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Elmshorner Nachrichten

17. Oktober 2017 | 06:56 Uhr

Mangelware Psychotherapie

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Gesundheit Seit April gelten neue Regelungen / Joachim Fitschen von der Brücke sieht Vor- und Nachteile

shz.de von
erstellt am 13.Apr.2017 | 10:00 Uhr

Elmshorn | Eine Psychotherapie zu bekommen, erfordert langes Durchhaltevermögen. Überlastete Therapeuten verschanzen sich hinter Anrufbeantworteransagen. Je labiler die Verfassung eines Patienten ist, desto schwerer wird es, diese Barriere zu überwinden. Joachim Fitschen von der Elmshorner „Brücke“ weiß: „Wir erleben hier häufig Menschen, die über Monate nur Anrufbeantworter hören, und dann noch nicht einmal wissen, ob sie an der richtigen Stelle sind. Die brechen den Impuls, sich Hilfe zu suchen, oft ab.“ Hier soll eine am 1. April in Kraft getretene Psychotherapierichtlinie Abhilfe schaffen: Sie hat das Ziel, den Zugang zu einer Therapie zu erleichtern. Fitschen knüpft daran Hoffnungen – aber er hat auch Zweifel.

Jede psychotherapeutische Praxis muss ab jetzt mindestens 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein. Termine bei Psychotherapeuten werden auch durch die Terminservicestelle der Krankenkassen vermittelt. Der Termin muss innerhalb von vier Wochen nach der Anfrage stattfinden. Für psychische Extremsituationen, insbesondere, wenn sie mit einer Selbst- oder Fremdgefährdung einhergehen, gibt es jetzt eine kurzfristige Akutbehandlung.

Herzstück der neuen Richtlinien ist die Sprechstunde: Jede Praxis muss pro Woche 100 Minuten Sprechstunde anbieten, mindestens 25 Minuten pro Patient. Hier soll abgeklärt werden, ob und welche Therapie jemand braucht oder ob eventuell andere Unterstützungsangebote angezeigt sind. Damit kommt den Psychotherapeuten nun auch eine Lotsenfunktion zu.

Das klingt nach einer frohen Botschaft. „Es löst aber das Problem nicht“, befürchtet Fitschen. Denn die Kernursache sei der Mangel an Therapieplätzen, erläutert Oswald Rogner, Präsident der Psychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein (PkSH): „Die Kapazitäten sind nicht erweitert worden. Das Problem verschiebt sich nach hinten.“

So würden Patienten nun zwar schneller in Kontakt mit einem Therapeuten kommen, eine eigentliche Therapie würden sie aber nicht eher beginnen können. Das Problem verschärfe sich künftig sogar. Denn was die Therapeuten nun in Sprech- und Telefonzeiten investieren müssten, würde an echten Therapiezeiten fehlen - und die seien schließlich ohnehin schon zu knapp. „In Großstädten ist die Situation etwas besser, aber hier im ländlichen Raum ist die Lage katastrophal“, berichtet Fitschen aus Elmshorner Sicht.

Bedarfsplanung – ein irreführender Begriff

Auch die BPtK weiß darum. Sie fordert in ihrem Bericht „Praxis-Info“, die Bedarfsplanung müsse sich künftig „stärker am tatsächlichen Bedarf orientieren und die Häufigkeit psychischer Erkrankungen berücksichtigen.“ Das klingt selbstverständlich, ist aber nicht so. Der aktuelle Bedarfsplan sei ein Planungsinstrument, das einem Rechenexempel folge und nicht wissenschaftliche Daten zum realen Bedarf, erläutert Delf Kröger, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung des Landes (KVSH). „Es ging bei der Einführung des Bedarfsplans in den 90ern eher um eine Begrenzung der Arztdichte in Zeiten eines Überschusses“, erläutert er. „Ob die Zahl der danach zugelassenen Therapeuten real zur Versorgung ausreicht, ist eine andere Frage.“

Die Richtlinien lindern also bestenfalls die Symptome eines krankenden Systems. Trotz dieser Mängel bringt die neue Richtlinie aus Sicht des Elmshorners Joachim Fitschen aber durchaus Verbesserungen. Er setzt darauf, dass die langen Wartezeiten für die Patienten durch den frühen Kontakt zu einem Therapeuten emotional besser zu verarbeiten sind. „Die Patienten wissen schnell, wer ihr richtiger Ansprechpartner ist“, erläutert Fitschen.

Oswald Rogner von der Psychotherapeutenkammer hat noch einen Tip, damit künftige Patienten auch wirklich in den Genuss der Vorteile des neuen Systems kommen: „Fragen sie nicht direkt nach einer Therapie - da könnten Sie weiterhin wegen Kapazitätsmangel abgewiesen werden. Fragen sie explizit nach einem Sprechstundentermin.“

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