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„Können Elmshorn ein neues Gesicht geben“ : Interview mit Elmshorns Stadtplanerin Silke Faber

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Der Stadtumbau West bietet große Chancen. Der Bau von Einfamilienhäusern soll vorangetrieben werden.

Elmshorn | Silke Faber treibt die Entwicklung der Stadt maßgeblich voran. Seit 2009 leitet die 45-Jährige das Amt für Stadtentwicklung in Elmshorn. Mit dem Stadtumbau West und mehreren geplanten Wohnungsbauprojekten türmt sich derzeit die Arbeit auf ihrem Schreibtisch. Im Interview mit unserer Zeitung spricht die Stadtplanerin nicht nur über diese Vorhaben, sondern unter anderem auch über Bürgerbeteiligung und die Herausforderung durch den Flüchtlingsstrom.

Es gibt entspanntere Jobs als derzeit Stadtplanerin in Elmshorn zu sein, oder?
Silke Faber: Das stimmt sicherlich. Es gibt aber auch wenig spannendere Jobs. Außerdem bewältigen wir die Aufgaben gemeinsam in einem leistungsstarken Team.

In diesen Monaten ist unfassbar viel los auf dem Wohnungsbaumarkt. Große Projekte wie am Henry-Dunant-Ring und auf dem ehemaligen Kibek-Areal sorgen für mehrere hundert neue Wohnungen – ist der Bedarf wirklich so groß?
Der Bedarf ist auf jeden Fall in der Metropolregion da. Er ist eher noch steigend.

In beiden Fällen ist das Elmshorner Unternehmen Semmelhaack der Investor. Ein Zufall?
Für uns ist es ein Glücksfall, dass diese großen Projekte angegangen wurden – insbesondere das Kibek-Areal. Es gibt nicht viele Investoren, die solche Projekte stemmen können.

Für Wohnungen ist also ausreichend gesorgt. Aber: Junge Menschen, die eine Familie gründen wollen, suchen in Elmshorn seit einigen Jahren vergebens nach Möglichkeiten für einen Hausbau – ist hier Besserung in Sicht?
Ja! Wir haben in den letzten Jahren überwiegend Mietwohnungsbau betrieben. In Bezug auf das Wohnraumversorgungskonzept von 2005 haben wir dort auch inzwischen unser Soll erfüllt, beziehungsweise übererfüllt. Jetzt werden wir uns stärker auch auf den Bau von Einfamilienhäusern konzentrieren. Wir haben fünf große Baugebiete im Bebauungsplanaufstellungsverfahren und werden 170 Einfamilienhaus-Grundstücke in den nächsten zwei bis drei Jahren entwickeln.

Um welche Vorhaben geht es konkret?
Zum Beispiel das Wohngebiet im Bereich der ehemaligen Holsatia-Tennisanlage. Der Bebauungsplan wurde gerade verabschiedet. Dort sollen 38 Einfamilienhäuser entstehen. Für den Bereich Wilhelmstraße ist der Bebauungsplan auch sehr weit vorangeschritten. Dort sind etwa 30 Wohneinheiten geplant. Dann gibt es noch den Bereich Bokholter Damm, wo wir uns in der Aufstellung des Bebauungsplans befinden. Dort sind etwa 40 Häuser vorgesehen. Außerdem gibt es Pläne im Bereich Lerchenstraße für 45 Wohneinheiten und in der Straße Am Eiskeller rund um das Lidl-Areal könnten etwa 15 Häuser entstehen.

In den jüngeren Baugebieten gab es zum Teil nur sehr kleine Grundstücke. Wie sieht das in Zukunft aus?
Das wird sich anders entwickeln als bisher. Es soll keine Handtuch-Grundstücke mehr geben, sondern eine Mindestgröße von 400, eher 600 Quadratmetern. Wir wollen großzügigere Grundstücke für ein Klientel an Interessenten bieten, für das es bisher kaum Angebote gab.

Wie ist das Zeitfenster für die Projekte – wenn ich heute bauen wollen würde, wann könnte ich loslegen?
Das ist unterschiedlich. Erste Bebauungspläne sind wie gesagt fertig, andere werden in den nächsten ein bis zwei Jahren abgeschlossen sein.

