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Elmshorner Nachrichten

17. August 2017 | 23:41 Uhr

Lange Giraffenhälse und gehörnte Helme

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Kabarettabend Bernhard Hoëcker widerlegt wissenschaftlichen Nonsens

Als im 17. Jahrhundert in den Niederlanden immer mehr Gemälde auftauchten, die menschliche Schädel, tote Tiere und faulendes Obst zeigten, war den Betrachtern die Botschaft klar: Nutzt eure Zeit, sie ist endlich! Oder etwas drastischer ausgedrückt: Ihr werdet alle sterben! Heute sucht kaum noch jemand nach Lebensweisheiten in der Kunst.

Das Warnen vor der Gefahr des eigenen Todes ist trotzdem jedem bekannt: Zieh dich warm an, du bekommst noch Schwindsucht! Mit diesem Ausspruch wurde der Autorin dieses Textes schon zu Kinderzeiten das eigene Ableben in Erinnerung gerufen. Pass auf, du wirst sterben und du wirst selbst schuld daran sein! Manch einer der Zuschauer im Stadttheater mag mit derselben Beklemmung aufgewachsen sein. Für sie alle ist es eine Genugtuung, als noch bevor der Abend richtig losgehst, Worte an eine Leinwand projiziert werden, die die Behauptung „Von Kälte wird man krank“ richtig stellen: Krank wird man von Viren und Bakterien.

Der Künstler, der auf diese Weise Alltagsweisheiten noch vor seinem Auftritt richtig stellt, ist Bernhard Hoëcker. Der Kabarettist aus Bonn spielt im Stadttheater Elmshorn vor nahezu ausverkauftem Haus und stellt in seinem Programm „So liegen sie richtig falsch“ die Wissenschaft und ihre Irrwege in den Vordergrund. Tierhörner an den Kriegshelmen von Germanen? Nur ein Trugschluss von Archäologen, die die in Gräbern gefundenen Trinkhörner falsch bedeutet haben. Und die Giraffe hat einen langen Hals, damit sie besser an die Blätter hoher Bäume kommt? Stimmt gar nicht. Dafür hat sie die langen Beine, die sich in ihrer Evolution zuerst entwickelten. Der Hals ist deshalb so lang, damit das Tier beim Trinken ans Wasser kommt.

Der Clou seines Programms ist aber, dass Hoëcker selbst eine wissenschaftliche Methode benutzt und während des Abends Umfragen startet. Die Zuschauer können per Smartphone teilnehmen. Gefällt dir Elmshorn, wird da gefragt. Immerhin 50 Prozent sagen Ja. Hoëcker hakt nach und fragt, was an der Stadt besonders schön ist. „Alles supernormal hier“, erklärt ein Zuschauer das neue Stadtmotto, über das Hoëcker sich amüsiert: „Da kam also einer aus Kiel und sagt: Ja komm, wir machen was für Elmshorn. Die hau´n wir in die Pfanne!“ Aber der Comedian fragt weiter: „Gibt es etwas, was man sich als Tourist in Elmshorn angucken muss?“ „Den Bürgermeister“, schallt es aus dem Saal. Auf andere Ideen wartet Hoëcker vergeblich. „Gar nichts? So langsam glaube ich, mit eurem Motto habt ihr auch recht.“

Hoëcker erhält an diesem Abend viel Applaus. Gut an kommt dabei die Präsentation auf der Leinwand hinter ihm, die während des ganzen Abends läuft und zwischendurch verändert wird, um Themen, die sich aus den Zurufen der Zuschauer ergeben, mit aufzugreifen. Auch ein Bild der einzigen „Elmshorner Attraktion“ wird nach der Pause an die Wand geworfen: Ein Foto vom Bürgermeister Volker Hatje.

Hoëcker macht in seinem Programm vor, dass Wissenschaft nicht dröge sein muss. Unterhaltsam erklärt er das sozialpsychologische Phänomen des Halo-Effekts oder deutet das Vier-Seiten-Modell des Kommunikationsforschers Friedemann Schulz von Thun. Nachfragen, selbst Antworten suchen, Erkenntnisse, die mittels wissenschaftlicher Methoden gefunden wurden eher Glauben schenken als Allerweltserklärungen – das ist die Botschaft, die die Zuschauer am Ende des Abends mit nach Hause nehmen. Und die wirkt. Bevor die Autorin diesen Text zu Ende geschrieben hat, hat sie tatsächlich im Internet das Wort „Schwindsucht“ nachgeschlagen. Es ist eine veraltete Bezeichnung für Tuberkulose – einer Erkrankung, die durch Bakterien verursacht wird. Danke für den Hinweis, Hoëcker!

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erstellt am 29.Apr.2017 | 16:26 Uhr

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