zur Navigation springen

Serie: Gedenken nach 70 Jahren : „Man vergisst das auch nicht“

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Gedenkstein für Opfer des alliierten Bombenangrifs vom 26. April 1945 am Langeloher Kreisel.

Elmshorn | Christa Kröger war fünf Jahre alt, als es passierte: „Ich bin über die Straße geflogen“, erinnert sie sich 70 Jahre später. Ihr rechtes Bein war verletzt. „Tante Hertha vom Langeloher Hof hat einen Tempo (einen Lieferwagen) angehalten, der hat mich ins Krankenhaus gebracht.“ Dort hatte Kröger wiederum Glück, dass sie schnell behandelt wurde: „Viele verbluteten“, berichtet sie. Dass ihr Lieblingskleid „total zerrissen“ wurde, daran erinnert sich die Elmshornerin auch nach so langer Zeit noch schmerzlich.

Christa Kröger hatte sogar noch Glück, dass sie zu den 46 schwer Verletzten zählte, die der Bombenangriff auf Elmshorn am 26. April 1945 forderte. 92 Menschen starben, mindestens 324 wurden obdachlos, als alliierte Bomber zwischen 18 und 18.30 Uhr mehr als 100 Bomben über der Stadt abwarfen. Am Langeloher Kreisel wurde gestern – auf den Tag genau 70 Jahre nach der Bombardierung – ein Gedenkstein eingeweiht.

Rund 200 Gäste waren zur Zeremonie gekommen. Der rote Findling ist schlicht gehalten, er trägt lediglich die Aufschrift: „Den Opfern des Bombenangriffs vom 26. April 1945 zum Gedenken“. Viele Ältere waren gekommen, Bürgermeister Volker Hatje sah „fast so etwas wie eine Langeloher Wiedersehensfreude“.

Wenige Tage, bevor der Zweite Weltkrieg mit der deutschen Kapitulation endete, war der 13-jährige Gert Meyer mit Freunden unterwegs, Krähennester ausnehmen. „Tiefflieger“ schrie plötzlich einer der Jungs. Sie selbst blieben verschont, aber nach dem Bombardement fing der Schrecken für Meyer erst richtig an: „Als 13-Jährige wollten wir helfen, es waren ja keine Männer da“, berichtete er jetzt.

Eine Frau vermisste ihren Mann in den Trümmern, Meyer fand ihn und zog ihn aus einem zusammengestürzten Gebäude: „Als 13-Jähriger so einen Toten ’rauszuziehen ist auch nicht immer ganz einfach“, kommentierte der heute 83-Jährige lakonisch. Er traf an diesem Abend vor 70 Jahren noch einen Jungen mit aufgerissenem Bein: „Schrecklich anzusehen.“ Dann begegnete er drei Kindern, die ihre Mutter suchten. Meyer nahm sie mit nach Hause in die Köllner Chaussee. „Die Erinnerung lebt“ bei Gert Meyer auch nach so vielen Jahren.

Am Langeloher Kreisel erinnert jetzt ein Stein an die Bombardierung des Stadtteils vor 70 Jahren. (Foto: Roolfs)
Am Langeloher Kreisel erinnert jetzt ein Stein an die Bombardierung des Stadtteils vor 70 Jahren. (Foto: Roolfs)

Keine halbe Stunde dauerte die Einweihung, anschließend ging es zum Kaffee in eine Bäckerei. Ein Schauer kam zwischendrin runter, es war ungemütlich, aber nach dem offiziellen Teil standen noch viele Langeloher und Gäste zusammen und redeten. Den Parkplatz, auf dem sie sich am Gedenkstein versammelt hatten, gibt es, weil das Reetdachhaus, das dort einst stand, ebenfalls beim Bombenangriff zerstört wurde.

Bürgermeister Volker Hatje zeigte sich erleichtert, dass die Balance gelungen war: Er hatte Angst gehabt, dass das Gedenken an die Opfer alliierter Angriffe Beifall aus der politisch rechten Ecke provozieren würde. In seiner Rede ging er darum ausführlich auf die Vorgeschichte ein und zitierte Ralph Giordano: „Der Bumerang der Zerstörung und des Todes schlug furchtbar zurück auf das Land, von dem er abgeschleudert worden war.“ Und er erinnerte daran, dass die deutsche Luftwaffe acht Jahre vor dem Bombardement auf Langelohe die spanische Stadt Guernica zerstört hatte.

Ingrid Brockmann hat die Erlebnisse vor70 Jahren nicht vergessen; Bürgermeister Volker Hatje hält ihr das Mikrofon. (Foto: Roolfs)
Ingrid Brockmann hat die Erlebnisse vor70 Jahren nicht vergessen; Bürgermeister Volker Hatje hält ihr das Mikrofon. (Foto: Roolfs)
 

Hatje machte auch eine Anleihe bei Richard von Weizsäcker: „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Hatje fuhr fort: „Damit wir nicht anfällig werden, haben wir uns hier versammelt, um uns zu erinnern.“ Bis zum Erinnern dauerte es in Elmshorn ziemlich lange, erst 2008 publizierte der ehemalige Stadtarchivar Karl-Heinz Kuhlemann die Namen der Opfer des Bombenangriffs. „Dass bei dem Bombenangriff so viele Menschen getötet wurden, war auch mir bis vor wenigen Jahren nicht bewusst und bekannt“, sagte er am Gedenkstein. Als er es erfuhr, habe er angeregt, den Opfern einen Gedenkstein zu widmen. Der rote Findling selbst lag schon an Ort und Stelle, die Steinmetze mussten ihn nur abholen, säubern und beschriften und wieder ablegen.

Das letzte Wort bei der Veranstaltung hatte Ingrid Brockmann. Sie war in Hamburg ausgebombt und lebte in Elmshorn, als die Bomber kamen. Brockmann erinnerte sich an die tagelange Suche nach Lisa Cordes, die schließlich „ganz zusammengeschrumpft“ in den Trümmern gefunden wurde. Im Keller der Schule pflegte Ingrid Brockmann als junges Mädchen Verwundete: Das war ihr lieber, als die Schrecken draußen auf der Straße zu erleben. Solange sie und andere Zeitzeugen leben, wird das Geschehen jedenfalls erinnert werden. „Man vergisst das auch nicht“, sagte Ingrid Brockmann.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 27.Apr.2015 | 16:20 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen