Junge Priörin leitet altes Kloster in Uetersen

An einem kalten Frühlingstag zeigte Karine von Rumohr das Klosterareal in der Innenstadt von Uetersen.  Foto: Robbe (2)
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An einem kalten Frühlingstag zeigte Karine von Rumohr das Klosterareal in der Innenstadt von Uetersen. Foto: Robbe (2)

Voraussetzung: Man muss ehelich geboren sein und aus einer ritterlichen Familie stammen

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01. August 2011, 07:16 Uhr

Die Frauengeschichtswerkstatt Elmshorn beschäftigt sich in der Ausstellung "Frauen berufe zwischen Klischee und Realität" im Industriemuseum mit tradierten Rollenbildern und Klischees, die die Berufswahl bis heute prägen.

Sie ist eine 34 Jahre junge Frau, die im Kloster Uetersen als Priörin einer uralten Aufgabe nachkommt: Karine von Rumohr ist die 44. Priörin und reiht sich ein in eine seit 800 Jahren ununterbrochene Kette von Glaubensschwestern.

Karine von Rumohr wurde als Tochter des Angeliter Gutsbesitzers Cai-Asmus von Rumohr, Mitglied der schleswig-holsteinischen Ritterschaft, und dessen Frau Aglaja geboren. Karine wächst in Südbaden und im schleswig-holsteinischen Kappeln auf. Nach dem Abitur absolviert sie eine Gärtnerlehre, der ein Studium in München, Freiburg, Stockholm und Wien folgt. In Skandinavistik, Germanistik, allgemeine Linguistik, Romanistik sowie Geschichte legt sie ihre Magisterprüfung ab.

Beruflich hat Karine von Rumohr ihr Auskommen als freiberufliche Redakteurin und Buchautorin ("Blumenfrauen und ihre außergewöhnlichen Gärten"). Seit 2010 ist sie Geschäftsführerin des familieneigenen Staudenzentrums, das ihre Großmutter, Helene von Stein-Zeppelin, als "Iris-Gräfin" vor 85 Jahren gründete.

Welche Aufgaben hat eine Priörin? "Jedem Nonnenkloster stand ein geistlicher Oberhirte, ein Probst*, zur Seite, erzählt sie. So sei es auch beim 1234 von Ritter Hinrich von Barm stede gegründeten "Uterst En". Die Priörin** trug Verantwortung für Klosterbesitz und die ihr anvertrauten Frauen. Da gab es Töchter, die ins Kloster gezwungen wurden, "damit sie ihrer Familie nicht auf der Tasche lagen", meint Karine von Rumohr. Andere entflohen einer Heirat, weil sie künstlerischen und geistigen Interessen nachgehen wollten. Die religiöse Frauenbewegung des Mittelalters sorgte für gute Belegung des Klosters - bis zu 30 Nonnen lebten hier. Zum Kloster gehörten Auen, Ackerland und Gehölze, die weltliche Gerichtsbarkeit sowie das Recht des Fischfangs. Landbesitz sorgte für gute Einnahmen.

Als 1555 die Reformation im Herrschaftsgebiet König Christian III. von Dänemark als vollzogen galt, wurden viele Klöster aufgegeben.Die von Itzehoe, Preetz, Schleswig und Uetersen wurden zu evangelischen Stiften umgewandelt für Töchter der eingesessenen Ritterschaft, also der ältesten Adelsfamilien. Wollte einer der schleswig-holsteinischen Ritter seine Töchter im Kloster unterbringen, konnte er sie durch Übersendung der Taufurkunde und Zahlung eines Geldbetrages einschreiben. War die Tochter mit 16 Jahren noch ledig, hatte sie das Recht, ihren Klosterplatz zu beziehen, sobald einer durch Tod oder Heirat frei wurde - und ihn zu behalten, bis sie heiratete oder starb. Laut Klosterordnung wählten die Damen stets eine der ihren zur Priörin. Sie und ihre Stiftsfräulein, Konventualinnen genannt, hatten Residenzpflicht und bezogen Geld aus Klostereinnahmen.

