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Schreibwettbewerb Knechtsche Hallen : Lesen Sie hier weitere Geschichten

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Hier finden Sie Geschichten, inspiriert von den Knechtschen Hallen in Elmshorn.

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2017 | 18:24 Uhr

Aufregendes Abendessen

Ich schaute mich um, versuchte etwas zu erkennen, aber trotz des Lichtes meiner Taschenlampe war es ziemlich dunkel – und eigentlich trug es eher dazu bei, dass die Wände unheimliche Schatten zurückwarfen. Ein kaputtes Fenster war mein Eingang in die Knechtschen Hallen von Elmshorn gewesen. Bislang war ich noch nie hier drinnen gewesen. Ich war höchstens mal an den Gebäuden vorbeigefahren, um mich in der Stadt mit Freunden zu treffen. Schon von außen hatten die Gebäude auf mich wie die Kulisse für einen alten Film gewirkt.

Dass ich sie einmal betreten würde und dann noch im Dunkeln, war mir allerdings nie in den Sinn gekommen.

Ich dachte an mein Zimmer, mein weiches und vor allem warmes Bett, in dem ich jetzt liegen könnte. War es das wirklich wert? Aber dann erinnerte mich ein Handyklingeln an die SMS, die ich bekommen hatte, in der stand … Warte mal! Ein Handyklingeln? Ich zog mein Handy aus der Tasche meines Pullovers, doch es zeigte keinen Anruf an. Mit der Taschenlampe leuchtete ich den großen Raum ab, in dem ich stand. Ich lief ein paar Schritte in die Richtung, aus der das Klingeln kam, und entdeckte ein Klapphandy auf einem alten Tisch. Sollte ich rangehen? Warum eigentlich nicht? Ich klappte das Handy auf und drückte auf den grünen Hörer, doch als ich das Handy ans Ohr hielt, hörte ich nur ein Tuten. Merkwürdig!

Ich durchstöberte das Handy, um herauszufinden, wem es gehören könnte, doch ich fand nichts Hilfreiches. Als ich auf „SMS“ klickte, sah ich, dass es eine ungelesene Nachricht gab. Ich öffnete sie. „Geh von hier nach rechts in den nächsten Gebäudeabschnitt. In der Mitte der Halle steht eine Treppe. Steige auf dieser in den dritten Stock.“ Diese SMS schien für mich bestimmt zu sein. Sie musste von der Person kommen, die mir zuvor schon eine Nachricht gesendet hatte. Trotzdem fühlte es sich komisch an, eine SMS für mich auf einem fremden Handy zu bekommen.

Vor allem musste die Person gesehen haben, wann ich reingekommen war. Allein die Vorstellung, dass mich jemand beobachtete, war einfach zu gruselig! Trotzdem folgte ich der Anweisung aus der SMS. Das musste ich, sonst würde ich meine Neugierde nie stillen können. Als ich vor zwei Tagen eine anonyme Nachricht bekommen hatte, in der stand, dass ich in dieser Nacht in die Knechtschen Hallen kommen sollte, weil ansonsten jemand ganz unglücklich werden würde, hatte ich kaum gezögert, dies zu tun. Ich hatte niemandem davon erzählt; nicht meiner besten Freundin, nicht meinem festen Freund und erst recht nicht meinen Eltern. Da ich keine Feinde hatte, hatte ich auch keine Angst. Was sollte mir schon passieren? Und außerdem war so ein kleiner Nachtausflug mal ein bisschen Abwechslung in meinem sonst so langweiligen Leben!

Jetzt hatte ich allerdings schon ein bisschen Angst. Trotzdem ging ich die Treppe im nächsten Gebäudeabschnitt hinauf. Die Stufen knarzten, doch sie hielten stand. Sowohl im ersten als auch im zweiten Stock war es dunkel; als ich aber den dritten Stock erreichte, standen plötzlich Kerzen am Treppenabsatz. War ich zum Treffpunkt einer Sekte gelangt? Ich konnte mir das gut vorstellen… In so einem alten, leeren Gebäude, nachts… In der Schule hatte es bereits das Gerücht gegeben, dass hier eine Sekte von Zeit zu Zeit Treffen abhielt. Aber wieso wollten sie mich? Das würde ich bestimmt gleich erfahren. Wobei, eigentlich wollte ich gar keiner Sekte beitreten. Sollte ich wieder gehen? Nein, gehen konnte ich jetzt nicht! Ich wollte mich nicht umsonst aus meinem Zimmer geschlichen haben! Vorsichtig betrat ich den dritten Stock. Aus Kerzen war ein Weg gebildet. Ich folgte ihm. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. In einer Ecke, zu der der Weg der Kerzen führte, konnte ich den Schatten einer einzelnen Person erkennen. Okay, eine einzelne Person konnte ich vielleicht noch erledigen, wenn es ernst werden würde. Ich ging auf die Person zu und versuchte dabei, selbstbewusst auszusehen. Nur noch wenige Schritte trennten mich von meinem Gegenüber, als die Person plötzlich vortrat. Da erkannte ich ihn…

