Ein Stein, wo 20 Kinder starben : Nach 70 Jahren - erstes öffentliches Gedenken vor Ort an die 92 Opfer des großen Bombenangriffs

Der Findling liegt bereits am Langeloher Kreisel. Er soll demnächst abgeholt und mit einem Text versehen werden.
Der Findling liegt bereits am Langeloher Kreisel. Er soll demnächst abgeholt und mit einem Text versehen werden.

Politiker stellen 4000 Euro für das Projekt zur Verfügung. Kleine Feierstunde für den 26. April am Langeloher Kreisel geplant.

shz.de von
22. Januar 2015, 10:00 Uhr

Elmshorn | Nur zwölf Tage vor Ende der Nazi-Diktatur, genauer am 26. April 1945, erleiden die Menschen im Elmshorner Stadtteil Langelohe den verlustreichsten Luftangriff des Zweiten Weltkrieges im Kreis Pinneberg. An jenem Tag sterben laut späteren Angaben der Kreisverwaltung 92 Menschen. Der Polizeibericht spricht allein von 20 getöteten Kindern sowie zehn Mädchen und Jungen unter den insgesamt 46 Schwerverletzten.

324 Menschen, also 1,5 Prozent der Elmshorner Bevölkerung, werden am 26. April 1945 obdachlos als 101 schwere und mittelschwere Bomben auf den Kreuzungsbereich von Köllner Chaussee, Steindamm und Langelohe (Reichsstraße 5) fallen. Noch heute ist ein Grundstück am Langeloher Kreisel, wo bis zum Angriff ein Reetdachhaus stand, unbebaut. Es wird als Parkplatz genutzt.

Genau davor, auf einer kleinen Grünfläche neben dem Gehweg, soll am 70. Jahrestag der Tragödie, also am Sonntag, 26. April, ein Gedenkstein enthüllt werden. Er soll an den letzten großen Schrecken des von den Nationalsozialisten entfachten Krieges in Elmshorn und die Opfer erinnern. Darunter waren unter anderem auch Jörn (6), Dieter (4) und Hans (2) Brockmann, die mit ihrer Mutter und weiteren Geschwistern in dem Reetdachhaus lebten sowie der dreijährige Hans-Joachim Danker und seine Mutter Maria, die ebenfalls in dem Gebäude wohnten.

Die Initiative für den Gedenkstein geht von dem Elmshorner Heimatforscher und ehemaligen ehrenamtlichen Stadtarchivar Karl Heinz Kuhlemann aus. Er hatte vor gut einem Jahr angeregt, an die Opfer zu erinnern, die aufgrund der damaligen Wirren nie in einer Zeitung erwähnt worden waren und zu deren Beerdigung nicht einmal alle in Elmshorn wohnenden Verwandten erscheinen konnten.

Bomben zerstörten bereits 1943 auch das Haus Langelohe 52. Aufnahmen von den Folgen des Angriffs im April 1945 gibt es nicht. (Foto: Koopmann/Stadtarchiv)
Bomben zerstörten bereits 1943 auch das Haus Langelohe 52. Aufnahmen von den Folgen des Angriffs im April 1945 gibt es nicht. (Foto: Koopmann/Stadtarchiv)
 

Kuhlemann stieß mit seiner Idee auf offene Ohren. Die Politiker stellten für das Projekt 4000 Euro zur Verfügung. Es soll der bereits an der besagten Stelle vorhandene Findling mit der Gravur „Den Opfern des Bombenangriffs vom 26. April 1945 zum Gedenken“ versehen werden. Der Stein befindet sich in Privatbesitz der Firma Max Steier, aber die Eigentümer haben sich bereit erklärt, dass ihr Findling als Gedenkstein genutzt werden darf.

Während einer kleinen Feierstunde am Sonntag, 26. April, soll der Gedenkstein dann offiziell eingeweiht werden. Das Elmshorner Kulturamt versucht, dazu auch noch Überlebende des Angriffs einzuladen.

Heute ist dort, wo die Trümmer lagen, die Einmündung des nach dem Krieg ausgebauten Schilfwegs in die Straße Langelohe. (Foto: C. Petersen)
Heute ist dort, wo die Trümmer lagen, die Einmündung des nach dem Krieg ausgebauten Schilfwegs in die Straße Langelohe. (Foto: C. Petersen)
 

Wie konnte es eigentlich zu diesem schrecklichen Ereignis so kurz vor Kriegsende kommen? Die britischen Soldaten kämpften gegen die letzten Reste der deutschen Wehrmacht, deren Angehörige sie vor sich her in Richtung Norden trieben. Viele Soldaten versuchten, sich nach Dithmarschen oder Richtung Flensburg abzusetzen. Dabei blieb ihnen – die Bundesstraße 5, heutige Wittenberger Straße, und die Autobahn gab es noch nicht – nur der Weg auf der Pinneberger Chaussee und durch Langelohe sowie die Innenstadt in Richtung Itzehoe.

Die von dieser Zeitung bereits vor fast zehn Jahren befragten Zeitzeugen sind sich einig, dass der Angriff – einmal um 7 Uhr und dann noch einmal zwischen 18 und 18.30 Uhr – diesen Wehrmachtsgruppen galt, zumal am Mühlendamm der Volkssturm – bestehend aus jungen Schülern und alten Männern – noch eine Panzersperre aufgebaut hatte. Allerdings: Der Bericht des Elmshorner Polizeioberleutnant Willi Möller zum Angriff vom 26. April 1945 weist unter den Todesopfern lediglich sechs Wehrmachtsangehörige aus.

Die Einmündung des alten Steindamms (l.) auf die ehemalige Reichsstraße 5, heute Langelohe (r.). (Foto:  Koopmann/Stadtarchiv)
Die Einmündung des alten Steindamms (l.) auf die ehemalige Reichsstraße 5, heute Langelohe (r.). (Foto: Koopmann/Stadtarchiv)
 

Insgesamt kamen im Kreis Pinneberg während des Zweiten Weltkrieges 306 Zivilpersonen bei Luftangriffen, Flakbeschuss und Sprengungen ums Leben. Bei den insgesamt 25 Luftangriffen der Bomber auf Ziele im Kreisgebiet gab es in Elmshorn die mit Abstand größten Verluste. Hier starben insgesamt 144 Menschen, die meisten davon an jenem April-Tag auf Langelohe. Ihnen und ihrem sinnlosen Sterben soll nun nach 70 Jahren gedacht werden. Der Gedenkstein soll zugleich an die Schrecken von Faschismus und Krieg mahnend erinnern.

Von den Zerstörungen der Angriffe 1945 gibt es keine Fotos. Allerdings sind die von Bomben angerichteten Schäden 1943 im Bild festgehalten worden. Damals, in der Nacht zum 3. August, gab es in Elmshorn 61 Tote, 150 Verletzte, 254 völlig zerstörte und 220 schwer beschädigte Häuser, darunter schon damals zahlreiche Gebäude im Stadtteil Langelohe.

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