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Elmshorner Nachrichten

21. August 2017 | 20:10 Uhr

Lügenbarone

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Eric-Emmanuel Schmitt – Die zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte

Kinder, das mag ungewöhnlich, in China aber doch eher unmöglich sein. Dass Frau Ming, die Klofrau eines Hotels, aber dennoch eine derartig große Familie haben kann, mag der französische Geschäftsmann, der regelmäßig im Hotel übernachtet, nicht glauben. Der Handelsvertreter für Spielwaren reist zu Konferenzen nach China, stößt hier auf die Klofrau, mit der sich schnell eine Freundschaft entwickelt.

Immer wieder trifft das ungewöhnliche Paar aufeinander, immer mehr erzählt Frau Ming aus ihrer großen Familie, berichtet von den fantastischen Biographien ihrer vielen Kinder, die unterschiedlicher nicht sein könnten; immer wieder webt sie Lehren des Konfuzius geschickt in ihre Berichte ein und stärkt so ihre Position und die ihrer Kinder.

Geschickt stellt Eric-Emmanuel Schmitt den Leser auf die Probe: Mal klingt Frau Mings Darstellung glaubwürdiger, mal liegt das Vertrauen beim Erzähler mit seiner Annahme, dass die Kinder tatsächlich nicht existieren – oder eben doch? Die Auflösung – dann doch irgendwie überraschend.

Die Biografien stecken zudem voller liebevoll-abstruser Details. Etwa Wang, der mit dem Erdenken fiktiver Gärten für Menschen ohne Grundstück seinen Lebensunterhalt bestreitet, oder Da-Xia, die als Kind Madame Mao umbringen wollte. Das jedenfalls berichtet Frau Ming im Brustton der Überzeugung.

Ob und wie Lügen und Notlügen angebracht, ja, erlaubt sind, das erörtert Schmitt mit seinen beiden Protagonisten. „Die Zehn Kinder, die Frau Ming nie hatte“ ist der sechste Roman in Schmitts Erzählsammlung der großen Weltreligionen.

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erstellt am 20.Okt.2014 | 14:47 Uhr

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