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Elmshorner Nachrichten

18. August 2017 | 11:38 Uhr

Elmshorn : Ideen für die Stadt der Zukunft

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

KeyNotes-Veranstaltung: Elmshorn soll zur Modellregion für nachhaltige Entwicklung werden. Experten diskutieren über Modellversuche.

Elmshorn | Sogar der größte deutsche Lebensmittelhändler wirbt mit Regionalität. Das Thema ist offenbar Trend; aber was bedeutet es genau, wie geht regional wirtschaften, was hat das für Folgen? Viele gute, das stellten sieben Referenten bei der „KeyNotes“-Veranstaltung im Elmshorner Rathaus klar. Stadtwerke und das Netzwerk Morgenwelt hatten eingeladen und für reichlich Stoff zum Denken gesorgt. Trotz eines leichten Abbröckelns in der Pause hielten rund 80 Besucher drei Stunden lang durch.

„Ich weiß, dass die richtigen Leute hier sind“, das war Organisator und Morgenwelt-Geschäftsführer Björn Hansen besonders wichtig. Gerade hatte Elmshorns Stadtrat Dirk Moritz ihn angesprochen, er wollte den Vortrag eines Referenten zum Nachlesen haben: Fahrräder als wichtigste Verkehrsmittel in einer Stadt, das fand Moritz „überzeugend“.

Genau solche Entwicklungen will Hansen mit seinen Veranstaltungen anstoßen; Morgenwelt hat sich in Zusammenarbeit mit den Umweltorganisationen Robin Wood und Bund zum Ziel gesetzt, Elmshorn zu einer Modellregion für nachhaltige Entwicklung umzubauen.

Dazu passen Fahrräder wunderbar, erläuterte der Wiener Professor Michael Meschik unter dem provokanten Titel: „Fahrradförderung ist verprasstes Geld“. Als positives Beispiel präsentierte er das niederländische Houten, eine Stadt von der Größe Elmshorns, aber ohne Durchgangsstraße. Autos werden auf einer Ringstraße um den Ort herumgeführt und kommen nur über Sackgassen an die Häuser heran, dominantes Verkehrsmittel ist das Fahrrad. Folge: Zwei Drittel der täglichen Ausgaben bleiben in der Stadt, im Lebensmittelbereich sogar 100 Prozent. „Das wäre etwas für neue Siedlungsentwicklungen“, schwärmte Michael Meschik.
Gleich zwei Projekte, die Gartenbau für alle bieten, wurden bei den KeyNotes vorgestellt.

In Andernach entwickelte Lutz Kossak die „essbare Stadt“, in der jedermann die Zucchini ernten darf, die auf öffentlichen Flächen angebaut werden. Das ist billiger als Rasenmähen oder einjährige Stauden zu pflanzen und hat innerhalb von fünf Jahren ungeahnte Folgen gezeigt: Langzeitarbeitslose kommen übers städtische Gärtnern zu Selbstbewusstsein und Jobs, Essen für Bedürftige wird aus vor Ort produziertem Bio-Gemüse gekocht und 300 Städte haben sich schon bei Kossak nach seinem Erfolgsrezept erkundigt.

In Berlin wandelte Marco Clausen mit einem Kollegen eine Brachfläche in einen Gemüsegarten um und mobilisierte damit 1 000 Helfer und bis 60.000 Besucher pro Jahr.

„Wir haben schon mal angefangen“, verkündete Jens Jähne für den Elmshorner Verein, der sich um die Knechtschen Hallen und das Kranhaus kümmert. Urban Gardening, also öffentliches Gärtnern, gibt es dort auch. Außerdem Ausstellungen, Konzerte, Repair Café und vieles mehr. In sechs Monaten hat sich ein Unterstützerkreis von 300 Menschen gebildet und das offene Projekt „eine enorme Eigendynamik“ entwickelt.

Engagement im digitalen Zeitalter

Zwischen so viel Praxis mit Schmutzrändern unter den Fingernägeln befasste sich der Berliner Designforscher Andreas Unteidig mit der Frage, wie bürgerschaftliches Engagement in digitalen Zeiten funktionieren kann. Jedenfalls nicht ausschließlich per Internet, denn 30 Prozent der Europäer sind nicht im Internet. Unteidig stellte die „Hybrid Letter Box“ vor: Normale Postkarten werden in einem besonderen Briefkasten gescannt, Inhalte auf eine Wand projiziert, und wer per SMS auf eine These antwortet, dessen Nachricht wird eingeblendet. „Technologie so gestalten, dass sie eine pluralistische Gesellschaft fördert“ lautete Unteidigs Thema.

Was als kleine Idee begann, führt womöglich bald dazu, tiefe Gewohnheiten in Frage zu stellen. Auf die Frage aus dem Publikum, wie es mit den Schadstoffen aus Gärten an Straßen stehe, antwortete der Berliner Stadtgärtner Clausen: „Sollte man nicht eher das Autofahren einschränken als den Gemüsebau?“ Auf die Frage an den Elmshorner IHK-Zweigstellenleiter Paul Raab, wie denn die Kammer mit exotischen Geschäftsideen umgehe, antwortete der: „Es kommt stark auf die Zahlen an“, das Produkt sei zweitrangig. Der Berliner Clausen ergänzte: Für bürokratische Angelegenheiten wie Buchhaltung oder Steuern sei am Anfang Beratung nötig; inhaltlich müsse man „teilweise beratungsresistent sein“. Dass Experten oft viele Gründe kennen, warum etwas nicht funktionieren kann, bestätigte auch Kossak mit der essbaren Stadt: Seine Sammlung von Einwänden gegen sein Erfolgskonzept umfasst 173 Punkte.

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erstellt am 20.Okt.2014 | 16:00 Uhr

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