Wird in den genannten Baugebieten schlüsselfertig oder individuell gebaut?
Es gibt verschiedene Modelle. Wir versuchen aber in Zukunft noch viel stärker darauf einzuwirken, dass wir Gebiete schaffen, wo individuell gebaut werden kann.

Wie ist das Verhältnis zwischen schlüsselfertig und individuell bei den 170 geplanten Häusern?
Etwa die Hälfte der Häuser wird schlüsselfertig erstellt.

Ist in Elmshorn in der Vergangenheit zu viel Wert auf Mehrfamilienhäuser und sozialen Wohnungsbau gelegt worden? Oder anders gefragt: Hat Elmshorn es verschlafen, Baugebiete für Einfamilienhäuser auszuweisen?
Verschlafen würde ich nicht sagen. Aber wir haben dort ein Defizit. Wir müssen im Bereich Einfamilienhäuser nachholen. In Zukunft wollen wir eine bessere Mischung hinbekommen. Deshalb sollen außerhalb des innerstädtischen Bereichs in Zukunft nur noch in Ausnahmefällen Mehrfamilienhäuser entstehen.

Derzeit ist in Elmshorn unfassbar viel in Bewegung. Die angesprochenen Wohnungsbauprojekte sind nur ein kleiner Teil. Mit dem Projekt Krückau-Vormstegen werden Rathaus, Bahnhof, Buttermarkt und Hafen überplant. Was ist als erstes fertig?
Das Rathaus.

Hoffen Sie als Mitarbeiterin...
Nein, ich denke, dass an dem Rathaus-Bau als Dreh- und Angelpunkt sehr viel hängt. Im Anschluss wird dann der Buttermarkt fertiggestellt und dann geht es weiter zum Hafen. Es kann aber auch sein, dass uns private Projekte überholen, wie es beim Kibek-Areal geschehen ist. Dieses hatten wir eigentlich ganz als Letztes gesehen und durch das Engagement der Firma Semmelhaack ist es jetzt an erste Stelle gerückt. So kann es sein, dass uns womöglich auch am Buttermarkt ein privater Investor überholt, während wir noch das Rathaus planen. Das liegt daran, dass die Stadt von wesentlich mehr Rahmenbedingungen abhängig ist als private Investoren.

Wenn die Politik mitspielt und das Geld keine Probleme macht – wann ist das neue Elmshorn dann fertig?
Wesentliche Projekte werden bis 2025 umgesetzt sein. Es wird aber noch einen Nachlauf bis 2030, 2035 geben.

Auf was freuen Sie sich am meisten?
Ich freue mich darauf, mit einem Motorboot von der Elbe die Krückau hinaufzufahren und am neuen Stadthafen anzulegen, um mit Gästen einen Bummel durch die sanierte Innenstadt zu machen.

Überblick über das Entwicklungsgebiet: Der Bereich Krückau-Vormstegen wird komplett umgestaltet. (Foto: Reimer Wulf)
Überblick über das Entwicklungsgebiet: Der Bereich Krückau-Vormstegen wird komplett umgestaltet. (Foto: Reimer Wulf)
 

Der Bereich Krückau-Vormstegen bietet eine gewaltige Chance für die Stadt Elmshorn. Es kann quasi eine völlig neue Innenstadt geplant werden. Ist Ihnen Vergleichbares aus anderen Kommunen bekannt?
Nein, das ist ein ganz seltener Glücksfall. Bisher war es eher negativ für die Stadt, dass die Flächen in direkter Innenstadtnähe durch Industrie und Gewerbe belegt waren, weil es dadurch wenig Flächen für Fachmärkte gab, die dann in die Außenbereiche gezogen sind. Aber dadurch, dass jetzt diese Flächen frei geworden sind und wir sie entwickeln können, haben wir ganz große Chancen. Im Vergleich zur Hafencity in Hamburg ist es dichter dran an der Innenstadt und auch im Größenverhältnis ein gewichtigeres Projekt. Wir können Elmshorn ein ganz neues Gesicht geben, das dann zum Rest der sonst ja sehr attraktiven Stadt passt. Denn ich finde den überwiegenden Teil der Wohngebiete in Elmshorn sehr, sehr schön. Elmshorn ist insgesamt eine tolle Stadt mit vielen Reizen und Angeboten dank der Krückau direkt mit der Natur in der Stadt und mit einer super Anbindung.