Verwundert blickte ich in das Gesicht meines Freundes. Er begrüßte mich und wünschte mir alles Gute zu unserem Jahrestag. Dem Jahrestag, den ich total vergessen hatte! Er erklärte mir, dass er sich für diesen besonderen Tag etwas Besonderes hatte ausdenken wollen, und da ich so auf spannende Romane stand, war ihm diese Idee gekommen. Er hatte es so spannend wie möglich gestalten wollen. Das war ihm gelungen! Er hatte ein ganzes Dinner geplant und es wurde ein toller Abend. Seit diesem Tag gehören die Knechtschen Hallen zu meinen Lieblingsplätzen in Elmshorn. (Corinna Rieger)

Der Nachwuchspreis: Ein bisschen gruselig: Einladung per SMS

Ich schaute mich um, versuchte etwas zu erkennen, aber trotz des Lichtes meiner Taschenlampe war es ziemlich dunkel – und eigentlich trug es eher dazu bei, dass die Wände unheimliche Schatten zurückwarfen. Ein kaputtes Fenster war mein Eingang in die Knechtschen Hallen von Elmshorn gewesen. Bislang war ich noch nie hier drinnen gewesen. Ich war höchstens mal an den Gebäuden vorbeigefahren, um mich in der Stadt mit Freunden zu treffen. Schon von außen hatten die Gebäude auf mich wie die Kulisse für einen alten Film gewirkt.

Dass ich sie einmal betreten würde und dann noch im Dunkeln, war mir allerdings nie in den Sinn gekommen.

Ich dachte an mein Zimmer, mein weiches und vor allem warmes Bett, in dem ich jetzt liegen könnte. War es das wirklich wert? Aber dann erinnerte mich ein Handyklingeln an die SMS, die ich bekommen hatte, in der stand … Warte mal! Ein Handyklingeln? Ich zog mein Handy aus der Tasche meines Pullovers, doch es zeigte keinen Anruf an. Mit der Taschenlampe leuchtete ich den großen Raum ab, in dem ich stand. Ich lief ein paar Schritte in die Richtung, aus der das Klingeln kam, und entdeckte ein Klapphandy auf einem alten Tisch. Sollte ich rangehen? Warum eigentlich nicht? Ich klappte das Handy auf und drückte auf den grünen Hörer, doch als ich das Handy ans Ohr hielt, hörte ich nur ein Tuten. Merkwürdig!

Ich durchstöberte das Handy, um herauszufinden, wem es gehören könnte, doch ich fand nichts Hilfreiches. Als ich auf „SMS“ klickte, sah ich, dass es eine ungelesene Nachricht gab. Ich öffnete sie. „Geh von hier nach rechts in den nächsten Gebäudeabschnitt. In der Mitte der Halle steht eine Treppe. Steige auf dieser in den dritten Stock.“ Diese SMS schien für mich bestimmt zu sein. Sie musste von der Person kommen, die mir zuvor schon eine Nachricht gesendet hatte. Trotzdem fühlte es sich komisch an, eine SMS für mich auf einem fremden Handy zu bekommen.

