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Elmshorner Nachrichten

21. August 2017 | 08:55 Uhr

Mühlencafé: So läuft es an

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Willkommensteam Seit über einem Monat gibt es in Elmshorn einen Treffpunkt für Elmshorner und Flüchtlinge / Ein Besuch

Im Mühlencafé herrscht geschäftiges Treiben, es geht laut und fröhlich zu. Fast alle Plätze sind belegt. An einem Tisch hat sich eine Frau mit drei Flüchtlingen aus Syrien zusammengesetzt und hilft ihnen bei ihren Hausaufgaben für den Deutschkurs. In einer Sofaecke plaudern zwei Männer auf arabisch und auf der anderen Seite des Raums haben sich einige deutsche Senioren zum Kaffeetrinken zusammengesetzt. Kinder laufen zwischen den Stühlen her, an der Theke servieren Frauen Kuchen und mittendrin ist Constance Diegel.

Es war diese Frau, mit den lockigen, schwarzen Haaren und dem ansteckenden Lachen, die die Idee mit einem Café für Flüchtlinge und Elmshorner ins Willkommensteam gebracht hat. Jetzt, einen Monat nach der Eröffnung, ist sie immer noch allgegenwärtig im Mühlencafé, begrüßt hier eine Thekenkraft, hilft dort beim Ausfüllen eines Formulars. „Ich habe versprochen, bis zum Ende des Jahres dafür zu sorgen, dass hier alles ins Rollen kommt“, erklärt Diegel, als sie endlich die Muße findet, sich an einen Tisch zum Gespräch zu setzen. Das bedeutet viel Arbeit. „Ich habe noch andere Projekte, ich helfe im Hospiz und bei Unicef. Dafür muss im nächsten Jahr unbedingt wieder mehr Zeit sein.“

Aber vor allem ist sie froh, dass ihr Projekt so gut angelaufen ist. Drei Tage in der Woche hat das Café in der Mühlenstraße jeweils für vier Stunden geöffnet. „Und die 50 Plätze sind fast immer besetzt.“ Ungefähr 60 Prozent der Besucher seien Flüchtlinge, die übrigen Gäste setzen sich zusammen aus Mitgliedern und Freunden des Willkommensteams und Bürgern, die „einfach mal so“ vorbeikommen. „Besonders Senioren sind neugierig darauf, was wir hier treiben“, sagt Diegel. „Kleine Damengruppen kommen oft nur zum Kaffeetrinken, weil wir hier günstige Preise haben.“


Schaltzentrale des Willkommensteams


Ganz nebenbei ist das Café zur Schaltzentrale des Willkommensteams geworden. Die Sprechstunden finden hier statt, die AG Arbeit trifft sich im Café mit Flüchtlingen, die auf der Suche nach einem Praktikum sind. Im Keller repariert die Fahrrad-AG Drahtesel und bald könnten Handarbeitskurse stattfinden.

Ursprünglich war es die Idee des Mühlencafés, Elmshorner und Flüchtlinge zusammenzubringen. Das klappe bislang nur teilweise, viele Besucher trauen sich nicht, die Syrer oder Afghanen anzusprechen. „Aber das kommt noch“, ist sich Diegel sicher. Von den Flüchtlingen werde der neue Treffpunkt sehr gut angenommen. „Sie kommen her, um das Gelernte aus den Deutschkursen anzuwenden“, sagt Diegel. „Außerdem helfen ihnen hier Menschen bei ihren Problemen und sie haben die Möglichkeit, sich auszutauschen. Für sie findet Elmshorn hier statt.“ Einige kämen immer zu den Öffnungszeiten. „Sie blühen hier auf, machen Witze und sprechen auch mal über andere Dinge als nur über ihre Sorgen. Das ist sehr schön zu sehen.“

Einer dieser Stammgäste ist Jusef Ibrahim aus Syrien. Er spricht schon gut deutsch. Während Constance Diegel sich um eine Frau vom Gesundheitsamt kümmert, die die Hygieneprüfung für das Café durchführt, erzählt Ibrahim, dass er herkommt, um die Sprache zu üben und Kontakte zu Deutschen zu knüpfen. „Vormittags gehe ich zum Sprachkurs, nachmittags habe ich Zeit“, sagt der 24-Jährige. Die Themen, die ihn interessieren, unterscheiden sich oft gar nicht so sehr von denen, die deutsche junge Männer umtreiben. Wenn Marius, der Sohn von Constance Diegel, ins Café kommt, nutzt Ibrahim die Gelegenheit, den Gleichaltrigen darüber auszufragen, wie man in Deutschland Frauen kennenlernt und welche Fußballvereine die besten sind.


Ehrenamtliche Hilfe und Spenden


Aber zu den Stammgästen zählen nicht nur Flüchtlinge. Auch Dagmar Kubsch kommt immer ins Mühlencafé. Die 70-Jährige lernt, seit sie in den Ruhestand gegangen ist, an der Universität Hamburg arabisch. Zu einer richtigen Unterhaltung reicht es nicht, sagt sie. „Aber es hilft schon, auf arabisch ,Hallo’ zu sagen, damit die Leute einem offener begegnen. Damit erweise ich ihnen Respekt.“ Gerade geht sie mit Mohamad Falah einige Alltagsszenen auf Deutsch durch. Der 60-jährige Syrer hat bald seine Sprachprüfung und nimmt alle Hilfe, die er kriegen kann, gerne an. In Syrien hat er im Ministerium für Energie und Öl gearbeitet und hatte einige Deutschkurse am Goethe-Institut in Damaskus belegt. Studiert hat er einmal Volkswirtschaft. „Ich würde hier gerne meinen Doktor machen“, sagt Falah.

Bente Reisemann kommt vorbei und bringt ein Stück Kuchen an den Tisch. Die 16-jährige Schülerin gehört zu dem 24-köpfigen Helferteam im Mühlencafé. Drei ehrenamtliche Helfer müssen immer da sein. Neben dem Servieren und der Betreuung der Besucher gehört dazu auch das Reinigen der Räume. Um alles am Laufen zu halten, ist das Willkommensteam aber auch auf Spenden angewiesen. Constance Diegel freut sich, als Ulrich Trautz hereinschneit, um einen Scheck in Höhe von 500 Euro zu übergeben. Das Unternehmen des Zahntechnikers macht normalerweise zu Weihnachten den Kunden Geschenke. „In diesem Jahr haben wir uns entschieden, lieber zu spenden“, sagt Trautz. „Ich finde die Arbeit hier sehr beeindruckend. Etwas Vergleichbares kenne ich in Deutschland nicht.“

Das Mühlencafé öffnet dienstags und donnerstags von 14 bis 18 Uhr und freitags von 13 bis 17 Uhr.

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von
erstellt am 07.Dez.2016 | 15:54 Uhr

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