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Elmshorner Nachrichten

14. Dezember 2017 | 22:06 Uhr

Interview : Reales jüdisches Leben entdecken

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Sie zeigt Initiative, Offenheit und möchte Vorurteile abbauen: Alisa Fuhlbrügge ist seit 2003 Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Elmshorn.

shz.de von
erstellt am 12.Sep.2015 | 14:00 Uhr

Elmshorn | Sie ist das jüdische Gesicht Elmshorns: Alisa Fuhlbrügge (77) ist seit zwölf Jahren Vorsitzende der jüdischen Gemeinde der Krückaustadt, die mittlerweile am Flamweg ansässig ist. Die ehemalige Schulleiterin der Raboisenschule setzte sich 2003 mit Überzeugung für die Neugründung der Gemeinde ein und hält die organisatorischen Fäden bis heute zusammen. Im Interview spricht sie über das Verhältnis der Gemeinde zur Stadt Elmshorn, zu Christen, Moslems und darüber, dass sie ihre Gemeindetüren öffnet, um Vorurteile abzubauen.

Welche Bedeutung hat die jüdische Gemeinde für Elmshorn?
Fuhlbrügge:
Es gibt zweierlei Bedeutungen: historisch und traditionell. Ich denke, dass man die jüdische Tradition, wo sie einst bestanden hat, unbedingt weiterführen sollte. Eine jüdische Gemeinde gab es nachgewiesen in Elmshorn seit 1687. Dann kam der Holocaust. Danach kam eine ganze Weile nichts. 2003 haben sich dann in Elmshorn jüdische Menschen, zusammengefunden, denen aus der Sowjetunion die Einreise nach Deutschland erleichtert worden war. Für die jüdischen Menschen ist es sehr wichtig, eine religiöse Heimat gefunden zu haben, auch wenn bei vielen nur noch Fetzen aus der Erinnerung an den jüdischen Glauben vorhanden waren. Die Sowjetunion hat wirklich ganze Arbeit geleistet, Menschen ihren Glauben nicht mehr zu gestatten.

Fühlen Sie sich als Gemeinde in der Stadt Elmshorn gut aufgehoben?
Zunächst mal war die Stadt Elmshorn indifferent. Es schlug keine hohen Wellen, dass es hier wieder eine jüdische Gemeinde gab. Aber mit der Zeit ist es auch sehr wichtig, dass man sich zeigt, Leute einlädt, Veranstaltungen organisiert, so dass die Elmshorner Bevölkerung kommen und gucken kann. Negative Erfahrungen haben wir nicht. Finanzielle Unterstützung haben wir seit letztem Jahr regelmäßig durch die Stadt, die eine Summe für Miete und Nebenkosten zahlt. Es ist eine freiwillige Leistung. Die Stadt hat sich außerdem die ganze Zeit bemüht, den jüdischen Friedhof sanft zu pflegen. Das Industriemuseum ermöglicht es Menschen, ihn sich anzusehen. Es gibt Führungen, die meistens ich leite.

Wie aktiv ist das jüdische Gemeindeleben in Elmshorn?
Wir feiern natürlich alle jüdischen Feste, haben regelmäßig Gottesdienst. Nach den Gottesdiensten machen wir Kiddusch. Wir segnen Brot und Wein. Dann gibt es eine große Tafel und es wird gegessen. Da sind viele Dinge zu hören, die Gemeindemitglieder bewegen, aber es wird auch viel gesungen. Und was sehr wichtig ist: Unsere Gemeindemitglieder werden inzwischen alt. Sie brauchen viel Hilfe. Es kommen Fragen auf wie: Zu welchem Arzt gehe ich und woher bekomme ich Wohngeld? Unterstützung bei Fragen zur Grundsicherung und Hartz IV ist eine Arbeit, die man nicht als religiös bezeichnen kann, aber die zur Aufgabe der Gemeinde gehört. Eine Art Wohltätigkeit. Das ist eines der Prinzipien der jüdischen Ethik. Außerdem gibt es eine umfassende Betreuung, wenn es in einer Familie einen Todesfall gibt. Wir haben inzwischen einen neuen jüdischen Friedhof. Wir betreuen die Leute, richten das Begräbnis aus, bestellen den Kantor. Wir arbeiten mit zwei Bestattungsinstituten zusammen, die eine Fortbildung für jüdische Begräbnisse gemacht haben.

Gibt es Berührungspunkte mit anderen Religions- oder Glaubensgemeinschaften?
Mit anderen jüdischen Gemeinden sowieso. Außerdem waren wir Gast in der katholischen St. Mariengemeinde, bevor wir eigene Räume hatten. Und zu der Gemeinde haben wir nach wie vor ein enges Verhältnis, ebenso zu freikirchlichen Gemeinden. Mit muslimischen Gemeinden haben wir auch Kontakt wie zur Türkisch-Islamischen Gemeinde der Haci-Bayram-Veli-Moschee. Und wir haben Kontakte zum Einwandererbund. Die waren sehr freundlich zu uns und haben uns bei einer Fortbildung Räume geliehen. Wir laden uns auch gegenseitig ein, zum Beispiel werden wir zum Fastenbrechen eingeladen.