Die Bürger werden in immer mehr Entscheidungen eingebunden – macht das aus Ihrer Sicht Sinn, oder bedeutet das nur mehr Arbeit für die Verwaltung?
Es macht auf jeden Fall Sinn, auch wenn es mehr Arbeit macht. In der heutigen Zeit ist es richtig, die Bürger einzubeziehen. Eines der letzten Projekte, die die Stadt ohne die Beteiligung der Bürger durchgezogen hat, war die Planung der Ost-West-Brücke mit Anbindung an die Autobahn. Das hat dazu geführt, dass man eine große Brücke gebaut hat und den Zubringer durch ein Wohngebiet geplant hat – ohne die Bürger zu befragen und zu berücksichtigen. So hat man heute eine vierspurige Brücke ohne Anbindung an die Autobahn, weil das die Bürger dann natürlich verhindert haben. Das zeigt: Wir brauchen die Bürger als Alltagsexperten bei den Planungen. Sie sind eine wertvolle Informationsquelle für die politischen Entscheidungen.

Neben der Zukunftsplanung darf man auch das Hier und Jetzt nicht aus den Augen verlieren. Es gibt immer wieder Kritik an der Innenstadt. Wie kann es da schnell Erfolge geben?
Wir werden in kleinen Schritten die Situation verbessern. Dazu kooperieren wir mit dem Flächenmanagement und dem Stadtmarketingverein. So haben wir die Werbeaufsteller aus der Königstraße entfernt und die Fußgängerzone begrünt. Als nächsten Schritt werden wir voraussichtlich das Thema Werbegestaltung angehen.

Mehr Wohnraum schafft mehr Bürger, schafft mehr Bedarfe – wie wird sich das Nahversorgungs- und Einzelhandelskonzept der Stadt daran anpassen müssen?
Erstmal ist es sehr positiv, dass wir diese erhöhten Bedarfe haben, denn wir haben bereits ein sehr hohes Angebot an Verkaufsflächen im Einzelhandel. Auch das Nahversorgungsnetz ist sehr gut. Es überzieht mit einem Radius von etwa 700 Metern flächendeckend die Stadt. Wir werden aber das Konzept überdenken müssen, da die Nahversorger und Discounter eine neue Strategie fahren. Sie wünschen sich immer größere Geschäfte. Es gilt jetzt zu prüfen, inwiefern wir unter den neuen Bedingungen die Versorgung so gut aufrechterhalten können.
Zum Thema Einzelhandel: Was zentrenrelevante Sortimente betrifft haben wir leider noch sehr viele Verkaufsflächen im Außenbereich. Es wird sehr schwierig, diese in die Innenstadt zurückzuholen. Wenn aber entsprechende Bedarfe da sind und wir die Deckung dieser neuen Bedarfe im Außenbereich ausschließen und wir dank des Gebiets Krückau-Vormstegen auch endlich die Flächen im Innenstadtbereich anbieten, dann ist das sehr positiv, dass die Stadt jetzt wächst.

Um das Thema Flüchtlinge kommt auch die Stadtplanung nicht herum. Welche Herausforderung stellt der Zustrom dar?
Das ist eine Entwicklung in sehr, sehr kurzer Zeit, auf die auch am Wohnungsmarkt reagiert werden muss. Ganz wichtig ist es aber, dass man jetzt nicht die langfristigen Stadtentwicklungsstrategien komplett über den Haufen wirft, sondern mit Augenmaß entwickelt und auch kurzfristige, temporäre Lösungen findet. Es muss vermieden werden, dass auf die Dauer wieder neue soziale Brennpunkte entstehen.

Wenn Sie drei Wünsche für Elmshorn frei hätten, welche wären das?
Sehr viel Optimismus in der Bevölkerung und eine große Aufbruchstimmung für die neue Mitte. Ich denke, das wird Elmshorn ganz stark voranbringen. Der zweite Wunsch ist, dass endlich der Pessimismus über Bord geworfen wird, der hier und da manchmal herrscht. Und wenn ich zaubern könnte, hätte ich nächstes Jahr schon den Bahnhof fertig.

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erstellt am 16.Dez.2015 | 11:10 Uhr

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