Vor allem musste die Person gesehen haben, wann ich reingekommen war. Allein die Vorstellung, dass mich jemand beobachtete, war einfach zu gruselig! Trotzdem folgte ich der Anweisung aus der SMS. Das musste ich, sonst würde ich meine Neugierde nie stillen können. Als ich vor zwei Tagen eine anonyme Nachricht bekommen hatte, in der stand, dass ich in dieser Nacht in die Knechtschen Hallen kommen sollte, weil ansonsten jemand ganz unglücklich werden würde, hatte ich kaum gezögert, dies zu tun. Ich hatte niemandem davon erzählt; nicht meiner besten Freundin, nicht meinem festen Freund und erst recht nicht meinen Eltern. Da ich keine Feinde hatte, hatte ich auch keine Angst. Was sollte mir schon passieren? Und außerdem war so ein kleiner Nachtausflug mal ein bisschen Abwechslung in meinem sonst so langweiligen Leben!

Jetzt hatte ich allerdings schon ein bisschen Angst. Trotzdem ging ich die Treppe im nächsten Gebäudeabschnitt hinauf. Die Stufen knarzten, doch sie hielten stand. Sowohl im ersten als auch im zweiten Stock war es dunkel; als ich aber den dritten Stock erreichte, standen plötzlich Kerzen am Treppenabsatz. War ich zum Treffpunkt einer Sekte gelangt? Ich konnte mir das gut vorstellen… In so einem alten, leeren Gebäude, nachts… In der Schule hatte es bereits das Gerücht gegeben, dass hier eine Sekte von Zeit zu Zeit Treffen abhielt. Aber wieso wollten sie mich? Das würde ich bestimmt gleich erfahren. Wobei, eigentlich wollte ich gar keiner Sekte beitreten. Sollte ich wieder gehen? Nein, gehen konnte ich jetzt nicht! Ich wollte mich nicht umsonst aus meinem Zimmer geschlichen haben! Vorsichtig betrat ich den dritten Stock. Aus Kerzen war ein Weg gebildet. Ich folgte ihm. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. In einer Ecke, zu der der Weg der Kerzen führte, konnte ich den Schatten einer einzelnen Person erkennen. Okay, eine einzelne Person konnte ich vielleicht noch erledigen, wenn es ernst werden würde. Ich ging auf die Person zu und versuchte dabei, selbstbewusst auszusehen. Nur noch wenige Schritte trennten mich von meinem Gegenüber, als die Person plötzlich vortrat. Da erkannte ich ihn…

Verwundert blickte ich in das Gesicht meines Freundes. Er begrüßte mich und wünschte mir alles Gute zu unserem Jahrestag. Dem Jahrestag, den ich total vergessen hatte! Er erklärte mir, dass er sich für diesen besonderen Tag etwas Besonderes hatte ausdenken wollen, und da ich so auf spannende Romane stand, war ihm diese Idee gekommen. Er hatte es so spannend wie möglich gestalten wollen. Das war ihm gelungen! Er hatte ein ganzes Dinner geplant und es wurde ein toller Abend. Seit diesem Tag gehören die Knechtschen Hallen zu meinen Lieblingsplätzen in Elmshorn. (Corinna Rieger)

Erinnerungen an Heimat – ein Geständnis

1939 brannte ein Teil der Knechtschen Hallen (Elmshorn, Deutschland), das Gebäude der Spritzerei. Als Ursache für das Feuer wurde ein unachtsames Lagern von Chemikalien benannt. Ich weiß aber, dass ich schuld war, und das kam so: Als Adolf Hitler am 1. April 1933 den Boykott der jüdischen Einrichtungen erklärte, mussten meine Eltern ihre Näherei in Elmshorn schließen. Erst konnten sie uns mit ihrem Ersparten über Wasser

halten, dann mussten sie sich Unterstützung durch Freunde und die jüdische Gemeinde holen. Mein Vater brachte meine Mutter, mich und meinen Bruder im Sommer 1938 bei einer befreundeten jüdischen Familie unter, da er die Miete für unser Haus am Sandberg nicht mehr zahlen konnte.

Er verließ uns, um im Ausland eine neue Existenz aufzubauen, dann wollte er uns nachholen. Im Januar 1939 verließen wir diese Familie, die ihre winzige Wohnung mit uns geteilt hatte. Mein Bruder war neun, ich dreizehn Jahre alt. Ich sah, dass sie erleichtert waren, als wir gingen. Den Blick von Emmi, der Mutter, habe ich nie vergessen. Später hörte ich, dass sie in das KZ Jungfernhof in Riga deportiert und dort höchstwahrscheinlich erschossen wurden. Wie habe ich geweint.

