Kappeln: Die Keimzelle des Kleingartens

Deutschlands älteste Vereins-Kleingartenanlage: Der historische Plan zeigt, wie die Anlage 'Scheunfeld' (heute 'Reeperbahn') 1814 aufgeteilt war. Heute sind nur noch die mittleren Parzellen erhalten.   Foto: krosta
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Deutschlands älteste Vereins-Kleingartenanlage: Der historische Plan zeigt, wie die Anlage "Scheunfeld" (heute "Reeperbahn") 1814 aufgeteilt war. Heute sind nur noch die mittleren Parzellen erhalten. Foto: krosta

Deutschland, deine Kleingärten: Die Geschichte der Vereine begann schon 1814 - mitten in Schleswig-Holstein. 198 Jahre später gehen wir auf Spurensuche.

shz.de von
07. September 2012, 07:08 Uhr

Die Wiege des deutschen Kleingärtnertums mitten in Schleswig-Holstein? Oder wie war das mit dem Herrn Schreber, der aus Leipzig stammte? Begann nicht alles mit Armengärten der Kirchen? Alles falsch. Beinahe. Tatsächlich hat alles in Schleswig-Holstein seinen Ursprung. Genauer: In Kappeln bei Flensburg. Und der Namenspatron der Schrebergärten, Daniel Gottlob Moritz Schreber, hat damit nichts zu tun. Als im hohen Norden Deutschlands erster Kleingartenverein gegründet wurde, war Schreber erst sechs Jahre alt. Das war 1814.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Wir als EN-Kleingärtner wollen der Sache auf den Grund gehen. Was gar nicht mal so einfach ist. Denn es gibt viele Vereine, die den Titel des ersten Kleingartenvereins für sich beanspruchen. Da wäre der "Kleingartenverein Johannistal" in Sachsen (1832), der mittlerweile auf den Titel verzichtet. Der "Gartenbauverein Darmstadt" (1835) wiederum bleibt dabei, er sei der älteste Gartenbauverein Deutschlands. Kurz nach der Wende hatte auch der Kleingartenverein "Dr. Schreber (1864)" aus Leipzig den Titel in Anspruch genommen - und abgegeben. Übrigens - der Kleingartenverein Elmshorn hat den Titel nie beansprucht. Er wurde 1947 gegründet.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Unsere Spurensuche führt uns also nach Kappeln, einem 9000-Seelen-Örtchen an der Schlei. Was heute die Anlage Reeperbahn ist, soll die erste Vereinskleingartenanlage Deutschlands sein. Die Kolonie liegt zwischen zwei Sackgassen, wenige hundert Meter ist sie lang, eigentlich nur ein Verbindungsweg. 15 Parzellen zählt die Kolonie. Und an die historischen Ereignisse erinnert - nichts. Keine Schautafel, keine Gedenkplakette. Nicht einmal auf der Website der Stadt findet sich ein Hinweis auf den geschichtsträchtigen Ort. Einzig der alte Baumbestand auf den Parzellen ist ein Hinweis darauf, dass die Gärten schon lange bestehen müssen.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Licht ins Dunkel bringen kann Reinhard Samuelsen. Einst Hauptmann bei der Bundeswehr, jetzt Vorsitzender von Deutschlands ältester Kleingartenanlage: Angefangen hatte alles im Jahr 1806, als Karl von Hessen, damaliger Landgraf, einen Wald abholzen ließ, um Gartenparzellen einzurichten. Die Not war groß: "Es gab viele arme Bürger, die sich versorgen mussten", sagt Samuelsen. Von Hessen vergab seine Parzellen in Einzelpacht an die Bürger - sozusagen der Vorläufer des Kleingartenvereins.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Weitere acht Jahre sollten aber noch vergehen, bis sich die Kleingärtner organisierten. "Es gab noch immer Bedarf an Gärten", sagt Samuelsen, "deswegen teilte der Kappelner Pastor Heinrich Friedrich Christian Schröder Land auf, dass der Kirche gehörte." Doch statt des komplizierten Einzelpachtverfahrens wollte Schröder, dass die Gärtner einen Vorstand wählten, die Pacht einsammelten und bei Schröder ablieferten.