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Elmshorner Nachrichten

13. Dezember 2017 | 12:48 Uhr

Pioniere des freien Falls aus Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Werner Fleig und Fred Hesse haben Maßstäbe in der Geschichte des Formationsspringens gesetzt / Heute beginnt TV-Dokumentation

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2014 | 16:00 Uhr

Er ist in Elmshorn nicht nur bekannt wie ein bunter Hund, er ist ein bunter Hund. Und wäre er es nicht, könnte man ihn von heute an auch nicht im Fernsehen sehen: Werner Fleig. Der Installateur- und Heizungsbaumeister, Feuerwehrmann und Biker, Golfer und Segler ist nämlich „ganz nebenbei“ auch eins: Pionier des modernen Fallschirmspringens in Deutschland.

Als junger Mann, während seiner Jahre in Amerika, ist er infiziert worden. Seitdem gehört der Elmshorner zu den Paraholics, also zu jenen Menschen, die geradezu süchtig sind nach dem freien Fall aus den Höhen der Lüfte. Unheilbar, denn auch mit 70 Jahren stürzt er sich in die Tiefe und stellt dabei (Ü 70-)Rekorde in der extremen Sportart des Formationsspringens auf.


Sie nennen sich „Walters Vögel“


Fleig gehört gemeinsam mit seinem Freund Fred Hesse aus Elmshorn und dem Kieler Jürgen Wriedt zu den einzigen norddeutschen Gründungsmitgliedern jener legendären „Truppe von Verrückten“, die sich nach ihrem Teamchef Walter Eichhorn „Walters Vögel“ nannten und die Anfang der 70er-Jahre die fünfzehn wagemutigsten Fallschirmspringer der Republik waren.

Jetzt ist Fleig als einziger Schleswig-Holsteiner einer von sechs Protagonisten einer neuen TV-Dokumentation von Christoph Gottwald mit dem Titel „Die Pioniere des freien Falls“. In den vier Folgen, die heute bei Servus-TV beginnen, ist selbstverständlich viel über die „guten alten Zeiten“ des Werner Fleigs und seiner Freunde zu sehen. Doch dokumentiert wird auch, dass die Pioniere jenseits ihres 70. Geburtstages noch immer mit Leib und Seele „Skydiver“ sind und einen Sprung aus einem Flugzeug – selbstverständlich ein Oldtimer – in 3000 Metern Höhe nicht scheuen. Immer mittendrin und auch bei der Ü 70-Dreierformation im September 2013 mit dabei: der bunte Hund aus Elmshorn.

Die Sprünge in die Tiefe haben „Walters Vögel“ ihr ganzes Leben lang zusammengeschweißt. Früher zauberten sie die ersten Formationen in den Himmel, sprangen über St. Johann in Tirol den ersten europäischen Zehner-Stern und nahmen 1973 als Deutsche Nationalmannschaft am ersten Relativ-Worldcup in North Carolina in den USA teil. Heutzutage treffen sich Fleig, der auch zweifacher Deutscher Meister im Formationsspringen ist, und seine früheren Mitstreiter immer noch alle zwei Jahre zum gemeinsamen Spargelessen.

„Einen Tag vor der Mondlandung der Amerikaner, am 19. Juli 1969, habe ich meinen ersten Sprung gemacht“, erinnert sich Fleig. Knapp 3000 Sprünge folgten bis jetzt. In Amerika nannten sie den Elmshorner, der sich aus 4000 Metern Höhe mit 270 Stundenkilometern in die Tiefe stürzte, um 800 bis 600 Metern über den Erdboden die Reißleine zu ziehen, nur „The crazy Kraut“. Und Fleig plant noch einen weiteren Sprung in den USA: Er will gern einen neuen Weltrekord in der Klasse Ü 70 im Formationsspringen mit aufstellen: Die Bestmarke liegt seit 2013 bei einer Gruppe mit 26 Springern. „Wir werden eine 30er-Formation anstreben“, so Fleig.

Die vierteilige TV-Dokumentation zeigt die sechs Pioniere des freien Falls und erzählt mit vielen aktuell gedrehten Bildern ihre Geschichte. Deshalb fehlt auch die Nachfolgegeneration der Pioniere nicht, wie zum Beispiel Fleigs Tochter Susanne. sie ist von der sportlichen Leidenschaft ihres Vaters infiziert und errang 2005 in der Vierer-Formation die Deutsche Meisterschaft.

Doch ohne den Machern der Serie von Gemini Film nahetreten zu wollen, macht den besonderen Reiz der Dokumentation das Filmmaterial des 1999 verstorbenen Peter Böttgenbach aus. Er war nicht nur einer der besten Fallschirmspringer in der Truppe, sondern galt in den 1970er-Jahren als der „weltbeste Freifall-Kameramann“. Sein noch nie öffentlich gezeigter Filmnachlass bildet das Herzstück der Dokumentation und vermittelt dem Zuschauer eine Idee davon, wie berauschend der freie Fall sein kann.

Werner Fleig blickt denn auch gern auf seine „wilde“ Fallschirmspringerzeit und den „verrückten Luftzirkus“ mit seinen Sportsfreunden – darunter Künstler und Chirurgen, Maurer und Kaufleute – zurück. Doch der Handwerksmeister ist andererseits fest mit seiner Heimatscholle verwurzelt und nach 70 Jahren eher auf andere Leistungen stolz: „Ich habe genauso viele Einsätze mit der Freiwilligen Feuerwehr Elmshorn gefahren wie ich Sprünge gemacht habe“, so Fleig , der nach 35 Jahren aktiven Dienst in der Ehrenabteilung der ehrenamtlichen Helfer ist.

Und was ist mit dem zweiten Gründungsmitglied von „Walters Vögeln“ aus Elmshorn? Fred „Fredo“ Hesse wird im vierten und letzten Teil der Dokumentationsserie als „elementarer Bestandteil der Truppe“ (Teamchef) gedacht, denn der ehemalige Aktivist der Elmshorner Feuerwehr ist vor einigen Jahren nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Vergessen ist er deshalb nicht, und auch ein Interview mit seiner Frau Marita ist im Film zu sehen. Hesse war zum Beispiel dabei, als 1968 der Höhenrekord für Viererteams aufgestellt wurde: Aus 10 600 Metern Höhe ging es bei minus 55 Grad in 2,45 Minuten 8770 Meter im freien Fall abwärts und dann das letzte Stück am Schirm zurück auf die Erde.


Die ewige Ruhe „auf Wolke sieben“


Und auch das zeigt die Dokumentation: Hesses Freude – darunter selbstverständlich auch sein Feuerwehrkamerad Fleig – erfüllten ihm seinen letzten Wunsch und verstreuten als Viererkombination seine Asche im freien Fall. „Wir haben ihn auf Wolke sieben abgesetzt“, sagt Fleig leise.

Mit Hesse und dann wieder mit dem Elmshorner Installateurmeister Werner Fleig endet die Dokumentation: Fleig mit seinem Segelboot auf der Elbe, riesig das Bild des Elmshorner Wappenschiffs auf dem Spinnaker, und Werner Fleig auf seinem Motorrad, unterwegs in seiner Heimat. Dazu die Musik von Steppenwolf: „Born to be wild“.

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