Per Flugzeug zum Bäcker

Bernhard Thalheim: Was ich heutzutage an der Schule vermisse, ist der saubere Umgang mit Zahlen.“
Bernhard Thalheim: Was ich heutzutage an der Schule vermisse, ist der saubere Umgang mit Zahlen.“

Vortrag Prognosen und Studien erklären den Alltag – aber manchmal sagen sie nur die halbe Wahrheit

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15. September 2017, 17:45 Uhr

Im März konnte man es in dieser Zeitung lesen: Elmshorns Bevölkerung ist innerhalb von zwei Jahren um 2,8 Prozent gewachsen. Genauso wie der Straßengüterverkehr 2016, wie sich auf der Internetseite des Umweltbundesamts nachlesen lässt. Was die beiden Daten miteinander zu tun haben? Gar nichts.

Das Daten und Zahlen miteinander in Beziehung gesetzt werden, obwohl zwischen ihnen kein Zusammenhang gesteht, beobachtet Bernhard Thalheim regelmäßig. Der Informatik-Professor lehrt an der Universität in Kiel und hat für die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft (SHUG) einen Vortrag mit dem Titel „Mit Daten lügen“ in der Nordakademie gehalten. „Die sehen, die Zahl der Leute, die sich mit ihrem Bettzeug stranguliert haben, korreliert genau mit dem Konsum von Käse“, scherzt Thalheim zu Beginn des Abends und zeigt eine passende Grafik.

Der Vortrag des Wissenschaftlers ist gespickt mit Beispielen. So benötige man angeblich für die Herstellung von einem Kilo Rindfleisch 15  000 Liter Wasser. „Das Wasser, was wir hier für Kühe verbräuchten, wäre alles Wasser, was wir in Schleswig-Holstein überhaupt haben. Deshalb ist es hier auch so karg und sandig.“ Thalheim macht deutlich, dass Sachverhalte oft komplex sind und sich nicht in einfache Formeln gießen lassen. Auch haben Statistiken manchmal wenig mit dem Alltag der Menschen zu tun, wie Thalheim mittels einer Studie zu den sichersten Verkehrsmitteln zeigt: „Wenn Sie als Fußgänger zum Bäcker gehen, sind Sie demnach in absoluter Lebensgefahr. Nehmen Sie lieber die Bahn. Oder das Flugzeug.“

Manchmal operieren aber auch Politiker aber mit solchen Verkürzungen, wie der Forscher mit einer Aussage beweist, die der CSU-Politiker Edmund Stoiber gesagt habe. Demnach würden jährlich 50  000 Arbeitsplätze aus Bayern ausgelagert. „Das hat er 2003 gesagt. Wenn das stimmen würde, wäre Bayern heute leergefegt.“ Gerade die Politik sei jedoch ein Bereich, wo Prognosen getroffen werden müssen, gibt SHUG-Sektionsleiterin Cornelia Kaiser bei der Diskussion nach dem Vortrag zu bedenken. Schließlich müssen Politiker wissen, wie sich etwa Schülerzahlen entwickeln, damit sie darüber entscheiden können, ob eine Schule einen Anbau erhält. Thalheim schüttelt den Kopf. Eine wirklich zuverlässige Prognose könne man nicht errechnen. Dafür seien seiner Ansicht nach zu viele Variablen in der Rechnung.

Falsche Korrelationen, Missachtung von Kontexten, fasche Schlüsse oder trügerische Grafiken: Thalheim zeigt eine lange Liste von Möglichkeiten auf, wie mit Daten gelogen werden kann. Zum Schluss seines Vortrags gibt er den Zuhörern deshalb eine Liste mit Tipps, wie sie in Zukunft reagieren sollten, wenn sie mit Daten konfrontiert werden. Wichtigster Ratschlag: „Man muss manchmal auch den eigenen Verstand anstrengen. Man muss einfach nachrechnen.“ Thalheim rät dazu auf, Zahlen zu prüfen und Quellen zu hinterfragen. Wie sind die Daten erstellt worden? Ist der Studienaufbau repräsentativ? Kann dieser Schluss überhaupt gezogen werden oder wurde etwas nicht bedacht?

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