Unsere neue Unterkunft war ein Nebenraum in der Spritzerei der Lederfabrik Knecht. In dem Vorarbeiter der Spritzerei, Hermann, hatte meine Mutter einen Gönner gefunden. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hatte, aber sie war so tapfer und ich liebte sie über alles. Tagsüber schuftete sie in der Fabrik, dafür durften wir hier versteckt leben unter Hermanns Schutz, und er versorgte uns mit Nahrung.

Dieses etwas unbeschwertere Leben war angenehmer, doch Mutter war immer angespannt, sie vermisste Vater natürlich genauso wie wir Kinder und arbeitete hart. Nahezu jeden Abend kam Hermann zu ihr. Wir Kinder mussten dann den Raum verlassen. Ich grübelte, was der Vorarbeiter und meine Mutter da machten, hatte Ahnungen. Oft beobachtete ich, dass sie Tränen unterdrückte, wenn er gegangen war, doch ihr Blick verbot mir, sie Näheres zu fragen. Ich fand den Hermann furchteinflößend. Er hatte eiskalte blaue Augen, gegelte Haare und eine hagere Statur. Trotzdem war ich ihm dankbar für seine Hilfe. Eines Abends im Sommer 1939 hatten mein Bruder und ich lange an der Krückau gespielt und kamen in die dunkle Fabrik zurück. Völlig unbedarft öffnete ich die Tür zu unserem kleinen Raum und sah im Kerzenschein meine Mutter mit Hermann in enger Umarmung. Vor Schreck konnte ich mich erst nicht rühren, doch dann schubste ich meinen Bruder in den Raum zur Mutter und rannte panisch schreiend, die Petroleumlampe in der Hand, durch die Spritzerei Richtung Ausgang. Voller Ekel wollte ich nur weg von diesem Ort.

Der Vorarbeiter lief wütend hinter mir her. Ich nehme an, aus Angst, dass wir entdeckt werden könnten aufgrund meines Schreiens. Er riskierte schließlich seine Anstellung. Als er mich fast erreicht hatte, stolperte ich und schlug lang hin. Die Petroleumlampe fiel mir aus der Hand und kullerte über den Holzboden, während sich der Vorarbeiter auf meinen Rücken warf. Ich hörte meine Mutter meinen Namen rufen, als es einen großen Knall gab und mir augenblicklich eine gewaltige Hitze entgegenschlug. Das Feuer der Lampe hatte Chemikalien, die hier lagerten, entzündet.

Ich versuchte mich von dem Vorarbeiter zu befreien und realisierte, dass er sich nicht bewegte. Meine Mutter half mir, und mit meinem Bruder an ihrer Hand rannten wir aus der Fabrik. Fassungslos standen wir am Ende der Schloßstraße und sahen mit an, wie mehrere Stockwerke der Spritzerei abbrannten. Nur wir drei wussten, unter welchen Umständen der Hermann in der Spritzerei gestorben war. Bevor das Feuer gelöscht war, waren wir schon auf der Flucht. In einem Viehwaggon Richtung Holland nahm meine Mutter meine Hand, ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie flüsterte: „Ich habe ihn gehasst, doch ich konnte mich nicht befreien. Ich danke dir, mein Liebling.“ Augenblicklich verstand ich alles und bedauerte rein gar nichts. Meine Mutter weinte hemmungslos in meiner Umarmung und es war, als ob alles Leid, welches sie für uns ertragen hatte, aus ihr herausgeschwemmt wurde. Wie sehr liebte ich sie... (Melanie Frey)

Offener Brief einer empörten Mäusemutter

Zuerst möchte ich mich vorstellen. Ich bin Hulda Maus, alleinerziehende Mutter einer vielköpfigen Kinderschar. Wir haben eine Wohnung im Erdgeschoss der Knechtschen Hallen bezogen und leben hier in der Ecke hinten links unter dem Stapel alter Zeitungen. Ich erziehe meine Kinder zu ordentlichen Mitgliedern unserer Gesellschaft, lehre sie, Menschen und Katzen in großem Bogen auszuweichen, Speckfallen und Rattengift zu meiden und sich nicht an den Glasscherben von zerdepperten Bierflaschen vor unserer Haustür zu schneiden. Außerdem haben sie strengstes Verbot, in unsere Wohnung zu ködeln. Dank der Urban-Gardening-Idee am Kranhaus sind wir Selbstversorger und können jederzeit bequem wohnortnah shoppen gehen. Das wissen wir zu schätzen, denn bekanntlich ist guter Wohnraum in Elmshorn schwer zu bekommen. Bislang lebten wir hier also „supernormal“, wie es auf neu-elmshornerisch heißt.