Im Laufe der Jahrhunderte verlor das Kloster nach und nach seine Privilegien. Nach dem 2. Weltkrieg bot es nur noch acht Damen Platz. Heute nimmt keine der Konventualinnen ihr Klosterwohnrecht mehr wahr, verstreut in alle Welt gehen sie bürgerlichen Berufen nach. Das Kloster verlor seine geistliche Bedeutung.

Wie wurden Karine von Rumohr Priörin? "Mein Vater hat mich nach meiner Geburt im Kloster eingetragen", meint sie. Voraussetzung sei auch heute, dass man einer ritterschaftlichen Familie angehöre und ehelich geboren sei. Als Priörin Asta von Bethmann-Hollweg 2004 verstarb, wurde Karine von Rumohr von Klosterprobst Graf von Luckner gefragt, ob sie die Aufgabe der Uetersener Priörin übernehmen wolle. Die damals 28-Jährige zögerte nicht lange, denn, "so jung Priörin zu werden, ist sehr ungewöhnlich". Im Jahr 2005 wählten die Konventualinnen die ledige, katholische Karine von Rumohr zur Priörin. Eine Position, die sie nun bis zu ihrer Hochzeit - oder ihrem Lebensende - einnehmen wird. "Das ist eine Aufgabe, die ich mit meinem anderen Leben in Einklang bringen muss. Während es meine Familie freut, dass ich mich in die Reihe der Priörinnen und ritterschaftlichen Amtsträger unserer Familie einreihe, finden meine Freunde es bizarr, aber gut und hoffen auf frischen Wind."

Zu den Aufgaben der Priörin gehört die Repräsentation des Klosters bei offiziellen Anlässen. Dazu kommen Konvente, Deputiertentreffen und feierliche Zusammenkünfte innerhalb der Ritterschaft, bei denen sie den Klosterorden, 1881 gestiftet von Kaiser Wilhelm I., stolz an ihrer Garderobe trägt.

Die Position Karine von Rumohrs ist eine Besondere. "Meine Amtskolleginnen in Itzehoe, Preetz und Schleswig (die jüngste ist 75 Jahre) leben im Kloster, kümmern sich mit um die Leute, die auf dem Klostergelände als Mieter leben, halten Immobilien und Forste in Schuss und kümmern sich um die Landwirtschaft."

Das ist in Uetersen anders. Hier kümmern sich Probst von Luckner und seine Frau Sabine um tägliche Klosterbelange, denn Karine von Rumohr lebt teils in Hamburg, teils in Laufen. Doch die 34-Jährige arbeitet eng mit dem Probsten zusammen wie bei Fragen rund um den verbliebenen Immobilienbesitz oder Denkmalschutzangelegenheiten des historischen Klosterhofareals. Sie betreut die Website der schleswig-holsteinischen Ritterschaft und versucht jahrhunderte alte Regeln in die Neuzeit zu transferieren. Vieles, was für Frauen früherer Generationen als Lebensabsicherung gedacht war, ist heute unwichtig. Damals durften Frauen juristisch nicht selbstständig auftreten, waren abhängig von Menschen, die ihnen Sicherheit und Auskommen boten. Karine von Rumohr nutzt moderne Technik, steht mit den Konventualinnen über Facebook und E-Mail in Kontakt. "Obwohl wir in alle Welt verstreut leben, fühlen wir uns verbunden. Ich weiß, ob sie Prüfungsstress oder Liebeskummer haben - auch wenn wir uns höchsten ein Mal im Jahr sehen."

Karine von Rumohr stellt Rollenbilder infrage oder versucht sie mit neuem Leben zu füllen. *In ritterschaftlichen Klöstern schreibt sich der Oberhirte mit b statt mit p.

**Priörin mit ö statt o ist eine schleswig-holsteinische Schreibweise.

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