Elmshorn : Mordprozess: Freispruch mit Fragezeichen

Holstenplatz-Mord: Anwälte rügen Kriminalpolizei

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28. September 2011, 08:16 Uhr

Elmshorn/Itzehoe | Eklat im Gerichtssaal: Die Anwälte der Elmshornerin Lale Y., die für den Holstenplatz-Mord an der Rentnerin Ilse B. verantwortlich gemacht wurde, werfen den Ermittlern schwerwiegende Fehler vor. Lale Y. soll als Paketbotin verkleidet das 89-jährige Opfer im Februar 2010 brutal überfallen und ausgeraubt haben. Gestern sprach das Gericht die Angeklagte frei.

"Es ist der Albtraum eines jeden Mitbürgers, verhaftet zu werden und 2600 Seiten Akten gegen sich zu haben. Und die wichtigsten Beweismittel werden nicht überprüft", sagte Verteidigerin Ina Franck in ihrem Plädoyer. Es sei nur die Hälfte der Ermittlungen geführt worden, so die Rechtsanwältin. Man habe sich zu früh auf ihre Mandantin festgelegt. "Sie war an dieser furchtbaren Tat nicht beteiligt. Hier gibt es schlicht nichts, keine Beweise", schloss sie - und forderte den Freispruch. Der zweite Anwalt der Angeklagten, Ingo Voigt, teilte diese Meinung. Er sprach von einem "erschütternden Bild der Ermittlungsarbeiten. Derart fahrlässig habe ich das bei einem so schweren Vorwurf noch nicht erlebt - und wünsche es auch keinem anderen."

Staatsanwältin Sarah Führer hingegen sprach in Hinblick auf die drei Belastungszeugen, die ihre Aussagen zurückgezogen hatten, von einem "ungewöhnlichen Phänomen" - und ließ durchaus durchblicken, dass sie Zweifel an den Behauptungen der wichtigen Zeugen hatte. Die hatten in der Verhandlung plötzlich von Erinnerungslücken gesprochen, von Filmrissen nach etwas Alkohol und von dubiosen Polizeimethoden berichtet. Viele Indizien, wie die am Tatort gefundenen Faserspuren, die zu einer Jacke der Angeklagten gehören könnten, würden wohl ungeklärt bleiben. "Es ist unbefriedigend, für solch eine brutale Tat keinen Täter zu haben", sagte Führer, doch auch sie forderte Freispruch.

Nach nur einer halbstündigen Beratung verkündete der Vorsitzende Richter Eberhard Hülsing den Freispruch für Lale Y. Allerdings verteidigte er das Vorgehen der Ermittler. "Es ist ja nicht so, dass eine offenkundig Unschuldige verfolgt und in U-Haft genommen wurde", sagte er.
In seiner Begründung für den Freispruch verwies Richter Eberhard Hülsing nochmals auf die Bekannten der Angeklagten, die sie in ihren Aussagen bei der Polizei maßgeblich belastet hatten. "Die Leute aus Ihrem Umfeld haben dazu beigetragen, dass Sie in U-Haft genommen wurden", sagte Hülsing in Richtung der Angeklagten. "Vieles spricht dafür, dass Sie leichtfertig beschuldigt wurden." Gleichwohl räumte er ein, dass die Ermittler offenbar auch Fehler gemacht hatten. "Wenn Sie damit nichts zu tun hatten, dann tut es mir wirklich leid. Ich entschuldige mich im Namen der Justiz", so der Richter. Seit April dieses Jahres hatte Lale Y. in U-Haft gesessen, dafür soll die Elmshornerin nun entschädigt werden.

Trotzdem ließ Hülsing durchblicken, dass nicht endgültig geklärt werden könne, ob die 25-Jährige nun an der Tat beteiligt war, oder nicht. Schließlich seien tatsächlich zahlreiche Indizien nicht endgültig ausgewertet worden - und, glaubt man den Zeugen, die ihre Aussagen plötzlich zurückgezogen hatten, dann hat sich die einstige Angeklagte tatsächlich nach Kleidung des Paketdienstes GLS erkundigt, die die Täter später bei dem Überfall getragen haben. Nichts davon könne jedoch als überführender Beweis gelten.

Bezeichnend für die gesamte Verhandlung gegen Lale Y. war die Aussage der letzten Zeugin, Yvonne L., die gestern zum Gericht zitiert worden war. Auch gegen sie wird in dem Fall noch ermittelt - wie auch gegen einige andere potenzielle Täter, die bereits als Zeugen aussagen sollten. Auch Yvonne L. erschien, nicht als einzige Zeugin, in Begleitung ihres Rechtsanwalts. Nur, um sich schließlich nicht zu der Sache zu äußern, weil sie sich womöglich selbst belasten müsste. Wie bereits mehrere Zeugen vor ihr. "Die Fragen, die zulässig wären, würden uns nicht weiterbringen", sagte Staatsanwältin Sarah Führer etwas resigniert. Ob die Ermittlungen, die gegen die zahlreichen potenziellen Täter noch geführt werden, jemals von Erfolg gekrönt werden, bleibt abzuwarten.

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