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Elmshorns virtuelle Marktplätze : Immer mehr Bürger tauschen sich über Facebook-Gruppen aus

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Drei Administratoren erzählen von ihrer Arbeit. Menschen aller Altersgruppen treffen sich, tauschen sich über Neuigkeiten aus und geben sich Ratschläge.

shz.de von
erstellt am 03.Mär.2016 | 16:10 Uhr

Elmshorn | Eine Frau erkundigt sich nach dem besten Fitnessstudio in der Stadt, ein Mann sucht eine Zweizimmerwohnung zur Miete und eine andere Frau fragt nach einem Arzt, der gut mit Kindern umgehen kann. In speziellen Elmshorn-Gruppen im sozialen Netzwerk Facebook wird geholfen, gestritten und diskutiert. Sie funktionieren wie ein virtueller Marktplatz – Menschen treffen aller Altersgruppen sich, tauschen sich über Neuigkeiten aus und geben sich Ratschläge. Mit dem großen Unterschied, dass sich ein Großteil der Leute noch nie im echten Leben über den Weg gelaufen ist.

Facebook ist eines der größten sozialen Netzwerke der Welt. Immer mehr Menschen erledigen Aufgaben ihres täglichen Lebens in den Netzwerken.

Ordnungshüter in einem der größten Treffpunkte dieser Art, „Elmshorner fragen, Elmshorner antworten“, sorgen Torsten Herrmann, Rigo Voß und Julia Hansen für Ordnung. Die drei Administratoren oder „Admins“, wie es im Facebook-Jargon heißt, sorgen dafür, dass die Diskussionen nicht in Beleidigungen ausarten. Sie löschen fremdenfeindliche Äußerungen, greifen beschwichtigend in Diskussionen ein, nehmen neue Gruppenmitglieder auf oder werfen sie im Notfall auch wieder heraus.

Angefangen hat alles vor gut zwei Jahren. Torsten Herrmann ärgerte sich über eine andere große Elmshorner Facebook-Gruppe – und zwar so sehr, dass er seine eigene gründete. „Das war ganz nebenbei, die Idee ist mir bei der Autofahrt zum Supermarkt gekommen“, erzählt der 37-Jährige. Die Grundidee war eine Gruppe ohne Streitereien und Querelen, in der man sich gegenseitig einfach nur hilft und nett zueinander ist. Als die Gruppe dann nach dem Schneeballsystem immer und immer größer wurde, wurde die Sache mit dem friedlichen Austausch aber auch bei „Elmshorner fragen“ schwierig. „Bei uns prallen Welten aufeinander“, sagt Torsten Herrmann, „mit mehr Menschen sind die verschiedensten Charaktere mit den unterschiedlichsten Ansichten dazu gekommen.“

Mittlerweile hat die Gruppe 3311 Mitglieder. Bei einigen Themen, das wissen auch die beiden anderen Administratoren, ist der Ärger schon vorprogrammiert. „Wenn ich merke, dass es schwierig wird, lasse ich mich von Facebook bei jedem neuen Post benachrichtigen“, erzählt Julia Hansen. Mittlerweile kennt die 42-Jährige aber ihre Pappenheimer. „Wenn die sich in die Diskussion einschalten, weiß ich, dass es bald rund gehen wird.“ Zunächst beobachte sie die Diskussion nur. Kontroverse Meinungen seien grundsätzlich kein Problem. „Aber wenn es zu persönlich oder zu beleidigend wird, bin ich auch mal knallhart und lösche den Post oder werfe im schlimmsten Fall das Mitglied raus“, erzählt Hansen.

Sensible Themen in der Online-Diskussion

Richtig schlimm gewesen sei es vor ein paar Monaten bei der Flüchtlings-Diskussion. „Da haben sich einige Leute ganz harmlos ausgetauscht – und auf einmal kamen dann Anfeindungen, Beleidigungen und rassistische Äußerungen“, erzählt Hansen. Irgendwann wurde es so schlimm – und zwar von beiden Seiten –, dass sich die drei Admins entschlossen, das Thema ganz aus ihrer Gruppe zu verbannen. Seitdem gibt es ganz oben auf der Facebook-Seite von „Elmshorner fragen“ einen Eintrag, indem Julia Hansen und Torsten Herrmann schreiben, das Thema Flüchtlinge sei zu sensibel, um es bei Facebook auszudiskutieren. „Wir wollen keine Hetze gegen Flüchtlinge und wer es trotzdem tut, der fliegt ohne Vorwarnung.“

Letztlich seien es immer die selben Nutzer, die sich an den Diskussionen beteiligen – und dann meist nicht nur in der Gruppe „Elmshorner fragen“, sondern auch in anderen Elmshorner Facebook-Gruppen. „Die meisten Mitglieder sind allerdings nur stille Mitleser“, sagt Rigo Voß.