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Am 26. April 1814 war es soweit. Im dritten Anlauf hatte es endlich geklappt: 24 Kleingärtner der neugeschaffenen Anlage versammelten sich und besiegelten die Vereinssatzung. Und die hat es stellenweise in sich: So durfte niemand, der als Vorstand vorgeschlagen wurde, den Posten ablehnen. Unglaublich, aber wahr: "Schröders Regeln sind die Grundlagen des Bundeskleingartengesetzes", sagt der heutige Obmann Samuelsen - und so müssen Wege im Kleingarten tatsächlich seit 198 Jahren regelmäßig geharkt werden. So auch in der Anlage Reeperbahn. Deren ersten Jahre übrigens hervorragend dokumentiert sind: Noch heute existieren Lagepläne, drei Gründungsdokumente - von denen schließlich nur das dritte unterzeichnet wurde - und sämtliche Sitzungsprotokolle bis 1860. Sie alle liegen im Kirchenarchiv Angeln.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Und so weiß Samuelsen: "Der erste Vorsitzende war vermutlich Hans Garthausen, jedenfalls ist er der Erste, der außer Schröder Pachtverträge und Protokolle unterzeichnet hat." Auch die Namen der ersten Pächter sind bekannt. Je nach Parzellengröße zahlten sie zwischen zwei Taler und zwei Taler 16 Schilling für ihr Land, das, im alten Maß, zwischen ein und zwei Schip groß war. Umrechnung gefällig? "Ein Schip ist die Fläche, die man mit einem Schepel Korn besähen kann", erklärt Samuelsen. Oder einfacher: Knapp 500 Quadratmeter. Dennoch variierte die Pacht selbst in gleichgroßen Gärten. "Vielleicht lag es an den finanziellen Verhältnissen oder der Bodenbeschaffenheit", vermutet Samuelsen. Erklärungen liefern da auch die Protokolle nicht.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Nur vier Jahre nach der Gründung des Vereins, am 2. Februar 1818, stirbt Schröder. Er wurde nur 42 Jahre alt. Wie er aussah ist nicht bekannt, über sein Leben gibt es kaum Aufzeichnungen. Sein Erbe aber lebt weiter - der Kleingartenverein Kappeln wird 2014 sein 200-jähriges Bestehen feiern. Und das soll nicht unbemerkt bleiben. "Wir haben eine Sonderbriefmarke beantragt", sagt Samuelsen, darüber hinaus werde die Landesversammlung der Kleingartenvereine in Kappeln tagen, womöglich sogar die Bundesversammlung. Und am 28. April, zwei Tage nach der eigentlichen Gründung, wird gefeiert - mit prominenten Gästen. Und endlich soll auch die historische Anlage ihrer Geschichte gerecht werden: "Wir werden sie in Scheunefeld umbennen", sagt Samuelsen, ganz so, wie sie 1814 hieß. Endlich soll es auch eine Info-Tafel geben, kleine Schilder an den Gartenpforten sollen die Namen der ersten Pächter preisgeben.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Übrigens: Der Versuch eines Kappelner Kleingärtners, Deutschlands älteste Kleingartenanlage unter Denkmalschutz stellen zu lassen, scheiterte vor wenigen Jahren. "Hier gibt es einfach nichts, was schützenswert wäre", sagt Samuelsen. Weder Bäume noch Hecken oder Hütten stammen aus der Gründungszeit. Das sah auch das Denkmalschutzamt so. Andererseits hat die Kirche vor kurzem das Land umgewidmet: Eigentlich hätte die Anlage jederzeit bebaut werden können. Doch vor wenigen Jahren ließ sie das Land als Dauerkleingartenanlage eintragen - sie wird bestehen bleiben.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Sehr zur Freude der heutigen Pächter - wie Dietrich Schneider. Der 52-jährige Sozialpdädagoge bewirtschaftet seine Parzelle an der Reeperbahn seit 2004. Und fand schon so manchen Schatz: "Im Boden lagen verbogene Kreuzer aus der Zeit um 1820", erzählt er, die alten Münzen habe er einem Bekannten geschenkt. Womöglich stammen sie vom ersten Pächter der Parzelle überhaupt - August Freudenreich - aber das ist reine Spekulation. Auch aus den Kriegsjahren sei noch einiges zu finden gewesen. "Man merkt, dass der Boden beackert wurde", sagt Samuelsen, denn die Erde sei nach all den Jahren erschöpft.

%_Einzug EinzugAbsatz="3mm"_%Dennoch möchte Schneider seinen Garten nicht missen. "Ich genieße die Ruhe. 90 Prozent meiner Gartenarbeit ist gucken, wie Dinge so wachsen", sagt er. Tatsächlich ist seine 500 Quadratmeter große Parzelle ein kleines Paradies, in dem sich selbst in 200 Jahren manches nicht geändert hat: Schneider kämpft unermüdlich gegen Schnecken. Vermutlich genauso, wie es Freudenreich schon getan hat. Und auch den Weg muss Schneider wie sein erster Vorgänger harken. Manches ändert sich eben nie.

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