Mit dem Tanker Zickzack gefahren

Fünfzehn Jahre lang leitete Peter Rosteck das Bismarck-Gymnasium in Elmshorn.
Fünfzehn Jahre lang leitete Peter Rosteck das Bismarck-Gymnasium in Elmshorn.

Bismarck-Schulleiter Peter Rosteck geht im Juli in Rente / Im Interview spricht er über den Wandel von Schule und Schülern

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19. Mai 2018, 16:31 Uhr

15 Jahre hat Peter Rosteck die Bismarck-Schule durch die unruhigen Wasser der schleswig-holsteinischen Bildungspolitik gelenkt. Der Wechsel von G9 zu G8 und wieder zurück bestimmten seine Amtszeit als Direktor. Im Juli geht er von Bord. Im Interview spricht er über Kontinuität und Veränderung an Elmshorns größtem Gymnasium.

Herr Rosteck, Warum sind Sie Lehrer geworden?

Also ich gehöre ja zu einer Generation in der sehr viele Abiturienten gesagt haben: „Ich werde Lehrer“. Wir haben in der Schule sehr viele alte, verknöcherte Strukturen erlebt. Viele Lehrer, die ihre eigenen Kriegserlebnisse abarbeiten mussten und die sehr autoritär waren. In meiner Schulzeit gab es dann aber auch die ersten Lehrer, die anders waren, die eine andere Geschichte hatten und uns zeigten, dass es auch anders geht. Das war die Motivation dahinter: Wir wollten es besser machen. Ob wir das geschafft haben, das müssen andere beurteilen.

Was wären Sie geworden, wenn das mit dem Lehrer-Beruf nicht geklappt hätte?

Vielleicht wäre ich Pilot geworden, es gab aber tatsächlich keinen wirklichen Plan B.

Was hat sich in den letzten 40 Jahren an den Schülern verändert?

Ja, da könnte man jetzt ein Buch füllen, das ist natürlich ganz viel. Klar – der gesellschaftliche Wandel drückt sich auch in der Schule aus. Ich neige aber nicht dazu zu sagen, dass es sich alles zum Schlechten hin verändert hat, im Gegenteil: vieles ist besser geworden. Als ich in die Schule kam als Lehrer, da hat die Schüler-Generation sich mit der Eltern-Generation sehr kritisch gegenüber gestanden. Und zur Eltern-Generation gehören logischerweise auch die Lehrer. Es gab viele Konflikte in grundlegenden Fragen, man hat sich gesellschaftspolitisch gestritten. Über die ganzen Jahre hinweg hat es die Tendenz gegeben, dass die Schüler von der Seite her einfacher geworden sind, weil sie friedlich und freundlich mit ihren Eltern und Lehrern umgehen möchten. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Konflikte gibt, aber es gibt ein sehr starkes Harmonie-Bedürfnis.

Und was hat sich vor allem an Gymnasien verändert?

Ich müsste schätzen, aber als ich Lehrer wurde, da waren es vielleicht 25 oder 30 Prozent eines Jahrgangs, der zum Gymnasium ging, heute sind es bis zu 50 Prozent. Auch die Bedeutung der Individualität ist sehr stark gewachsen. Wenn man eine Schülergruppe von 30 Leuten hat und sagt „Morgen machen wir dies und jenes“, dann war das früher eigentlich kein Problem. Wenn man das heute macht, dann hat man einen, der kann das nicht weil und der nächste will das nicht weil. Man muss sehr viel individueller auf Schüler eingehen.

Glauben Sie, dass sich das Niveau an den Gymnasien verschlechtert hat?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Gymnasien durchaus noch ein ähnliches Niveau haben. Aber es ist so, dass sich Inhalte, Ziele und Kompetenzen verändert haben. Früher haben wir darüber geweint, dass man nicht mehr die Steintafeln benutzt oder Gedichte auswendig lernt, seitdem wir schreiben und lesen können, brauchen wir das nicht mehr. Inhalte, die man vor irgendeiner Zeit als ganz wichtig zu lernen an sah, braucht man jetzt nicht mehr so unbedingt. Heute hat man das ganze Wissen in der Hosentasche, aber man muss wissen, wie man an verlässliche Fakten heran kommt und wie man sie intellektuell vernünftig verarbeitet und welche Schlüsse zu ziehen sind.

