Gedenkfeier in Elmshorn : „Liebe deinen Nächsten!“

Knapp 100 Elmshorner gedachten der Pogrome gegen Juden in der Nacht vom  9. auf den 10. November 1938. Elmshorns Bürgermeisterin Brigitte Fronzek (l.) sprach im Namen der Stadt auf dem Gedenkplatz zwischen Flamweg und Neue Straße.
Knapp 100 Elmshorner gedachten der Pogrome gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Elmshorns Bürgermeisterin Brigitte Fronzek (l.) sprach im Namen der Stadt auf dem Gedenkplatz zwischen Flamweg und Neue Straße.

Wichtige Veranstaltung: Knapp 100 Besucher gedachten am 75. Jahrestag den fürchterlichen Ereignissen der Progromnacht.

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11. November 2013, 12:00 Uhr

Der Gesang des jüdischen Gebets verwehte zwischen den Wohnblocks, Autolärm untermalte die Stimme von Landesrabbiner Walter Rothschild. Er trug das Kaddisch vor, ein aramäisches Gebet, das bei Beerdigungen und Gedenkfeiern gesungen wird. Rothschild erinnert damit an die Ereignisse vor 75 Jahren, als auch in Elmshorn die Synagoge brannte.

Knapp 100 Besucher waren am Sonntag an den Elmshorner Flamweg gekommen. Ein Stein und eine blaue Hinweistafel erinnern dort an den Standort der ehemaligen Synagoge. Einmal im Jahr, am Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938, wird an dieser Stelle der Ereignisse vor 75 Jahren gedacht. Da der 9. in diesem Jahr auf einen Sabbat fiel, den jüdischen Ruhetag, wurde die Gedenkfeier um einen Tag auf den 10. November verschoben.

Rein rechnerisch lag der Jahrestag damit sogar korrekt: Die Elmshorner Synagoge wurde am 10. November 1938 gegen 3 Uhr morgens angezündet. Bürgermeisterin Brigitte Fronzek erinnerte daran, dass erst mehr als zwei Stunden später der Feueralarm ausgelöst wurde; als der Brand benachbarte Gebäude gegfährdete. Alle männlichen Juden der Stadt, die älter als 18 Jahre waren, wurden in jener Nacht ins Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen verschleppt.

Rabbiner Rothschild bedauerte, dass er oft zu traurigen Anlässen komme. Aber in Elmshorn gab es nach dem Gedenken am Vormittag auch einen fröhlichen Anlass für seinen Besuch: Nachmittags feierte die jüdische Gemeinde der Stadt das zehnjährige Jubiläum ihrer Wiedergründung. Die neue Synagoge befindet sich nur rund 100 Meter vom Standort der alten entfernt, im ersten Stock eines Hauses am Flamweg. Und gleich neben dem Gedenkstein für die alte Synagoge liegt ein Kinderspielplatz. Während der Rabbiner von Vergangenheit und Zukunft sprach, hopste dort unbeeindruckt ein Mädchen auf einem Trampolin.

Rothschild zitierte aus der Tora, dem heiligen Buch der Juden, ein Gebot, das auch Christen kennen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Aber ausgerechnet die Nächsten, die Nachbarn und Kollegen, versagten im November 1938 ihren Beistand.

Jürgen Brüggemann vom Elmshorner VVN Bund der Antifaschisten erinnerte daran, dass damals niemand die brennenden Synagogen löschte oder gegen Verbrechen gegen Juden einschritt. Brüggemann schlug den Bogen zu aktuellen Ereignissen: Zu den Bränden in Mölln und Solingen, zur Stigmatisierung von Sinti und Roma. Viele Juden hätten während der Naziherrschaft in anderen Ländern Aufnahme gefunden, aber Deutschland und die EU verhinderten heute mit ihrer Asylpolitik, dass Verfolgte Schutz fänden.

In Elmshorn engagieren sich viele Menschen antirassistisch, lobte Bürgermeisterin Fronzek. Der VVN Bund der Antifaschisten legte einen eigenen Kranz neben dem der Stadt nieder, die AG Stolpersteine, der Verein Spurensuche, die Jüdische Gemeinde und andere treten in Elmshorn gegen das Vergessen der Judenverfolgung in Deutschland ein.

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