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Elmshorner Nachrichten

25. November 2017 | 08:59 Uhr

Interview : (K)ein lebendes Accessoire

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Gespräch mit Karina Sahling und Nicola Repnow vom Frauentreff Elmshorn über die Rolle der Frau und Diskriminierung im Alltag.

shz.de von
erstellt am 10.Nov.2017 | 16:15 Uhr

Elmshorn | Vor dem Gesetz sind Frauen und Männer gleich – aber nicht immer werden sie gleich behandelt. Ein Gespräch mit Karina Sahling und Nicola Repnow vom Frauentreff Elmshorn über die Rolle der Frau und Diskriminierung im Alltag.

Als Sexismus bezeichnet man eine auf das Geschlecht bezogene Diskriminierung. Kommt so etwas oft im Alltag vor?
Nicola Repnow: Das Phänomen ist recht verbreitet. Wenn man als Frau mit Schätzchen angeredet wird oder es wird einem hinterhergepfiffen. Frauen werden oft nur als Sexobjekt gesehen und entsprechend behandelt. So wird die Grenze zu sexuellen Übergriffen auch schnell mal überschritten. Besonders problematisch wird es, wenn die Frau dabei in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, wie zum Beispiel am Arbeitsplatz. Hier kommt sie schnell in eine Pattsituation: Wehrt sie sich, muss sie mit Repressalien rechnen, nimmt sie es hin, muss sie mit ständigen Übergriffen und Erniedrigungen leben. Eine Situation, die oft nur über einen Arbeitsplatzwechsel gelöst werden kann.
Karina Sahling: Es gibt aber nicht nur den Sexismus, den die Frau persönlich betrifft, sondern auch den in der Werbung. Dort werden Frauen zum Sexobjekt degradiert, obwohl man eigentlich glauben würde, das ist längst Geschichte.

Aber sind Frauenbilder in der Werbung wirklich ein Problem? Wenn leichtbekleidete Damen mit ihrem Bildern Geld verdienen wollen, ist das nicht ihre freie Entscheidung?
Sahling: Es geht uns nicht um diejenigen Frauen, die das machen – sondern um diejenigen, die das angucken müssen. Und es geht auch um die Kinder. Wir müssen uns fragen, was für ein Frauenbild wir unseren Kindern vermitteln.

Und wenn eine Frau sagt: „Ist mir egal, ich verdiene mein Geld damit“? Was würden Sie dieser Frau sagen wollen?
Repnow: Ich bin da zwiegespalten. Ich finde, wenn die Frau sich wirklich frei entscheidet, dann soll sie es machen. Aber ich frage mich dann, wieso macht ihr das nichts aus?
Sahling: Ich frage mich ja jedes Mal, warum Model sein so ein Traumberuf ist. Es zählt nur ein perfekter, jedoch nach normalen Maßstäben völlig unnatürlicher Körper, der mit allen Mitteln so gehalten werden muss. Warum wollen Mädchen so sein?
Repnow: Ich muss sagen, diese Topmodel-Ausmalbücher hat meine Tochter auch. Sie bekommt das einfach durch ihre Freundinnen mit, auch wenn die die Topmodelsendung gar nicht im Fernsehen gucken darf. Und doch steht sie vor ein paar Tagen im Kleidchen vor mir und spielt begeistert Model. Damit wachsen Mädchen auf; das saugen sie irgendwo her, selbst wenn ich als Mutter das weder befürworte noch unterstütze.

Und wie reagieren Sie, wenn Ihre Tochter Model-Spielzeug haben will?
Repnow: Ich finde das nicht einfach. Ich will ihr nicht alles verbieten, um sie nicht von ihren Freundinnen zu isolieren. Ich versuche deshalb ein anderes Bewusstsein zu schaffen, indem ich ihr zum Beispiel zeige, hey, die sind alle viel zu dünn. Jetzt hat sie angefangen, die Models dicker zu malen.

Der Frauentreff Elmshorn, Kirchenstraße 7, ist eine Beratungsstelle für Frauen, die Vergewaltigung oder Gewalt erlebt haben. Auch kümmern sich die Mitarbeiterinnen um die Schwangerschaftsberatung und sind ein Ansprechpartner, wenn es während einer Schwangerschaft zu Konflikten kommt. Des Weiteren bietet der Frauentreff Workshops, Vorträge und einen Treffpunkt für Frauen und Mütter an. Kontakt aufnehmen geht per Telefon (04121) 6628 oder per E-Mail an info@frauentreff-elmshorn.de.



