang tätig – die Fachleitung für Religionsgespräche und Gemeinschaftskunde. Gegen den Widerstand weniger christlich orientierter Kollegen setzte sie durch, das Berufsschulklassen am Reformationstag in die Kirche geführt wurden. Ein solch engagiertes Eintreten führte dazu, dass ihr „missionarischer Einsatz, der ihr ganzes Leben beherrschte“, bisweilen als anstrengend empfunden wurde“, erklärt Christa Seger.


Patenschaften mit Nähmaschine


Sie lernte die Lehrerin noch als Kirchenvorstandsmitglied von St. Nikolai kennen. Das sei in den 1960er-Jahren noch eine große Ausnahme gewesen. Bescheiden sei sie gewesen wenn es um ihre Person ging, aber unnachgiebig und beharrlich, wenn es um Menschen ging, die es schwer hatten, mit dem Leben zurechtzukommen. Als sie 1971 in den Kirchenvorstand der jungen Kirchengemeinde „Zum Guten Hirten“ wechselte, brachte sie soziale und diakonische Aspekte in die Debatten ein – und zwar immer dann, wenn sie bei größeren Bauvorhaben die Frage aufwarf, ob das Geld für Menschen nicht besser angelegt sei. „Es gehörte sicher Mut dazu, im Kirchenvorstand den Antrag zu stellen, das während der Sitzungen nicht geraucht werden darf“, erinnert sich Christa Seger – zumal der vorsitzende Pastor stärkster Raucher der Runde war.

Die besondere Liebe Hedwig Dörschners, die sich zeitlebens mit „Fräulein“ anreden ließ – galt den Kindern im Heim Elbmarsch. Sie half bei Schularbeiten, lud sie zu sich in die Burdiekstraße ein und brachte ihnen biblische Geschichten nahe. Für mehrere Kinder übernahm Dörschner Patenschaften und finanzierte ihre Schulausbildung – vielen schenkte sie eine Nähmaschine. 1981 wurde die Oberstudienrätin mit der höchsten Auszeichnung der Nordelbischen Kirche geehrt: Der Bugenhagen-Medaille.

Die Wanderausstellung wird an 13 Orten des Nordens zu sehen sein – in Elmshorn im Industriemuseum, Catharinenstraße 1. Dort sind die Frauenbiografien auf Stelen nachzulesen, die durch Lichtkörperinstallationen die Geschichte ans Licht holen. Zur Eröffnung morgen um 11.30 Uhr werden Ulrike Koertge, Leiterin des Frauenwerks der Nordkirche, Monika Dormann (Förderverein Industriemuseum), Propst Bergemann und Landtagsabgeordnete Beate Raudies erwartet. Anmeldung: 04121/268870.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen