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Elmshorner Nachrichten

24. Oktober 2017 | 10:37 Uhr

Jens Kinder : "Ich brauch sowas mal"

vom

Klein Nordender radelte 6500 Kilometer durch Europa. Sein Ziel: Santiago de Compostela am Ende des spanischen Jakobsweges.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2013 | 08:59 Uhr

Klein Nordende | Bei den ersten beiden Anläufen wurde Jens Kinder jedesmal von einem Auto angefahren und musste wieder umkehren. Beim dritten Mal klappte es - und er fuhr und fuhr und fuhr - 6500 Kilometer mit dem Rad durch Deutschland, Frankreich und Spanien. Sein Ziel: Der Jakobsweg mit Endpunkt Santiago de Compostela.

Mehr als ein Jahr hatte sich der 66-Jährige eingelesen, Kartenmaterial studiert und über seiner Ausrüstung gegrübelt: Zelt, Schlafsack, Benzinkocher, Wasserfilter, Reservereifen und Flickzeug, Allwetteranorak, Magnesiumtabletten und möglichst wenig Bekleidung. Alles wurde auf zwei Packtaschen über dem Hinterrad, einer Lenkradtasche und den einrädrigen Anhänger verteilt. "Bei durchschnittlich 60 Kilometern pro Tag wusste ich, dass ich wohl vier Monate unterwegs sein werde", erzählt er. Denn er wolle nicht in Stress kommen und dort, wo es schön ist, auch länger Station zum Erholen machen. Durchs Rheintal über Paris, Bordeaux bis in die Pyrenäen strampelte der Kraftfahrzeugmechaniker im Ruhestand, schlief in Pinienwäldern, schlichten Herbergen mit Gemeinschaftsküche und einfachsten sanitären Anlagen für zehn Euro die Nacht, kirchlichen Einrichtungen bis hin zu einem 4-Sterne-Hotel. "Den Chef hatte ich unterwegs kennengelernt", schmunzelt Kinder. Ebenso wie den Weinbauern in Bordeaux, der ihn für einige Tage einlud, die Frauengruppe aus Berlin, den Rucksackreisenden aus Japan, die tschechische Frau, die ihre spastisch gelähmte Freundin über den Pilgerweg schob, den Schuldirektor aus dem dänischen Roskilde oder den Fußreisenden aus Alaska. Je dichter Kinder an den Jakobsweg kam, dessen bekanntester Teil in Ost-West-Richtung entlang der spanischen Atlantikküste verläuft, umso mehr Pilger traf er, mit denen der Klein Nordender dann manchmal mehrere Tage gemeinsam unterwegs war. "Auf dem Jakobsweg triffst du die ganze Welt", weiß Kinder, der in den langen Wochen seiner Reise eine sehr große Gastfreundschaft erlebte.

Der Klein Nordender versuchte möglichst autark zu leben. Morgens gab es meist Obst und Brot sowie seinen geliebten Filterkaffee. Für den Snack zwischendurch ernährte er sich von Äpfeln oder Keksen. War ein möglichst ebenes Fleckchen für die Nacht gefunden, baute er sein Ein-Mann-Zelt auf ("im Zelt schläft man nie gerade") und freute sich auf ein warmes Essen - oft waren es selbst gesuchte Pilze oder geröstete Maronen. Abwasch und Körperreinigung wurden mithilfe einer auseinanderklappbaren Faltschüssel erledigt. Mit der Stirnlampe um den Kopf führte er dann noch sein Reisetagebuch und las so lange, wie es sein müder Körper zuließ.

In ungute Situationen ist Kinder nie gekommen und Angst hatte er auf seiner langen Reise auch nie. "Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber ich bin schon vorsichtig", meint der Weltenbummler.

Besonders gut gefallen haben Jens Kinder die Hohlwege in Galizien - zwar fast unmöglich mit dem Rad zu befahren, aber einfach wunderschön anzusehen.

15 Kilo leichter, 1600 Euro "ärmer" und zutiefst zufrieden kam der "Weltmeister im Plattfuß-reparieren" wieder von seiner Tour nach Hause. Nun heißt es wieder zu Kräften kommen, alles Erlebte "verdauen" und zur Ruhe kommen. Doch die wird nicht lange währen. Denn Jens Kinder hat noch viele Ziele, die er mit dem Rad erreichen möchte. "Ich brauch’ sowas mal", schmunzelt er.

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