zur Navigation springen

Gesprächsabend in Elmshorn : Kann Geschichte die Landespolitik positiv beeinflussen?

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Elmshorner Gesprächsabend bei Reinhard Ueberhorst. Buch „Schleswig-Holstein 1800 bis heute“ dient als Grundlage für Diskussion.

shz.de von
erstellt am 14.Apr.2016 | 11:03 Uhr

Elmshorn | Wenn es auf einem Elmshorner Gesprächsabend im Beratungsbüro von Reinhard Ueberhorst um Politik geht, dann geht es, so Ueberhorst, „immer um eine konstruktive Kritik des aktuellen Politikbetriebs, um versäumte, verschenkte, verdrängte oder gar bewusst verworfene Chancen, besser zu werden – besser in der Erfassung politischer Aufgaben und im Umgang mit ihnen“. Diesmal war das Beziehungsfeld Landespolitik und Landesgeschichte aufgerufen.

Wie inspirieren Landesgeschichte, landesgeschichtliches Wissen und landesgeschichtliche Forschung eine gute Landespolitik? So lautete die von Ueberhorst vorab mit seinem Konzept für das Gespräch übermittelte Leitfrage. Entwickelt hatte er sie mit dem Buch „Schleswig-Holstein 1800 bis heute“, einem Gemeinschaftswerk schleswig-holsteinischer Historiker, herausgegeben durch die Professoren Uwe Danker und Utz Schliesky. Das Buch hatten vorher alle zu lesen.

Die beiden Herausgeber waren mit sehr unterschiedlichen Erwartungen zu dem Gesprächsabend gekommen. Der Staatsrechtler Schliesky bekundete seine Zustimmung zur Denkweise der Leitfrage. Sie ziele auf ein wichtiges Potenzial. Der Historiker Danker war eher skeptisch, ob mit ihr ein gutes Gespräch erreicht werden könnte, war aber offen für den Versuch – und am Ende sehr zufrieden mit dem Verlauf und Ertrag des Gesprächs.

Gast aus England führt ins Gespräch ein

Die längste Anreise hatte Frank Uekötter. Seit drei Jahren lebt der in Bielefeld habilitierte Historiker in Mittelengland und lehrt an der Universität Birmingham. Ueberhorst hatte ihn gebeten, in das Gespräch einzuführen und das Verständnis einer Geschichtswissenschaft zur Orientierung der Handelnden vorzutragen, an dem die Leitfrage orientiert sei.

Er wäre glücklich, wenn es in Mittelengland ein vergleichbar gutes und anregendes regionalhistorisches Buch gäbe wie diese schleswig-holsteinische Landeskunde. Uekötters Lob des Buches sollte nicht das einzige bleiben, über das sich die Herausgeber freuen konnten. Nicht nur Wissenschaftler, auch Praktiker wie Klaus Hadaschik, Geschäftsführer der HHLA Immobilien Speicherstadt GmbH, lobten die sprachliche Klarheit der 33 Beiträge, ihre vorzügliche optische Aufbereitung mit vielen Abbildungen und insbesondere ihre originelle Anlage, mit der jeder Beitrag für sich gut lesbar sei, die Zusammenhänge zwischen den 33 Beiträgen aber auch sehr geschickt vermittelt würden.

Durch das Gespräch, so Ueberhorst im Rückblick, wurden wichtige gemeinsame Einsichten in die Bedeutung der Geschichte und historischen Wissens reflektiert. Wichtig seien sie, weil man sie sich immer wieder bewusst machen müsse. Zum Beispiel die Einsichten:

  • dass unsere Landesverfassung ohne eine Kenntnis ihrer geschichtlichen Grundlagen weder verstanden, noch mit Leben erfüllt werden könne,
  • dass aktuelle politische Herausforderungen immer nur so gut verstanden würden, wie auch ihre historische Entwicklung verstanden werde und
  • dass unsere politische Kultur und jede aktuell angestrebte Politikfähigkeit auf Voraussetzungen beruhe, derer wir uns immer wieder nur durch historische Erinnerung vergewissern könnten.

Positiv als Vorbild im Sinne des Themas dieses Gesprächsabends wurde immer wieder auf die wegweisenden Ansätze der Arbeit des früheren Ministerpräsidenten Björn Engholm hingewiesen, insbesondere auf die historisch inspirierte Ostseepolitik und auf die Denkfabrik, mit der ein Ort für ein gemeinsames Nachdenken wissenschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Akteure geschaffen worden sei. Wer das Anregungspotenzial historischer Forschung genutzt sehen wolle, müsse solche Orte schaffen (und nicht abschaffen, wie es mit Engholms Denkfabrik geschah).

Uwe Dankers mitgebrachte Sorge, dass es mit der Leitfrage darum ginge, von Historikern konkrete aktuelle Handlungsempfehlungen zu erwarten, wurde aufgenommen und argumentativ aufgehoben. So wurde deutlich: Landespolitik könnte ideenreicher und besser in langen Linien angelegt sein, wenn sie sich mehr durch landeshistorisches Wissen inspirieren ließe und Historiker aufforderte und in die Lage versetzte, landespolitisch relevantes historisches Wissen aufzubereiten. Gerade auch zu den Entwicklungen, mit denen es so aussieht, dass immer mehr Themen (zum Beispiel die Digitalisierung) überregional und global geprägt würden. Wofür stehen da noch der Begriff und die Idee „schleswig-holsteinische Landespolitik“? Nur für Landespolitik in Schleswig-Holstein, die an Zuständigkeiten orientiert sei oder besser auch für eine Fähigkeit schleswig-holsteinischer Akteure, den Themen zu folgen und sich auch überregional kommunikativ besser zu vernetzen und in politische Prozesse einzubringen. Dieser Diskussionsstrang soll fortgesetzt werden.

Jürgen Weber, Historiker und langjähriger Landtagsabgeordneter, erhellte dafür eine entscheidende Voraussetzung. Wenn aus der historischen Forschung landespolitisches Orientierungswissen gewonnen werden sollte – was theoretisch möglich sei –, setze dies Landespolitiker voraus, die so denken, lernen und arbeiten wollten. Weber schenkte der Runde auch sein Urteil, wie es derzeit um diese Voraussetzung stünde. Wer mehr über diesen Gesprächsabend erfahren möchte, kann per E-Mail Informationen abfordern: ueberhorst.beratungsbuero@t-online.de

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen