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Elmshorner Nachrichten

20. Oktober 2017 | 14:55 Uhr

„Mein Herz ist in Afrika“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der selbstständige Mühlenbauer Wolfgang Heine aus Elmshorn engagiert sich auch mit 68 Jahren noch auf dem schwarzen Kontinent

In dieser Rubrik stellen wir Menschen vor, die in der Region Elmshorn leben und/oder hier berufstätig sind. Sie erlauben Einblicke in ihr Leben und sind unsere „Menschen am Montag“.


„Gleich bei meinem ersten Besuch 1974 in Tansania hat mich das Virus gepackt.“ Seitdem lebt der Elmshorner Wolfgang Heine mit den Symptomen: „Mein Herz ist in Afrika, mein Kopf in Deutschland.“ Gut 40 Jahre lang hat Heine sein Leben zwischen den beiden Welten aufgeteilt; mittlerweile ist er 68 und will die kommenden zwei Jahre nutzen, um noch laufende Projekte abzuschließen und einen Nachfolger einzuarbeiten.

Aber auch wenn Heine betont, dass er „so langsam zur Ruhe kommen muss“ und es ihn zur Familie – sie besteht aus seiner Frau, drei Kindern und drei Enkeln – in Deutschland zieht: Das Virus wirkt weiter. Heine will eine Organisation für Wartungsarbeiten an technischen Geräten und Anlagen in Afrika aufbauen. „Wartung wird einfach nicht gemacht“, lautet seine Erfahrung; Pflege beschränke sich darauf, Kaputtes auszutauschen. „Wissen vermitteln: Wozu ist ein Ölwechsel gut?“, daran haperte es oftmals.

Er nennt ein Beispiel aus dem Südsudan: Die EU habe 25 Traktoren finanziert, um auf 12  000 Hektar Reis anzubauen. Ein halbes Jahr später funktionierten davon noch zehn, als Heine sein Projekt beendete – er baute eine Reismühle auf – lief nur noch einer. Bei seiner Reismühle, die im Sommer 2013 ihren Betrieb aufnahm, ist inzwischen auch eine Wartung fällig, müssen Ersatzteile eingebaut werden; aber dafür gebe es kein Geld. Für die GIZ, die deutsche staatliche Entwicklungshilfeorganisation, sei das Projekt abgeschlossen.

„Wartung ohne Grenzen“ schwebt Heine vor in Anlehnung an die bekannte Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Oder ein Repair Café im Südsudan. Denn im Elmshorner Repair Café hat er schon einen Helfer für seine Idee gefunden: Mitorganisator Arnd Soltau, gelernter Landmaschinenmechaniker. „Er würde jederzeit mit ’runterkommen und gucken, ob er aus den Traktoren noch was bauen kann“. Der Haken: „Uns fehlt beiden das Geld“.

Dabei gibt es in der Entwicklungshilfe eigentlich eine Menge Geld. Aber laut Heine landet es an den falschen Stellen. Die 25 Traktoren sind für ihn Paradebeispiel für ein Prestigeobjekt, das nicht viel bringt: „Da tränen Ihnen die Augen, was da für Geld unnütz ausgegeben wird.“ Nicht-staatliche Organisationen (NGOs) bezieht Heine in seine Kritik ein: Deren Mitarbeiter vor Ort seien oft sehr engagiert, aber im Kern seien NGOs Wirtschaftsunternehmen, in deren Zentralen Erfolge erwartet würden; Fotos von lachenden Kindern am neu gebohrten Brunnen zum Beispiel. Dass dann in einem Dorf gleich fünf Brunnen angelegt werden, im Ort 30 Kilometer weiter dagegen keiner, will Heine nicht einleuchten.

Heine will in die Ausbildung der Arbeiter vor Ort investieren: Die seien „vom Eselskarren geholt“ worden und kennen das Prinzip „Wartung“ nicht. Heine setzt vor allem auf die Jugend: „Die saugen auf wie die Schwämme“. Von finanziellen Zuwendungen hält er nichts: „Wir sollten aufhören, Geld zur Selbsthilfe zu schicken; es kommt nie an.“

Die Geschichte seiner ganz persönlichen Entwicklungshilfe handelt folgerichtig auch nicht von einer Anlage, sondern von einem jungen Mann. Heine ist gelernter Mühlenbauer, er installierte in verschiedenen afrikanischen Staaten Reismühlen, Kraftfutterwerke und Anlagen zur Holzverarbeitung. Auf einer Baustelle in Mauretanien fiel ihm vor fünf Jahren ein junger Senegalese auf: „Der wühlte herum, passte aufs Werkzeug auf und sammelte heruntergefallene Schrauben auf.“ Den damals 16-jährigen Mamadou Diallo, der kein Englisch konnte, nahm Heine mit auf seine nächsten Baustellen. Inzwischen spricht er englisch und französisch, Heine überlässt ihm schon mal für zwei Wochen eine Baustelle: „Das klappt gut.“ Diallo schicke abends Bilder vom Baufortschritt und bekommt von Heine „Lob oder auf den Deckel“.

Diallos Ausbildung hat Wolfgang Heine selbst finanziert, ihm die Reisen und Hotels bezahlt. „Schreiben ist noch nicht seine Sache, Rechnen muss ich ihm beibringen“, trotzdem sieht der Elmshorner in dem Senegalesen seinen Nachfolger als Projektleiter. Von seinen Einkünften ernährt Diallo inzwischen fast sein ganzes Dorf, erzählt Heine, Vater sei er auch schon geworden.

Wolfgang Heine stammt aus Niedersachsen, er hat in Braunschweig Mühlenbau studiert. Schleswig-Holstein lernte er bei der Marine „kennen und lieben“, er arbeitete für einen Elmshorner und einen Reinbeker Mühlenbauer, seit 2002 ist er selbstständig in Afrika unterwegs.

Gefährliche Zwischenfälle hat er nie erlebt. Aber er weiß auch: „Man muss schon aufpassen, wo man hinfährt“; nach Libyen zum Beispiel würde er jetzt nicht fliegen. Was den Elmshorner fasziniert: „In Afrika ist das Leben anders. Zeit spielt da nicht die Rolle.“ Da bleibt eine Lieferung Schrauben schon mal wochenlang im Zoll hängen; „Man muss ruhig bleiben“, lautet die Regel. Da soll eine Bühne sechs mal drei Meter groß werden und umfasst am Ende nur vier mal 2,50 Meter, weil das Maßband kaputt war: „Das ist dann so.“

Entscheidend für Heines Hinwendung zu Afrika sind die Menschen: „Ich liebe die Freundlichkeit. Sie werden überall mit einem Lächeln empfangen, auch von den Ärmsten.“ Von dieser empfangenen Freundlichkeit möchte Wolfgang Heine etwas zurückgeben; am liebsten ein Repair Café für Traktoren und Anlagen.


>Kontakt für Spenden oder Unterstützung: wolfgangheine@web.de


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