„Nur nicht als Tourist auffallen!“

Der fliegende Holländer – hier in einer modernen Inszenierung im Londerner Royal Opera House.
Der fliegende Holländer – hier in einer modernen Inszenierung im Londerner Royal Opera House.

EN-Kolumnistin Laura-Maxine Kalbow schreibt an dieser Stelle von ihren Erlebnissen während ihres Auslandssemesters in Paris

shz.de von
12. Mai 2018, 15:17 Uhr

Damit man sich in der Fremde nicht so einsam fühlt, tut der ein oder andere Besuch aus der Heimat der Seele ja immer was Gutes. Normalerweise nur zwei Schreibtische voneinander getrennt, besuchte mich in dieser Woche unsere EN-Redakteurin Cornelia Sprenger. Und wie das ist, wenn eine Touristin und eine integrierte Wahlpariserin aufeinander treffen, haben wir hier aufgeschrieben.

Cornelia: Irgendwie versucht man ja die ganze Zeit, nicht als Tourist aufzufallen. Trotzdem reicht die Kamera um den Hals oder der irritierte Blick am Fahrkartenautomaten, um als solcher enttarnt zu werden. Trotzdem nerven einen die anderen Touristen mit ihren Selfiesticks und den weißen Tennissocken in den Sandalen (das ist leider kein Vorurteil) beim entspannten Parisurlaub ja immer doch ein bisschen. Vielleicht auch eine typische Urlaubsangewohnheit, dass man sich selbst immer als der bessere Tourist fühlt.

Laura: Frag mich mal! Bloß nicht als unangenehmer Tourist auffallen! Das ist seit Januar mein Lebensmotto. Also vermeide ich tunlichst Deutsch zu sprechen, wenn ich durch die Pariser Straßen spaziere, damit mich bloß niemand für eine Touristin halten könnte, denn: Touristen nerven! Spätestens dann, wenn sie sich vor meiner Haustür versammeln und zehntausende Selfies vor meinem „typisch parisischen“ Eingangstor knipsen, durch das ich gerade versuche mit vollgepackten Einkaufstüten zu schlüpfen.

Cornelia: Ich gebe mir aber auch alle Mühe nicht aufzufallen. Bei jeder Bestellung im Café, bei jeder Frage nach dem Weg, krame ich mühevoll mein lang vergessenes Schulfranzösisch heraus. Und dann kommt der Schlag ins Gesicht: das Gegenüber antwortet auf Englisch. Ja, man glaubt es kaum, ein Franzose der auf Englisch antwortet. Aber natürlich nur dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann, denn ist man wirklich mal am Ende mit seinem Französisch, vergessen die Franzosen schlagartig jegliches englische Wort, das sie jemals in ihrem Leben gelernt haben.

Laura: Es ist zum Verzweifeln, mit der Sprache. Obwohl ich +gut beim Französischen mithalten kann, werde ich spätestens mit Überreichen der Kreditkarte entlarvt. So grüßt mich der Kassierer im Supermarkt immer mit: Hallo Amerikanerin, der Kioskbesitzer um die Ecke denkt immer noch, ich sei Schweizerin, und der Kellner in meinem Lieblingscafé ist der hartnäckigen Auffassung, dass ich aus Schweden komme (und das bei meiner Haarfarbe!). Hätten Sie geahnt, dass die Sparkasse Elmshorn anscheinend Filialen in drei verschiedenen Staaten unterhält?

Cornelia: Aber dann hat das Touristendasein ja auch wieder gewisse Vorteile. Man kann plötzlich mitten auf der Straße stehenbleiben und auf die Navigationsapp seines Handys starren, ohne angemotzt zu werden. Die Metrositzplätze, die eigentlich für Behinderte und Schwangere reserviert sind, werden auch mehr oder weniger freundlich den fußlahmen Touristen angeboten und man darf auf der Rolltreppe auch links stehen bleiben. Außerdem ist man ja im Urlaub und kann die Schönheiten von Paris unbeschwert, ohne arbeiten zu müssen, genießen.

Laura: Fast jedenfalls!

 

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