Im falschen Körper gefangen

Michaela Plotzitzka lebt erst seit vier Jahren als Frau.
Michaela Plotzitzka lebt erst seit vier Jahren als Frau.

Transsexualität Michaela Plotzitzka war früher ein Mann / In einer Selbsthilfegruppe will sie anderen Betroffenen helfen

shz.de von
14. September 2017, 17:05 Uhr

Michaela Plotzitzka sitzt in einem Beratungsraum in der Brücke Elmshorn und erzählt ohne Scheu ihre Geschichte. Die 52-Jährige trägt einen schwarzen Faltenrock und ein lilafarbenes Oberteil. Vor noch nicht einmal vier Jahren wäre sie so niemals vor die Tür gegangen. Denn damals hieß Michaela Plotzitzka noch Michael und war ein Mann.

Michaela Plotzitzka ist transident, sie fühlte sich bereits als Kind in dem falschen Körper gefangen. „Als ich 14 Jahre alt war, habe ich nachts heimlich die Kleider meiner Schwester getragen“, erzählt sie. „Das habe ich drei Monate lang heimlich gemacht, niemand durfte das wissen.“ Das Thema Transsexualität war 1974 ein gesellschaftliches Tabu, Michaela Plotzitzka wusste nicht, was mit ihr los war und hatte niemanden zum reden. Sie lebte ihr Leben als Mann. Nach ihrer Ausbildung zum Tischler war sie die meiste Zeit über arbeitslos und einsam. „Ich habe nie eine Beziehung gehabt“, sagt Plotzitzka. Nach einigen Jahren entwickelte sie eine Depression. „2001 wurde es so schlimm, dass ich zum ersten Mal versuchte, meinen eigenen Weg zu gehen, habe Hormone genommen und meine Brüste operieren lassen. Aber es gab kaum Ärzte und Therapeuten, die mit der Thematik vertraut waren. Die Hormone, die ich nahm, hatten starke Nebenwirkungen.“

Plotzitzka brach die Behandlung ab. Sie hatte nicht den Mut zu einer Neuaufnahme, obwohl der Wunsch, eine Frau zu sein, immer stärker wurde. „Im Gegenteil: Ich habe die Brustoperation sogar rückgängig gemacht.“

Elf weitere Jahre lebte Michaela Plotzitzka als Mann. „Ich bin vor mir selbst weggelaufen“, erinnert sie sich. „Irgendwann wurde es so schlimm, dass ich kurz davor stand, mir das Leben zu nehmen.“ Der Wendepunkt kam, als Plotzitzka endlich den Mut fand, mit ihrer Mutter über ihre Transsexualität zu sprechen. „Sie war für mich da“, berichtet Plotzitzka. „Am Ende des Gesprächs ist sie in ihr Schlafzimmer gegangen und kam mit Kleidern und Röcken wieder. ,Hier, Michaela’ hat sie gesagt, ,das hier kannst du haben.’“

Für Michaela Plotzitzka begann von diesem Moment an ihr neues Leben. Sie ließ sich operieren – die Kosten trägt die Krankenkasse – und lebt seitdem als Frau. „Jetzt bin ich glücklich“, sagt Plotzitzka. „Ich gehe jetzt regelmäßig in die Öffentlichkeit und ich rede ohne Ende – das konnte ich früher überhaupt nicht.“ Selbst ihr Umfeld habe verständnisvoll reagiert. „Als meine Nachbarn mich zum ersten Mal im Rock gesehen haben, wollten sie wissen, ob ich zu einem Kostümfest gehen wollte“, erinnert sich Michaela Plotzitzka. Als sie die Situation erklärt habe, hätten die Nachbarn ihren Mut gelobt. „Mein Onkel meinte sogar, ich gefiele ihm als Frau viel besser.“

Transsexualität und Transidentität sind heute gesellschaftlich viel akzeptierter als noch in den 70er Jahren. Es gibt in Deutschland derzeit etwa 100  000 Menschen, die ihren Personenstand aufgrund ihres Geschlechts haben ändern lassen. Dennoch existiert auch heute noch große Unwissenheit, Missverständnisse und Ablehnung gegenüber transidenten und transsexuellen Menschen.

„Die meisten Betroffenen stehen sich aber selber im Weg“, sagt Michaela Plotzitzka. „Sie haben Angst davor, sich durch ein Outing ins soziale Abseits zu stellen, ihre Arbeit, Familie oder Freunde zu verlieren. Das führt zu jahrelangem Verdrängen des eigenen Ichs. Depressionen, Vereinsamung, Alkohol- und Drogenkonsum bis hin zum Selbstmord können die Folge sein.“ Denn: Transidentät sei nicht heilbar – es sei denn, man gehe den Weg in ein selbstbestimmtes Leben – „als Mensch, dessen Körper und Seele endlich eins sind“.

Michaela Plotzitzka möchte anderen transidenten Menschen helfen. „Nicht jeder hat jemanden, der ihn unterstützt und ermutigt“, sagt sie. Deshalb hat Plotzitzka eine Selbsthilfegruppe unter dem Namen „Trans Hilfe Elmshorn“ in der Brücke gegründet. „Der Austausch kann helfen, Ängste abzubauen“, sagt Plotzitzka. „Wir wollen Mut machen, Erfahrungen austauschen, beim Schritt in die Öffentlichkeit begleiten und bei Arzt- und Behördengängen unterstützen.“ Sie weiß nicht, wie groß die Gruppe der Transsexuellen in Elmshorn und Umgebung ist. Bislang kennt sie nur eine andere Frau. Deshalb hat Plotzitzka noch keine Ahnung, wie gut ihre Selbsthilfegruppe angenommen werden wird. Aber sie glaubt, dass die Hemmschwelle, zu den Selbsthilfegruppen in Hamburg zu fahren, zu groß ist. Plotzitzka: „Hier bei uns gibt es keine Anlaufstelle. Das will ich ändern.“

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