Doch nun ist alles anders. Seit einiger Zeit weht hier ein frischer Wind durch die Hallen an der Schloßstraße. Es zieht erbärmlich. Kürzlich haben Menschen – wohl getrieben vom unverständlichen Wunsch Ordnung zu schaffen - unseren Wohnungseingang mit einem Drahtbesen zerstört. Meine Jüngsten – Speedy und Gonzales – mussten hilflos zusehen, wie diese Vandalen ihren Spielplatz hinter der Plastiktüte zusammenfegten und entsorgten.

Doch es kam noch schlimmer. Mittlerweile müssen wir an mehreren Abenden in der Woche mit uneingeladenen Menschen und infernalischem Musik-Lärm leben, der meinen Kindern den Nachtschlaf raubt und wahrscheinlich bald psychiatrische Behandlung erforderlich macht. Das geht so nicht weiter. Haben diese Leute denn noch nie von friedlicher Koexistenz zwischen Mensch und Tier und solidarischem Miteinander gehört? Ich bin empört, schließlich haben auch Mäuse Anspruch auf ein zufriedenes Leben. Unsere Familie lebt seit Mäusegedenken an den Gestaden der Krückau. Aus Erzählungen meiner Großmutter weiß ich, dass wir aus ruhmreichem Geschlecht stammen. So reisten Urahnin Minna und ihr Mann Mickie Maus bereits vor Generationen auf der Flora bis in die Neue Welt und gründeten dort ein Imperium, das ihrer Familie seitdem ein luxuriöses Leben in den schönsten Nobelschuppen der Welt erlaubt. Wir sind mit unserem Schuppen, pardon, den Knechtschen Hallen, aber auch zufrieden, wenn man denn künftig unsere Wohnbedürfnisse respektiert und nicht das Unterste nach oben umkrempelt.

Mein Vorschlag: Lassen Sie uns doch einfach in Ruhe weiterleben und das Gebäude friedlich vergammeln. Es könnte nicht nur uns Mäusen, sondern auch Spinnen, Ratten, Schwalben und anderen schützenswerten Minderheiten Obdach bieten. Können Sie wirklich wollen, dass wir als Heimatvertriebene öffentlichkeitswirksam Kirchenasyl fordern, wie es meine Cousine Bertha, die Museumsmaus, vorschlägt? Und die hat viel Erfahrung mit Publicity. Wahrscheinlich hat sie recht, denn den kollektiven Aufschrei der Gottesdienstbesucher, wenn meine Kinder mit angeknabberten Oblaten zwischen den Bankreihen spielen, kann ich mir lebhaft vorstellen. Wenn Sie es also nicht anders wollen… (Uta Robbe)

Der Mann mit der Lampe

Ich bin Sprayer. Ich liebe es, wenn unter meinen Händen Kunstwerke entstehen, die unsere stellenweise so graue Stadt bunt machen. Aber dazu braucht man viel Übung, deshalb schlich ich mich einmal nachts in die Knechtschen Hallen, da gibt es ja genug Wände zum Üben. Also Farben auspacken, Eminem ins Ohr und los ging es. Ich war gerade mit dem Rahmen meines Pieces fertig, als ich das Licht bemerkte. Die Bullen? Das wäre nicht so schön, einmal hatten die mich schon am Wickel und zeigten bemerkenswert wenig Kunstverständnis. Ich schaltete den Player und meine Lampe aus und wartete.

Und dann sah ich ihn. Der Mann trug einen Blaumann, hatte eine Kappe auf dem Kopf und in seiner Hand trug er eine alte Öllampe. Er war auffällig bleich, und obwohl in der Lampe eine helle Flamme zu sehen war, gab sie wenig Licht. Er blickte mich direkt an. In seinem Gesicht war ein altmodischer Schnurrbart in Überbreite erkennbar und er schien zu sprechen, aber es war kein Wort zu hören. Überhaupt war es totenstill, als würde seine Gegenwart jedes Geräusch absorbieren.

