Irgendwas tut ja immer weh

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

shz.de von
31. Mai 2018, 13:49 Uhr

Irgendwas tut ja immer weh.
Es ist ein wirklich erhebendes Gefühl, wenn einem mal nichts weh tut. So muss es wohl sein, wenn Ostern an Weihnachten ist oder ein Radiosender einen ganzen Tag lang nichts von Ed Sheeran spielt. Gerade vorletzte Woche hatte ich genau diesen kurzen Moment des fast kompletten Körperglücks. Nichts zwickte, nichts schmerzte, nichts kniff. Herrlich!

Der Großteil der nach 1988 geborenen Küken und Kälbchen mit intakten Bewegungsapparaten und funktionierenden Leibern kann das wahrscheinlich jetzt nicht nachvollziehen, aber irgendwann ab 30 fängt der Verschleiß der eigenen Hülle unweigerlich an. Ab dann ist immer was: sei es der Rücken vom stundenlangen Rumsitzen bei der Arbeit oder die Knie, die tun sowieso immer weh. Da wird dann sogar der so vertraute, unkomplizierte Akt des Anziehens einer Hose zur wahren Tortur oder man quält sich minutenlang unter Wehklagen und Jaulen in den Pullover, um dann festzustellen, dass man ihn falsch herum übergezogen hat.

Es war also für mich ein seltener Augenblick, in dem mein geschundener Körper und mein junger Geist auf einmal wieder gleich alt waren und beide fühlten sich wie 16. Es war zwar nicht Sommer und sie gingen nicht hinunter an den Strand, sondern natürlich zum Fußballtraining. Ich fühlte mich großartig und wie ein Fohlen auf der Weide. Ich rannte, ich schlug Haken und ich dribbelte. Ich passte, ich schlug Flanken und köpfte. Es hätte ewig so weitergehen können. Mir ging es super!

Dann kam aber ziemlich unvermittelt, urplötzlich aus dem Nichts der Moment, in dem ich den Ball aus recht kurzer Distanz ziemlich hart ins verdutzte Gesicht gezimmert bekam. Von schräg unten knallte mir die mindestens mit dreieinhalb Bar eisenhart aufgepumpte Kanonenkugel genau auf den Knorpel, der meine Nase darstellt. Sofort war mir klar, dass bei der geringen Entfernung und der Masse des Balles multipliziert mit seiner Geschwindigkeit umgerechnet in Kilo mindestens das Gewicht eines ausgewachsenen Nashornbullen herauskommen würde und somit mein Riechkolben dann wohl unweigerlich Matsch ist. Ich sackte wie von einer Abrissbirne getroffen noch vor Ort und unmittelbar zu Boden und tastete vorsichtig mit den Fingern dorthin, wo ich den Nasenbeinsalat vermutete. Es war jedoch alles intakt.

Unsicher stand ich wieder auf und musste mich erst mal schütteln bis mein Gehirn von der Rückwand des Hinterkopfs mit einem lauten Ploppen absprang und breiig wieder den gesamten Kopf ausfüllte. Erst dann kam der Schmerz, aber egal, irgendwas tut ja immer weh.

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