Die drei Admins haben alle einen Vollzeit-Job. Der 52-Jährige Rigo Voß ist Fahrlehrer, Torsten Herrmann arbeitet als Ingenieur in einem Zementwerk und Julia Hansen ist bei einem Logistikunternehmen im Versand tätig. Trotzdem versuchen sie, das Geschehen auf ihrer Facebook-Seite so gut es geht im Blick zu behalten. „Ich gucke immer drauf, wenn ich Zeit habe“, sagt Rigo Voß. „Aber natürlich kriege ich nicht alles mit.“

Die drei arbeiten bereits rund eineinhalb Jahren zu dritt als Admins zusammen. Rigo Voß hat Torsten Herrmann gleich zu Anfang „zwangsverpflichtet“, wie er mit einem Augenzwinkern sagt. Julia Hansen hat der Gruppengründer bei einem spontanen Grillfest kennen gelernt, das durch die Gruppe organisiert wurde. Rigo Voß und Julia Hansen dagegen sind sich noch nie persönlich über den Weg gelaufen – auch wenn sie ständig über Facebook in Kontakt stehen. „Rigo hat bei unseren Treffen immer abgesagt, weil er zu beschäftigt war“, sagt Torsten Herrmann scherzhaft. „Da musste erst die Presse uns zu einem Gespräch einladen.“

Vom Umzugshelfer bis zum Kindersitz

Neben all dem Ärger mit einigen Facebook-Nutzern überwiegen dann eben doch die positiven Seiten der Gruppe. Es entstehen neue Freundschaften und wildfremde Menschen helfen sich untereinander. Wenn jemand schnell einen Umzugshelfer sucht, oder jemanden, der mal eben einen Kindersitz fürs Auto verleiht, dann gibt es in der Gruppe garantiert jemanden, der einspringt – oder einen kennt der einen kennt.

Oder es gründen sich Interessengruppen, die zusammen ein Projekt anpacken. Die engagierte Bürgerin Patricia Capurso hat zum Beispiel über die Gruppe zahlreiche Elmshorner mobilisiert, die für ihre Aktion gegen Elmshorner Angstorte defekte Straßenlaternen und dunkle Ecken meldeten. Capurso gab die betreffenden Orte nach einer Überprüfung an die Stadtverwaltung weiter. Auf diese Weise sind bereits einige „dunklen Orte“ vom Stadtplan verschwunden.

Ein anderes Beispiel ist die Sparrieshooperin Martina Katharina Kramer-Kahl. Sie erreichte mit einem Aufruf viele engagierte Menschen, die zusammen mit ihr Bedürftigen in Elmshorn einen schönen Nachmittag bereiten wollen. „Ich habe in meinem Leben nach sehr viel Pech sehr viel Glück gehabt und möchte von diesem Glück etwas zurückgeben“, sagt Kramer-Kahl. Um Ostern herum möchte sie für Menschen, die viel Unglück erlebt haben, ein leckeres Essen zubereiten, ihren Kindern eine Freude bereiten und für Gespräche zur Verfügung stehen. „Vielen hilft es schon jemanden zu haben, der einfach mal zuhört“, sagt sie. An die Facebook-Gruppe hat sie sich ursprünglich gewendet, um einen Raum für ihre Aktion zu finden. Jetzt hofft sie, bei der Tafel unterzukommen. „Dort war man offen für meine Idee.“

Gerade solche Aktionen, bei denen Elmshorner Elmshornern helfen, sind es, weshalb Torsten Herrmann die Gruppe gegründet hat. Und wenn das Projekt von Katja Kramer-Kahl funktioniert, schaffen es ja vielleicht auch die drei Admins, sich außerhalb eines Pressetermins zu treffen.

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