Sehen Sie diese Kontakte als selbstverständlich an?
Ich schon. Ob das immer so klappt, ist eine andere Sache. Ich denke, es ist wie in allen Bereichen im Leben: Man muss selbst ein bisschen Initiative zeigen. Man darf nicht immer denken: Alles wird einem serviert.

Sind Sie interessiert daran, die Türen der jüdischen Gemeinde auch für die Öffentlichkeit zu öffnen?
Ja, das machen wir, wenn wir Feste haben wie unser zehnjähriges Bestehen, als die Thorarolle eingebracht wurde oder auch zu Konzerten und Kunstausstellungen. Dann sind die Türen offen. Während des zehnjährigen Bestehens haben wir eine ganze Woche lang gefeiert, hatten Konzerte, jüdische Literaturabende. Es gibt regelmäßige Anlässe. Das wird auch angenommen. Ich habe außerdem viele Kontakte zu Schulklassen und Kindergärten. Es ist wichtig, dass die Kinder nicht nur etwas über den Holocaust lernen, sondern auch reales jüdisches Leben kennenlernen. Und vor allen Dingen ihre Vorurteile abbauen. Es fliegen so viele Dinge in Bezug auf Juden durch die Gegend, auch Schimpfwörter. Ich höre es natürlich nicht, weil sie es hier nicht machen, aber mir wurde erzählt, dass wenn Leute beleidigt werden sollen „Du Jude“ gesagt wird.

Haben Menschen im Allgemeinen überhaupt Wissen über das Judentum inklusive Tradition, Geschichte, Feiertage?
Generell eher nicht. Und wenn man es darstellt, sind alle immer begeistert. Denn jüdische Feste haben so viele Symbole und freudige Elemente, dass alle es schön finden. Es gibt etwas zum Schmecken, zum Riechen, zum Hören. Schöne Melodien. Vielsinnigkeit. In Deutschland ist es schwierig. Viele Menschen haben keinen richtig natürlichen Umgang mit jüdischen Leuten, weil sie immer denken: Mir wird der Holocaust in die Schuhe geschoben. Das ist oft gar nicht so. Dieser natürliche Umgang muss sich erst etablieren. Und das dauert.

Wurden Sie oder Gemeindemitglieder bereits mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert?
Ich erinnere mich an keine, besonders mir gegenüber nicht. Was man hinter meinem Rücken sagt, weiß ich natürlich nicht. Aber ich glaube es nicht, auch meinen Leuten gegenüber nicht. Es gab vor einigen Jahren einen Vorfall mit arabischen Schmierereien an der Gedenktafel zur früheren Synagoge. Das LKA hat allerdings schnell herausgefunden, dass jemand nicht frei in arabischer Schrift gesprüht, sondern eine Schablone benutzt hat. Da stand: „Befreit Palästina.“ Wir haben alle ein Training, meist die Vorsitzenden, in Bezug auf die Sicherheit, organisiert vom Zentralrat der Juden. Und die großen Gemeinden haben wirklich bezahlte Security-Teams.

Sie haben als Vorsitzende das Gemeindeleben seit 2003 geprägt. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?
Als ich nach 24 Jahren als Schulleiterin der Raboisenschule in Pension ging, hatte ich mir genau überlegt, was ich machen wollte. Ich wusste schon, dass mir das schwer fallen würde. Ich habe die Raboisenschule mit aufgebaut. Das war schon mein Baby. Ich war immer in Situationen, wo ich etwas aufbauen konnte. Es macht mir Spaß. Ich habe das Netzwerk der jüdischen Gemeinde schätzen gelernt, habe über drei Jahre einen Leadership-Lehrgang gemacht. Die letzte Einheit war in Israel. So etwas war wirklich bereichernd. Es ist schon eine optimistische Arbeit, so eine Gemeinde aufzubauen. Gerade überlege ich: Wem kann ich den Vorsitz übergeben.

Gibt es in Ihrer Gemeinde genug Nachwuchs?
Zum einen werden jüdische Gemeinden in Kleinstädten kleiner. Es kommen weniger Menschen aus Osteuropa. Die jungen Menschen gehen zum Studieren in die Welt. Probleme sehe ich auch an einem anderen Punkt: Wenn Sie Vorsitzende sind, dann sind Sie das Gesicht der Gemeinde. Ich habe sehr viele Kontakte. Aber jemand, der Probleme mit der Sprache hat wie viele der Gemeindemitglieder, hat einen schlechten Stand. Es geht um Repräsentationsaufgaben und das Beantragen von Mitteln. Hier gibt es Leute mit vielen Talenten, aber nicht unbedingt Leute, die sich mit Management-Aufgaben auskennen und in deutschen Strukturen aufgewachsen sind. Auf den warte ich noch.

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