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Serie: Gedenken nach 70 Jahren : Kinder in Kellern und Bunkern

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schwer verletzte Achtjährige verliert Mutter und zwei Brüder. Französische Kriegsgefangene helfen Opfern nach dem Angriff.

Elmshorn | Vor 70 Jahren mussten die Elmshorner einen letzten grausamen Höhepunkt des von den Nationalsozialisten entfachten Zweiten Weltkriegs erleben: Am 26. April 1945 forderte ein Bombenangriff mindestens 92 Menschenleben. Besonders tragisch: Mehr als jedes fünfte Opfer war ein Kind. Die Mädchen und Jungen, die den Schrecken überlebten, sind heute die letzten Zeitzeugen des grausamen Kriegsgeschehens auf Langelohe. So zum Beispiel die Geschwister Jutta Behm und Ingrid Weise sowie Maren Sniehotta, die zu den mindestens zehn schwer verletzten Kindern gehörte und bei dem Angriff ihre Mutter und zwei Brüder verlor. Auch sie erzählt heute von damals.

Die Gärtnerei Stegert mit ihrem Blumengeschäft ist für die Kinder der Nachbarschaft ein beliebter Treffpunkt. Im Hof des Hauses an der Köllner Chaussee 3 spielen sie Truddelband und Brummkreisel. Und das ist auch am Nachmittag des 26. April 1945 nicht anders. Die Mädchen und Jungen verbindet nicht nur der Spaß am Spiel. Sie alle wissen, was die Erwachsenen ihnen immer wieder eingebläut haben: Wenn Flugzeuge im Verband kommen, gibt es einen Angriff. Dann müsst ihr euch verkriechen: im Keller, im Erdbunker oder im Luftschutzraum.

Die Flieger kommen. „Wir haben das gehört und gesehen“, erinnert sich Maren Sniehotta, geb. Stegert, die damals achteinhalb Jahre alt war. Doch es ging alles zu schnell: Sie und ihr etwas älterer Bruder Hartmut werden verwundet, ihre Mutter Ilse, die ihren vier Monate alten Sohn Bernd aus dem Kinderwagen im Hof retten will, stirbt mit 39 Jahren. Marens anderen Brüder Jürgen und Barthold kommen im Haus ums Leben, denn das Gebäude wird komplett zerstört. Im Erdbunker auf dem Hof, so berichtet Sniehotta, sollen auch die osteuropäische Arbeitskraft Magdalena und ihr Sohn Mischa gestorben sein.

Die Kohlenhandlung „Glück auf“ und der  kleine Tabakladen der Familie Stäber auf Langelohe 59 in den 1930er-Jahren. (Foto: Privat)
Die Kohlenhandlung „Glück auf“ und der kleine Tabakladen der Familie Stäber auf Langelohe 59 in den 1930er-Jahren. (Foto: Privat)
 

Hartmut kommt mit einem Streifschuss am Rücken, Maren mit einem Beinschuss ins Krankenhaus. „Es war chaotisch hoch drei“, erinnert sich die heute 78-Jährige. Sechs Wochen muss die einzige Tochter der Familie im Krankenhaus bleiben. „Ich habe wieder laufen gelernt, aber es gab keine Schuhe, nur Holzpantinen“, sagt sie. Dann, nach einer Pause: „Man vergisst als Kind; das Leben läuft weiter, aber die Gedanken an Mutter und die Brüder sind nie verschwunden.“

Die Mutter tot, der Vater im Krieg - die überlebenden Stegert-Kinder kommen bei Verwandten unter. So werden aus den Langeloher Dorfkindern (die Eingemeindung war erst 1938) Maren, Hartmut und Bernd bei Tante Lotte Mohr im Flamweg Elmshorner Stadtkinder. Nur der nicht verletzte Oskar bleibt auf Langelohe und kommt beim Onkel Barthold Viehmann unter. Viehmann ist Landwirt und hat ein Milchgeschäft.

Auch das Haus der Familie Stäber auf Langelohe 59 (zwischen Bäckerei und Langeloher Hof) wird bei dem Angriff zerstört und unbewohnbar. Vor der Kohlenhandlung ihrer Eltern spielen die Töchter Jutta (14) und Ingrid (12) und laufen gerade zum Schulhof. „Dann brummte das schon. Wir haben die Flugzeuge über dem Steindamm kommen sehen und gezählt – bis neun sind wir gekommen, dann spritzte die Schlacke des Schulhofes uns schon entgegen“, berichten die Schwestern, die damals sofort in den Luftschutzkeller an der Schule gerannt sind. Die Mädchen sind dort zwar in Sicherheit, haben aber Angst um ihre Mutter und die Oma, zumal immer mehr Menschen in den Bunker kommen und sagen „Langelohe ist ganz kaputt , da lebt kein Mensch mehr.“

 

Um so größer das Glück, als sie später nach Hause laufen können und Mutter und Oma unversehrt vorfinden – auch wenn das Haus unbewohnbar ist. Die anderen Kinder, die wie sie zuvor weiter an der Straße gespielt hatten, überlebten den Angriff nicht.

Aus ihrem Lager an der Bockelpromenade kommen kurz nach dem Angriff die beiden französischen Kriegsgefangenen Louis und André, die zuvor wie jeden Tag als Zwangsarbeiter in der Kohlenhandlung Stäber gearbeitet hatten, zurück. Die beiden Männer – einer war zu Friedenszeiten Lehrer, der andere Opernsänger – helfen den Frauen, das letzte Hab und Gut aus dem Haus zu retten und ein Notquartier in den Garagen beim Kohlenlager der Firma auf dem Rethfeld einzurichten. „Als das Chaos war, kamen sie uns zur Hilfe“, berichten die Schwestern – auch das ist 70 Jahre später nicht vergessen.

Spuren, die ins Nichts führen

Die Namen der beiden Franzosen, die in der Kohlenhandlung Stäber arbeiten mussten, sind nicht zweifelsfrei zu recherchieren. Die Zeitzeugen erinnern sich nach 70 Jahren lediglich an die Vornamen. Allerdings hat sich mit Hilfe von Rudi Arendt von der Arbeitsgemeinschaft „Stolpersteine für Elmshorn“ ein Louis Buffin (geb. 1914) aus Chénelette in einer Liste mit Zwangsarbeitern gefunden, der nach diesen Aufzeichnungen auch bei der Kohlenhandlung Stäber im Einsatz war. Chénelette ist eine kleine französische Gemeinde im Département Rhône in der Region Rhône-Alpes.

Französische Zwangsarbeiter mit dem Vornamen André werden in den Listen insgesamt zehn aufgeführt. Keiner von ihnen hatte demnach seinen Einsatzort in der Kohlenhandlung auf Langelohe. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass Zwangsarbeiter verschiedene Einsatzbetriebe hatten.

Noch unbefriedigender ist die Spurensuche bei der Gärtnerei Stegert nach der laut Zeitzeugenaussage dort gestorbenen Zwangsarbeiterin nebst Sohn. Auch von ihnen sind lediglich die Vornamen und das ungefähre Alter in Erinnerung. Der Vorname Magdalena findet sich aber weder in der Liste der Todesopfer, noch der Zwangsarbeiter.

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