Aber woher kommt dieses Interesse von jungen Mädchen an solchen Modelspielsachen? Sie leben es ihrer Tochter ja anscheinend nicht vor.
Sahling: Wahrscheinlich kommt es daher, dass die Kinder in einer Umwelt aufwachsen, in der sehr streng geregelt ist, was sich für Jungs und was sich für Mädchen gehört. Diese Trennung fängt schon früh an. Schon in der Kleiderabteilung für Säuglinge: Diese Strampler sind für Mädchen, diese für Jungs. Es gibt Jungenspielzeug und Mädchenspielzeug, Überraschungseier für Jungen und für Mädchen. Und: Es gibt Kosmetikartikel für Kleinkinder.

Welche Folgen kann solch eine frühe Festlegung in eine Geschlechterrolle haben?
Repnow: Für mich ist das ein Rückschritt. Frauen werden schon als Kind dazu erzogen, vor allem hübsch auszusehen. Und als Erwachsene sehen sie dies als ihre vorrangige Aufgabe. Nehmen wir die Präsidentengattin Melinda Trump. Trump hat überall seine aufgetakelte Frau in Stöckelschuhen dabei, die nie was sagt und ausschließlich als Schmuckobjekt, als lebendes Accessoire, fungiert. Soll das ein neues Vorbild sein? Die Frau als Beiwerk? Das setzt das falsche Zeichen.

 

Geschminkte Augen und volle Lippen: Frauenbilder in der Stadt.
Geschminkte Augen und volle Lippen: Frauenbilder in der Stadt. Foto: Daniela Lottmann

 



Die Frage ist aber doch, sieht der Großteil der Menschen dieses Frauenbild eigentlich als Problem? Vermutlich denken die meisten darüber doch gar nicht nach.
Sahling: Ich frage mich oft, wie Frauen dazu kommen, sich selbst so herabzuwürdigen. Dabei machen sie das gar nicht mit Absicht. Ich denke, das hat mit der Erziehung zu tun. Und damit, dass die Rolle der Frau seit Generationen so festgelegt wurde. Das sitzt ganz tief und wird von vielen nicht hinterfragt.

Sexismus ist nicht immer leicht zu erkennen. Manchmal ist die unterschiedliche Behandlung von Mann und Frau nicht mal böse gemeint, oder?
Sahling: Es gibt eine Unterscheidung zwischen feindlichen Sexismus und nettem Sexismus. Letztere ist das, was wir Kavaliertum oder Ritterlichkeit nennen würden. Also die Tür aufhalten oder in den Mantel helfen. Ich finde das befremdlich. Als müsste die Frau immer beschützt werden.
Repnow: Das sehe ich anders. Es gibt schon einen Teil in mir, der das nett findet. Aber wenn ich so darüber nachdenke, merke ich, dass es auf die Intension des Mannes ankommt. Als was sieht er mich? Wenn er mir aus Höflichkeit in den Mantel hilft, finde ich es okay. Aber wenn es diesen Beigeschmack von großmütiger Ritterlichkeit im Sinne von „Du bist empfindlich und schwach, ich muss dich beschützen“ hat – das finde ich problematisch.

Wie reagiert man am besten darauf, wenn man durch sexistische Äußerungen verletzt wird?
Sahling: Schlagfertig sein wäre ein Tipp, aber das kann nicht jede. Es kommt auch auf die Situation an. Es wäre schön, wenn Frauen es schaffen können, aktiv zu werden, um sich gegen tradierte Rollenbilder zu wehren. Bei Belästigung am Arbeitsplatz sollten Frauen sich auf jeden Fall Unterstützung holen, zum Beispiel beim Betriebsrat oder der Gleichstellungsbeauftragten.

In den nächsten Tagen wird es in den EN um das männliche Rollenverständnis gehen. Denn auch dieses kann, entgegen der langläufigen Meinung, zu Sexismus im Alltag führen. Wir sprechen mit Dirk Jacobsen von der Männerberatung des Sozialministeriums über Probleme und Lösungen.

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