Fahrerflucht : Ihr Verlobter starb auf der B431: Elmshornerin sucht den Schuldigen

Das Kreuz steht an der B431 in Richtung  Raa-Besenbek. Carolin (27) braucht diesen Ort zum Trauen und Wütendsein.

Das Kreuz steht an der B431 in Richtung  Raa-Besenbek. Carolin (27) braucht diesen Ort zum Trauen und Wütendsein.

Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen zu dem Unfall eingestellt. Die Fahrerflucht ist bis heute nicht aufgeklärt.

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18. Mai 2019, 10:00 Uhr

Elmshorn | Die Polizei ermittelt schon lange nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat das Verfahren eingestellt. Aber die Elmshornerin gibt nicht auf. Carolin will ihn finden. Sie muss ihn finden. „Ich will ihm gegenübertreten, im Gerichtssaal. Er soll seine gerechte Strafe erhalten“, sagt die 27-Jährige.

Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingestellt

Der schreckliche Unfall an der Bundesstraße 431 am 16. Dezember 2014: Vielen Elmshornern ist er im Gedächtnis geblieben. Das Kreuz am Straßenrand haben die Autofahrer wahrgenommen. Der Polizei ist es damals nicht gelungen, den Unfallverursacher zu ermitteln.

 „Das Verfahren ist von der Staatsanwaltschaft Itzehoe inzwischen  eingestellt worden“, sagt ein Polizeisprecher.  Die Polizei habe  sehr intensiv in alle Richtungen ermittelt. Der Fall habe hohe Priorität gehabt. Einen hinreichenden Tatverdacht habe es am Ende aber  gegen keine Person gegeben.

Sollten sich durch Zeugen neue Hinweise ergeben, werde die Polizei diesen natürlich nachgehen. Die Elmshorner Polizei ist unter Telefon (04121) 803110 zu erreichen.

Seit nunmehr 4,5 Jahren sucht Carolin nach dem Autofahrer, der verantwortlich ist für den Tod ihres Verlobten, den Vater ihres heute fünf Jahre alten Sohnes. „Vielleicht gibt es noch Zeugen, die sich an den Unfall erinnern, die einen wichtigen Hinweis geben können“, hofft die junge Frau. „Oder der Fahrer stellt sich endlich der Polizei.“

Denn der Schmerz  steckt  immer noch ganz tief in ihr drin. Wie ein spitzer Pfeil. Er quält sie, schüttelt sie durch, lässt sie nachts nicht schlafen. Immer wieder Panikattacken – auch nach  4,5 Jahren noch. Und der Schmerz kämpft mit der Wut, mit dem Hass, den die 27 Jahre alte Elmshornerin empfindet. „Manchmal wünsche ich mir, dass er nicht ausgewichen, dass er frontal in ihn hineingefahren wäre. Dann würde mein Verlobter vielleicht noch leben – oder der Andere wäre auch weg“, sagt Carolin.

Der Andere: Er ist verantwortlich für den tragischen Unfall. Für den Tod des 26 Jahre alten Elmshorners. Carolins Verlobter. Der Vater ihres Sohnes. Der Andere: Er hat an diesem 16. Dezember 2014 nicht angehalten. Er ist auf der Bundesstraße 431 bei Raa-Besenbek weitergefahren. Fahrerflucht, wird die Polizei später sagen. Sie hat den Flüchtenden nie gefunden. Der Andere: Carolin will ihn finden – und sie glaubt zu wissen, wer es ist. 

Sie stand schon vor seiner Haustür, in dem kleinen Dorf im Kreis Pinneberg. Den Zeigefinger an der Klingel. Gedrückt hat die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren und den tiefblauen Augen nicht. „Ich hatte Angst. Angst, dass ich nicht ruhig bleibe, ausflippe.“ Was, wenn er plötzlich tatsächlich zu ihr sagt: Ich war es. Zu viel für sie. Und dann ist da noch dieser Rest an Zweifeln, diese fehlenden zwei, drei Prozent, um 100-prozentige Gewissheit zu haben. „Ich weiß, dass er es war“, sagt Carolin die Unsicherheit wegwischend. 

Der 16. Dezember 2014: Der Tag, der alles veränderte. Ihr Verlobter will einen guten Freund vom Elmshorner Bahnhof abholen. Doch der verpasst den Ausstieg, landet in Glückstadt. Schicksal. Er fährt los. In Glückstadt wird der junge Mann nie ankommen. Ein dunkler Volvo, älteres Baujahr, überholt einen Lastwagen. Viel zu knapp. Er bremst von Tempo 110 auf 70. Er weicht nach rechts auf den Grünstreifen aus. Doch der Audi A6 prallt gegen einen Holzpfeiler, hebt ab, fliegt durch die Luft, überschlägt sich mehrmals. Mit dem Dach nach unten landet er im Straßengraben. Der ist voll Wasser. „Er ist ertrunken“, sagt Carolin. Ihre Stimme zittert. Die Rettungskräfte haben vergeblich um das Leben des jungen Mannes gekämpft. Todeszeitpunkt: 16.25 Uhr, genau eine Stunde nach dem Unfall.

