Ich guck lieber alleine im Keller!

Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.
Autor Arne Tiedmann tritt am Hafen auf.

shz.de von
26. Juni 2018, 15:20 Uhr

Das musste ja so kommen! Die Invasion der Ahnungslosen ist schon wieder voll im Gange. Leute, Männer und auch Frauen (also richtige Erwachsene), die sich übers Jahr kein Stück für Fußball interessieren, drängen jetzt wieder massenhaft zum Rudelgucken vor die Leinwände und Panoramabildschirme. An den Tagen, wenn Deutschland spielt, sind sie aufgeregter als Kinder, die mit Chips und Cola so lange aufbleiben dürfen, als wäre Silvester und Mondlandung auf einmal.

Gelb-rot-schwarz (!) geschminkt kommen sie mit Deutschland-Blumenkette aus dem Ein Euro-Laden und dem neuen Deutschlandtrikot (das zweithässlichste der Erdgeschichte nach dem von 1994) rappelig angedackelt, als würde es gleich Zeugnisse geben. Im Stile von Sarah Connor wird die Nationalhymne hingebungsvoll erneut verstümmelt und dann fängt das Desaster erst richtig an. Würde kompletter Unverstand sexy machen, dann würden die sich vor lauter promiskuitiven Angeboten gar nicht mehr retten können. Sie kennen zwar den bayrischen Ziegenpeter Thomas Müller, den Rekonvaleszenten Manuel Neuer aus der Coca Cola Werbung und eine Handvoll andere Ewige aus dem Team, dann aber wird die Luft sofort schon dünn wie der Kaffee am Bahnhofskiosk. „Wer ist denn Martin Plattenhardt? Wo spielt der denn sonst?“ – „Marvin. Bei Hertha“ – „Wieso spielt denn da keiner, den man kennt?“ – „Jetzt kennst Du ihn doch!“ – „Trotzdem!“

Mit solchen Mitguckern kriegt man auch ganz ohne hektische Strafraumszenen sofort einen Puls wie ein Hydrant. Ich brauche in sich ruhende fußballhistorisch geschulte Maulhelden und detailaffine Klugscheißer an meiner Seite. Ich brauche Leute, die was mit der „Wade der Nation“ anfangen können, mit der „Schande von Gijón“ und der „Hand Gottes“.

Ich brauche Typen, die wissen, wie viele WM-Einsätze Wilfried Hannes bei der WM 1982 hatte und die 1990 wie ich die gleiche Magie spürten beim Tor zum 3:1 von Lothar Matthäus gegen die Jugos, als jener noch vor der Mittellinie den Ball von Augenthaler bekam und wie ein frisierter Räumungspanzer zum gegnerischen Tor hin dampflokte. Ich brauche Leute, die Carlos Valderrama höher einzuschätzen wissen, als irgendwelche steril hochgezüchteten Mittelfeldlangweiler von heute.

Und ich brauche die Leute, die auch mal gerne zehn Minuten die Klappe halten, anstatt minütlich schrill den Fernsehapparat mit „Schieß doch!“ anzuschreien, was meinem Wissen nach noch nie irgendwo auf der Welt etwas gebracht hat. Obwohl mir die immer noch lieber sind als die, die den Videobeweis für eine tolle Erfindung halten. Ich glaub, ich guck die Spiele fortan nur noch alleine im Keller. Da bin ich mir Klugscheißer genug.

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