In Höki sagt man Moin

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Ein einstündiger Streifzug durch die Zentrumsgemeinde im Norden des Kreises Pinneberg

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30. September 2019, 16:24 Uhr

Hörnerkirchen | Schneller, schneller, immer weiter – viel zu oft geht es im Galopp durch das Leben und wir huschen von Termin zu Termin. Unser Reporter Jann Roolfs macht da nicht mehr mit. Er nimmt sich eine Auszeit – 60 Minuten lang. So lange verweilt er für unsere Serie „Dorfgespräche“ in einem Ort in der Region, trifft interessante Menschen und lässt sich treiben. In Teil sieben geht es heute um Brande-Hörnerkirchen.

16.15 Uhr an der zentralen Kreuzung in Brande-Hörnerkirchen. Die Kirche, gegenüber ein Supermarkt, an der dritten Ecke wird auf einem großen Grundstück ein neuer Supermarkt gebaut. Auf den Straßen herrscht reger Verkehr, von einer halbseitigen Straßensperrung samt Baustellenampel behindert. Viele Leute sind zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs. Zwei Jungs im Grundschulalter spökeln herum: Erst sitzen sie auf einem Stromkasten, dann ziehen sie über den Rasen vor der Kirche und setzen sich schließlich auf die Balken unter dem frei stehenden Glockenstuhl.

Andreas Hapke hat sich zum Feierabend eine Zigarette gedreht und einen Schluck Bier gegönnt. Er wartet auf seinen Sohn Fabian, der kauft im Supermarkt ein. Hinterher wollen die beiden gemeinsam nach Hause. „Duschen, essen, Kinder ins Bett bringen“, das sind für den Dachdecker die nächsten Programmpunkte. Er hat vier Kinder, „da ist immer was los zu Hause“.

Hapke wohnte früher in Elmshorn, seine Frau kommt aus Brande-Hörnerkirchen. Sie hat ihn hergeholt, inzwischen arbeitet er bei einer Zimmerei im Ort. „Hier sagt jeder Moin. Hier kennt jeder jeden, alle sind hilfsbereit“, das gefällt ihm. Der siebenjährige Fabian kommt aus dem Supermarkt, er hat drei Brötchen gekauft und zwei Flaschen Kinder-Cola. Vater und Sohn gehen in den Hauseingang gleich neben dem Laden.

Gleich um die Ecke herrscht am kleinen Tisch auf dem Treppenabsatz Hochbetrieb. Tischler Alfred Marx und Kaffeeröster Michael Brown stehen dort gemeinsam mit Browns Frau und zwei Kunden. In der Runde wird gelacht, die beiden Kunden verabschieden sich. Stehen bleiben die Inhaber der beiden Geschäfte, die hinter der Haustür liegen: Marx betreibt ein Küchenstudio und seine Frau die örtliche Postfiliale, Brown röstet in Brande-Hörnerkirchen Kaffee. „Hier machen wir immer Brainstorming“, erklärt er: „Der Pastor findet es immer gut, wenn die Leute vor der Tür stehen und schnacken.“ Manchmal hält seine Frau zur Kaffeezeit ein Stück Kuchen für die Runde bereit. Ein Küchenstudio im Dorf und nicht in einer Stadt? „Wir wollen ja im Dorf bleiben“, stellt Alfred Marx klar, „Wir wohnen alle hier“ – er selbst in Westerhorn, Brown in Brande-Hörnerkirchen.

Brown spricht seinen Namen deutsch aus, obwohl er in England geboren ist. Aber vor zwei Monaten hat er die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen – wegen des Brexits: „Das geht gar nicht, was die machen da drüben“, schimpft er. Dann führt er durch seine Rösterei. Wo heute geröstet wird, war früher eine Durchfahrt für Postkutschen, später eine Kneipe, erzählt Brown. „Das ist die Röstanlage, mein Baby“, sagt er, neben einem großen Kessel stehend. Zwei bis drei Mal pro Woche röstet Brown, er hat 24 Kaffeesorten im Angebot. Den meisten Umsatz macht er in Kantinen oder Supermärkten, aber zwei Mal pro Woche öffnet er seinen Laden in Hörnerkirchen: „Für ältere Damen aus dem Ort oder für Kunden, die etwas Besonderes suchen.“

Ein paar Häuser weiter die Bahnhofstraße hinunter liegt der Schuhladen von Birgit Ahsbahs. Wie hält sie sich, während viele andere inhabergeführte Schuhläden schließen? „Davon profitieren wir“, sagt sie. Sie hat einfach so lange durchgehalten, bis solche Geschäfte knapp werden und die Nische zum Überleben genügt. Inzwischen werden ihr Kunden für Schuhe mit Einlagen sogar aus Elmshorn in den Laden geschickt, erzählt die Inhaberin. Ahsbahs hat sich auf Kinderschuhe spezialisiert sowie auf Schuhe für lose Einlagen und sie bietet Kinder-Barfußschuhe an. Ihren Laden betreibt sie in der sechsten Generation. 1825 fing das Geschäft als Schuhmacherei an. Also gibt es in einigen Jahren ein rauschendes Jubiläumsfest zum 200. Geburtstag? Ahsbahs reagiert verhalten: „Wenn es den Laden dann noch gibt. Ich arbeite gerade an einer Nachfolge.“

Schräg gegenüber verkauft Stefanie Beelitz Brot und Kuchen. Normalerweise steht sie in einer Bäckereifiliale in Kölln-Reisiek, dort wohnt sie auch, aber heute macht sie hier Urlaubsvertretung. In Brande-Hörnerkirchen fing sie vor zwei Jahren auch als Bäckerei-Verkäuferin an, erzählt die Frau, die gern laut lacht: „Ich bin hier super herzlich aufgenommen worden.“ Im Vergleich der beiden Dörfer stellt sie fest: „In Kölln-Reisiek hat man die Nähe zu Hamburg.“ Als Kunden sind die Hörnerkirchener anscheinend süß orientiert: „Das ist hier echt eine Kuchen-Filiale“, stellt Beelitz fest. Ihr Fazit: Die Arbeit in dieser Filiale, das ist für sie „so ein Stück weit Urlaub“. Sie sinniert kurz: „Ich glaube, weil ich hier angefangen habe.“

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