Mobbing: Vom Psychoterror am Arbeitsplatz

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20. Mai 2011, 03:59 Uhr

Elmshorn | Er ekelt sich vor jedem Tag, an dem er zur Arbeit gehen muss. Aber er geht. Michael ist an der Reihe. Der 46-Jährige erzählt seine Geschichte. 23 Jahre in der Buchhaltung, Betriebsrat. Dann plötzlich die Versetzung. Der Beginn seines Martyriums. Sie haben ihn beleidigt. Sie haben ihm gedroht. Sie haben ihn gedemütigt. "Als der Neubau fertig war, sind alle Kollegen umgezogen", berichtet er. Er musste im alten Bürotrakt bleiben - ganz allein.

Michael will mehr erzählen, doch Günther Kollenda unterbricht ihn. "Erkennt ihr das Prinzip?", wendet er sich an die Gruppe. "Die machen ihn mürbe." Michael wird seit zwei Jahren gemobbt.

Dienstagabend, 18.55 Uhr, Flora-Gesundheitszentrum in Elmshorn: Mit dem Fahrstuhl geht es hoch in den fünften Stock. 14 Frauen und acht Männer sitzen an den Tischen. Sie kommen aus Wedel, Tornesch, Pinneberg, Hasloh, Rellingen, Quickborn, Elmshorn und Uetersen. Der Banker sitzt neben der Putzfrau. Die Verkäuferin neben der Kassiererin. Die Sekretärin gegenüber vom IT-Spezialisten. Sie sind alle Opfer - Mobbing-Opfer. Jetzt suchen sie Halt und Unterstützung in der Selbsthilfegruppe.

Kollenda hat sie 2000 gegründet. Sie ist für den passionierten Taubenzüchter längst zu einem Stück Lebensinhalt geworden. Der 65-Jährige begleitet die Betroffenen zu Prozessen, streitet und verhandelt mit Arbeitgebern und Krankenkassen. "Sabrina wollen sie jetzt in die Rente schicken", berichtet Kollenda. "Unfassbar", entfährt es Stephan. Sabrina ist 34 Jahre alt.

Mobbing: Kollenda spricht von systematischer Schikane, vom Psychoterror am Arbeitsplatz. "Die wollen euch entsorgen - zum Nulltarif."

Die Geschichten der Opfer sind alle verschieden und doch alle gleich - so als würden die Täter - die Firmenchefs, die Personalleiter, die Kollegen mit den Ellenbogen - nach einem Handbuch des Mobbings vorgehen.

Die Degradierung: "Ich durfte keine sinnvolle Arbeit mehr übernehmen", sagt Manuela (48) aus Elmshorn. Aus Langeweile surfte sie eineinhalb Jahre im Internet. Die Überforderung: Simone bricht unter der Last in ihrem Pinneberger Betrieb zusammen. "Die ganze Arbeit landete plötzlich auf meinen Schreibtisch". Die Ausgrenzung: In Torstens Wedeler Firma duzen sich alle Kollegen. Er wird demonstrativ gesiezt. Die Erniedrigung: Alf (44) musste die Lagerhalle in seinem Betrieb ausfegen - als Abteilungsleiter.

Aus dem Leben gemobbt: Fast alle in der Gruppe haben ihren Arbeitsplatz inzwischen verloren. Existenzen wurden zerstört, Familien zerrüttet. Nichts ist mehr, wie es war. "Du kommst nicht mehr zur Ruhe", sagt Sabine (49) aus Tornesch. "Das Erlebte, die persönlichen Verletzungen, die Kränkungen. Das alles kreist ständig in deinem Kopf".

Kollenda hört zu, auch wenn er alles schon gehört hat - vor allem, wie die Krankheit schleichend die Oberhand gewinnt. Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Herzrasen, Depression: "Das Mobbing macht die Opfer krank, und dann werden sie wegen Krankheit gekündigt", beschreibt Kollenda das perfide Spiel. Endstation Mobbing: Auf die oft monatelange Krankschreibung folgt die Anerkennung der Schwerbehinderung, dann die Erwerbsminderungsrente. Das Arbeitsleben ist vorbei. Die Fälle in Kollendas Mappe stapeln sich. Wer Kontakt zu der Selbsthilfegruppe aufnehmen möchte, erreicht Günther Kollenda unter (04122) 5 28 93.

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