Torhaus : Kunstvergnügen für den Verstand

Eröffneten die Ausstellung: Amélie Sommer (v. l.), Réne Schoemakers und Christel Storm.
Eröffneten die Ausstellung: Amélie Sommer (v. l.), Réne Schoemakers und Christel Storm.

Der Kieler Künstler und Philosoph Réne Schoemakers zeigt in Elmshorn seine Ausstellung „Zellstoff III“.

shz.de von
20. Juni 2017, 12:15 Uhr

Elmshorn | Nackt, schön, sinnlich, übersät mit Tattoos. Der Blick schwankt zwischen Brüsten, Händen und Schoß. Die Darstellung der liegenden Frau ist einem Foto ähnlich, präzise genau, aalglatt. Aber auch hyperrealistisch, da sie auf einer großen Leinwand, an einem kleinen Nagel vor der weißen Wand des Elmshorner Torhauses hängt. Sie kann nicht real sein. Der Kieler Künstler und Philosoph Réne Schoemakers zeigt hier seine Ausstellung „Zellstoff III“.

Die Kunsthistorikerin Amélie Sommer versuchte am vergangenen Sonntag bei der Ausstellungseröffnung im Künstlergespräch mit Schoemakers zu erfahren, welche Inhalte, Deutungen und Symbole in seinen bildlichen, bis in das Detail ausgearbeiteten Darstellungen jeglicher Formen und Figuren stecke. Und tappt dabei in die apologetische Falle, die ein Diskurs zwischen Kunst und Verständnis oft mit sich bringt. „Provokativ, denkwürdig“, sind Worte die zu Beginn fallen. „Konfliktpotenzial“. Was für ein schönes Wort. Aber mal ehrlich: Eine nackte Frau, die sich sinnlich auf einem Laken räkelt, die pikanten Stellen gekonnt verdeckt, mit ästhetischen Tattoos geschmückt. Ist das im 21. Jahrhundert wirklich provokativ? Nein. Und ein „madonnenähnliches Bild“, unter dem sich die vermeintliche Maria nackt präsentiert ein Affront an den christlichen Glauben? Wohl eher nicht.

Auch wenn viele Kunstkritiker in Schoemakers Werken eine Kunst ohne Konventionen sehen, ist es doch gerade das Konventionelle, das einem ins Auge springt, fast förmlich aufdrückt, intensiv und ohne Kompromisse. Denn ist ein gemaltes „Selfie“ mit den bunten Farben der spielenden Kinder bepinselt, verziert mit Kinderspielzeugen unkonventionell? Nein, sondern eher das Normalste auf der Welt, das sicherlich jeder Vater bestätigen kann. Sind eine Puppe, eine Musikanlage, eine Kinderzeichnung nicht die realistischsten und gewöhnlichsten Sujets unseres Alltags? Aber was genau machtSchoemakers dann zu einem erfolgreichen Künstler, was begeistert die Rezipienten an seinen Werken? Es sind diese gewöhnlichen Alltagssymbole, die sich mit anderen Alltagssymbolen präsentieren, die anscheinend überhaupt nicht zusammenpassen. Oder auch sehr gut zusammenpassen, dennoch skurril wirken, da sie für unser realistisches Denken zunächst surreal erscheinen: Eine Puppe, ja! Eine brennende, dabei immer noch grinsende Puppe: Nein, das kann nicht sein! Und so wird das Surreale zunächst nicht angenommen, denn es steht augenscheinlich in Konflikt mit unserer eigenen Realität. „Vertraut und fremd“, nennen das Kunsthistoriker. Schoemakers sagt dazu einfach: „All meine Abbildungen können Realität sein, denn das heißt ja nicht, dass es theoretisch nicht passieren könne.“ Voilà, und da haben wir die Quintessenz die diese Werke so eindrücklich machen. Man mag sich kaum satt sehen an den Farben, den auf höchste Präzision getrimmten Porträts und Sujets, den detailgetreuen Zeichnungen. Dass die Symbole dabei auch einfach mal Symbole bleiben, und das Skelett und der Totenschädel keine metaphorische und mystische Interpretation des Todes sind, sondern nur ein Halloween-Kostüm, macht die Kunst Schoemakers zu einem großen Vergnügen für den Verstand.

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