Ein Geist. Es konnte nicht anders sein. Komischerweise hatte ich bei dieser Erkenntnis keine Angst, was vielleicht mit den beiden Bieren kurz vorher zu tun hatte. Sollte ich fliehen? Oder würde er mich einfach nicht beachten? Noch während ich überlegte, kam er auf mich zu. Er ging an mir vorbei, hob die Lampe und deutete auf eine bestimmte Stelle im bröckelnden Mauerwerk. Dabei blickte er mir direkt in die Augen. Es schien so, als würde er etwas von mir erwarten. Ich ging also zu ihm und folgte seiner Hand. Ein Ziegelstein ragte ein klein wenig hervor. Ich rüttelte daran und merkte, dass er locker war. Ich zog ihn heraus. Dabei fiel eine kleine Metallkassette herunter, die beim Aufschlagen auf dem Boden zerbrach

und ihren Inhalt preisgab. Geldscheine. Eine ganze Handvoll. Ich bückte mich und sah sie mir an. Fünfundzwanzig Hunderter. Ein Vermögen. Aber leider in Reichsmark. „Für mich?“, fragte ich den Geist. Heftig schüttelte er seinen Kopf, dann zeigte er auf seinen Ehering. Ich sollte das Geld wohl seiner Frau geben. Er sah mich mahnend an, dann fing er an zu verblassen und einen Augenblick später stand ich allein im Dunkeln. Und ich hatte ein Problem.

Ich ging nach Hause. Sowas erlebt man ja nicht jede Nacht. Und ich hätte das Ganze bestimmt als Halluzination durch fiese Lösungsmittel in den Farbdosen abgetan, wenn nicht das Geldbündel am nächsten Morgen immer noch auf dem Tisch gelegen hätte. Tja, wenn das alles echt war, dann hatte ich eine Aufgabe, denn immerhin erwartete der Geist von mir, dass ich seinen Schatz weitergab. Schatz? Ein kurzer Blick ins Internet zeigte,

dass die abgenutzten alten Scheine nicht einmal Sammlerwert hatten. Eigentlich war es den Aufwand nicht wert, aber versprochen ist versprochen. Also suchte ich und wurde fündig.

Im Stadtarchiv gab es ein altes Foto, auf dem ich meinen Geist wiedererkannte. Plötzlich bekam er einen Namen: Heinrich Lohmüller. Er war als Ingenieur an den Dampfmaschinen der Knechtschen Lederfabrik beschäftigt gewesen. Jetzt wurde es einfacher. In einem alten Zeitungsausschnitt, den ich im Archiv der Elmshorner Nachrichten fand, wurde berichtet, dass er bei einem Unglück in der Lederwarenfabrik 1929 umgekommen war. Er war in eine der Gerbgruben gefallen und dort ertrunken und hinterließ eine Frau und einen kleinen Sohn. Es war zu lesen, dass die Familie nach Amerika auswandern wollte und Heinrich dafür jeden Pfennig gespart hatte. Seine Frau hatte jedoch keine Ahnung, wo er das Geld versteckt hatte, so dass die Familie in sehr bescheidenen Verhältnissen zurückblieb. Wie sehr hätte sie das Geld damals gebraucht. Seine Frau war inzwischen längst gestorben, aber den Sohn machte ich ausfindig.

Er bewohnte ein kleines, altes Einfamilienhaus am Stadtrand. Als ich endlich davor stand, kam mir die ganze Situation doch etwas seltsam vor. Sollte ich klingeln? Und was dann? „Hier haben Sie einen Haufen Geld, das nichts mehr wert ist. Der Geist ihres Vaters wollte, dass Sie es bekommen. Ich habe ihn beim illegalen Sprayen zufällig getroffen....“ Egal, wie ich die Wahrheit in meinem Kopf auch verbog, es wollte keine glaubwürdige Geschichte daraus werden, deshalb steckte ich das Geld einfach in den Briefkasten. Also, Herr (sage ich nicht), jetzt wissen Sie, warum Sie eines Morgens lauter alte Hunderter im Briefkasten hatten. Ich habe den Geist nur noch einmal gesehen. Als ich mit dem Fahrrad nachts an den Hallen vorbeifuhr, stand er mit seiner Lampe hinter einer der zerborstenen Scheiben und winkte. Und er lächelte. (Frank Jativa)

 
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