Die Unfallstelle an der B431:  Für den 26-jährigen Elmshorner kam am 16. Dezember 2014 jede Hilfe zu spät.
Morten Planer

Die Unfallstelle an der B431:  Für den 26-jährigen Elmshorner kam am 16. Dezember 2014 jede Hilfe zu spät.

 

15.25 Uhr: Die Unfallzeit  hat sich Carolin später auf ihren rechten Arm tätowieren lassen. Ebenso wie den Engel. Am 23. Dezember 2014 wird ihr Verlobter beigesetzt. Ihr Sohn ist damals eineinhalb Jahre alt. „Schaue ich in sein Gesicht, sehe ich das Ebenbild meines Verlobten.“

Wenn der Volvo-Fahrer sofort angehalten hätte, zu Hilfe geeilt wäre. Vielleicht würde ihr geliebter Mann heute noch am Leben sein, auch wenn er bei dem Unfall schwerste Verletzungen erlitten hatte. Im Kopf ist sie das alles schon eine Million Mal durchgegangen.

Die Suche nach dem Fahrer wird für die Elmshornerin ganz schnell zur Obsession. Entlang der Bundesstraße 431 stellt sie 26 Plakate auf. 26 unmissverständliche Botschaften an den Volvo-Fahrer: „Du hast ein Menschenleben auf dem Gewissen“; „Wieso stellst du dich nicht?“; „War der schlimmste Tag für uns. Dank dir!“; „Wegen dir ist er nicht mehr da.“; „Meinst du, es ist schön, zu ertrinken?“.

Mit Plakaten entlang der Straße appellierte Carolin an das Gewissen des Unfallflüchtigen – vergeblich.
privat

Mit Plakaten entlang der Straße appellierte Carolin an das Gewissen des Unfallflüchtigen – vergeblich.

 

26 Plakate, weil ihr Verlobter nur 26 Jahre alt werden durfte. „Ich wollte an sein Gewissen appellieren, habe gehofft, dass er diese Strecke regelmäßig nutzt“, sagt Carolin. Doch nichts passiert. Niemand meldet sich – bis heute. 

Die Elmshornerin nimmt sich einen Anwalt. Aus den Akten erfährt sie, dass die Polizei zum Unfallzeitpunkt im Umkreis der Unfallstelle ein Handy orten konnte. Der Fahrer eines Volvo. Ein Dienstwagen. Natürlich verfolgt die Polizei diese Spur. Anklage wird am Ende aber nicht erhoben. 

Der Volvo, die Entfernung zur Unfallstelle – für Carolin passt das alles zusammen. Sie recherchiert auf eigene Faust weiter. Für die junge Frau sind die Aussagen des Tatverdächtigen  widersprüchlich. Sie klappert die Autohändler ab. Vielleicht hat jemand einen dunklen Volvo verkauft, den er lieber ganz schnell loswerden wollte. Sie merkt, dass es ihr gut tut, selbst zu ermitteln, etwas zu unternehmen. Carolin weiß aber auch, dass sie sich in Grenzbereichen bewegt. Dass sie Gefahr läuft, sich zu verrennen, sich in etwas hineinzusteigern. Doch diese Gedanken schiebt sie zur Seite.

„Ich finde keine Ruhe. Ich muss wissen, wer es war“, sagt die 27-Jährige. Die Ungewissheit nagt an ihr. „Ich möchte ihm gegenübertreten, im Gerichtssaal.“ Er soll seine gerechte Strafe erhalten, auch wenn das ihren Verlobten nicht zurückbringt.

An der Unfallstelle hat Carolin ein Kreuz aufgestellt. Ein Foto ihres Verlobten hängt dort. Lichterketten, Blumen, Kerzen ein Engel. Sie braucht diesen Ort. Zum Trauern. Zum Weitermachen. Zum Wütendsein. Da ist so viel Wut. So viel Schmerz. Noch heute findet sie Trümmerteile des Autos. 1,5 Jahre hat sie nach dem Innenspiegel gesucht an dem die Medaille befestigt war, das Symbol ihres Kennenlernens. Das Persönlichste, was sich in dem Autowrack befand. Auch diese Medaille hängt jetzt am Kreuz.

Das Kreuz  an der B 431: Bis heute wurde der Unfallverursacher nicht gefunden.
Christian Brameshuber

Das Kreuz  an der B 431: Bis heute wurde der Unfallverursacher nicht gefunden.

 

Vor wenigen Wochen hat die Straßenmeisterei alles entfernt, weil das Kreuz zu dicht an der Straße stand. Auf Facebook gab es Nachfragen, wo das Kreuz ist. Für Carolin ein gutes Zeichen. Das Kreuz, dieser tragische Ort,  wird wahrgenommen. Am Freitagmorgen hat sie es gemeinsam mit einer guten Freundin wieder an der Unfallstelle aufgestellt.

Sie wünscht sich Aufmerksamkeit. Sie hofft auf Zeugen, die sich auch nach so langer Zeit noch an etwas erinnern, sich melden, die Polizei informieren. „Wie bei XY ungelöst.“ Sie wünscht sich so sehr, dass der Unfallverursacher sich endlich stellt. Damit sie ihm mit ihren 27 Jahren nicht länger hinterherjagen muss, wie einem Phantom, einem Gespenst. Damit sie endlich die Ruhe findet, die sie braucht – für sich und ihren heute fünf Jahre alten Sohn.

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