Welches Ereignis aus den letzten 15 Jahren ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Als ich hier Schulleiter wurde, da hat mir mein früherer Schulleiter gesagt: „Du wirst jeden Tag etwas erleben, was du noch nie erlebt hast.“ Und das ist wirklich auf 15 Jahre lang so, dass ich – vielleicht nicht täglich – aber zumindest wöchentlich etwas erlebe, über das man sich wundert. Für mich war die Auseinandersetzung um ein Praktikum auf Helgoland besonders. Wir haben das verboten, weil wir die Schüler natürlich auch erreichen wollten. Da hat ein Vater dann gegen geklagt, das ging bis zum Verwaltungsgericht in Schleswig. Letztendlich habe ich Recht bekommen, aber das war eine spannende Phase, weil man unendlich viel Papier produziert und Zeit vergeudet hat.

Was war die größte Herausforderung als Schulleiter?

Eine große Herausforderung war der Wandel zu G8, der ja letztendlich vorgegeben wurde. Eine freie Entscheidung für die Schulen gab es im Prinzip nicht, auch wenn das manchmal so geschrieben wird. Als wir G8 zwangsweise eingeführt hatten, ein, zwei Jahre lang, da durften wir dann nochmal entscheiden, ob wir das wirklich wollen. Das war natürlich überhaupt nicht mehr möglich. Es gibt einen Spruch, den ich dazu immer wieder gern bringe: „Mit einem Tanker kann man nicht Zickzack fahren.“

War G8 eine schlechte Idee?

Auf lange Sicht kann alles funktionieren, es kann G8, G9 und auch G10 funktionieren. Das kann man organisieren, aber man muss viel Zeit haben. Das Wichtigste ist, dass Bildungspolitik ein Stück Kontinuität bringt. Man hat ja mal über Schulfrieden gesprochen und gesagt „jetzt verändern wir eine Zeit nichts“, aber eine Legislaturperiode ist nun mal fünf Jahre lang und wie wir letztes Jahr gesehen haben, ist es möglich, mit Bildungspolitik Wahlen zu gewinnen.

Was ist besser: G8 oder G9? Die Schüler haben unter G8 nicht anders gelitten und gelebt als unter G9. Aber es ist falsch, in einer Gesellschaft, in der die Lebensarbeitszeit immer weiter nach hinten geschoben wird, auch noch die Schulzeit zu verkürzen. Man könnte eher darüber nachdenken, ob man nicht ein Jahr länger macht und irgendwann mal auf G10 geht, um die Berufs- und Universitätsvorbereitung in der Schule zu intensivieren. Wenn die Leute bis 70 arbeiten gibt es keinen Grund, das auch noch nach vorne zu ziehen. Das war damals unsinnig, das ist unsinnig und das wird auch immer unsinnig sein. Mindestens G9 ist auf jeden Fall der richtige Weg.

Häufig wird moniert, dass das Niveau in den Bundesländern zu stark schwankt. Ist es Zeit, den Bildungsföderalismus abzuschaffen?

In großen Teilen auf jeden Fall. Ich denke, dass man 80 Prozent zentral entscheiden müsste: Schulform, Art der Oberstufe, und Art des Abiturs zum Beispiel, um den Vergleich möglich zu machen. In den restlichen 20 Prozent sollten aber auch regionale Besonderheiten Platz finden können. Wir haben immer wieder die Diskussion über Zugangsmöglichkeiten zu den Studiengängen. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind so groß – das ist wirklich nicht gerecht.

Was ist die größte Herausforderung für die Schule in den nächsten Jahren?

Die Digitalisierung. Ich war eigentlich der Auffassung, das geht eigentlich sehr schnell und ich hätte mir vor 15 Jahren nicht träumen lassen, dass die Schüler heute immer noch kein Gerät im Unterricht haben. Wir sind jetzt gut davor, toll dass der Schulträger Elmshorn nun endlich den Weg aufmacht.

Wie sieht die Schule in 20 Jahren aus?

Auf der einen Seite sicherlich digital, ich gehe davon aus, dass Lehrer und Schüler selbstverständlich mit digitalen Geräten umgehen. Ansonsten kann ich mir nicht vorstellen, dass die Harmoniegesellschaft zwischen den Generationen so bleiben wird, ich kann mir vorstellen, dass eine Schülergeneration irgendwann mal wieder kritischer den Älteren gegenüber wird, vielleicht auch aufgrund von Verfehlungen in zum Beispiel der Umweltpolitik, deren Folgen die Jüngeren tragen müssen.

Was kommt jetzt für Sie?

Da gehe ich erstmal ganz offen ran, meine Frau und ich wollen noch mehr reisen und Zeit mit dem Enkelkind verbringen. Dann werde ich mir sicherlich auch anschauen, welches Ehrenamt für mich in Frage kommt. Erstmal werde ich jedoch aufräumen, ausschlafen und mit diesem Lebensabschnitt abschließen.

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