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Bauunterlagen der Gloria : Historischer Fund in Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Förderverein für den Elmshorner Traditionssegler freut sich über Fund der historischen Unterlagen. Neue Dokumente und Bilder im Netz.

shz.de von
erstellt am 14.Apr.2015 | 14:15 Uhr

Elmshorn | Lange galten sie als verschollen: Die Unterlagen der Kremer-Werft in Elmshorn über ihre Neubauten. „Jetzt sind einige davon aus der Zeit der Wende vom 19. in das 20. Jahrhundert wieder aufgetaucht“, berichtet Ulrich Grobe vom Verein „Ewer Gloria“. Der Hamburger Buchautor Michael Bera habe sie mit weiteren Konstruktionsunterlagen der Werft im Nachlass eines Schiffbau-Ingenieurs entdeckt.

Es handelt sich um mehrere Bücher, in die wahrscheinlich der Werftbesitzer die handschriftlichen Eintragungen über die Bestellung neuer Schiffe gemacht hat. Komplett vorhanden sind die Baunummern 63 bis 101 sowie 264 bis 738. Unter diesen befinden sich auch die Bestelldaten für den Ewer „Gloria“ mit der Baunummer 68. Die Vereinbarungen tragen zum Teil keine Unterschriften. Offenbar kannte und vertraute man sich sogar beim Neubau eines Schiffes. Ein Ewer wie die „Gloria“ hatte damals immerhin den Wert eines kleinen Hauses.

Die „Specification“ für den Ewer „Gloria“ bezieht sich auf einen „eisernen Ewer“. Der Schiffsrumpf soll bestehen aus „Spanten von Winkeleisen 75x50x7mm mit Gegenspanten 50x50x6mm“ und „Beplattung vom besten deutschem Siemens-Martin-Stahlblech 6 mm, der unterste Gang 7mm stark“. Für den Schiffsboden jedoch wurde „4,5 Zoll starkes Fichtenholz, Bauchdielen aus 2 Zoll starkem Eichenholz und Lager 6x7 Zoll stark“ vorgesehen. Das Eisenschiff „Gloria“ wurde also den technischen Möglichkeiten der Zeit entsprechend mit einem hölzernen Boden versehen. Der Grund hierfür lag in der mangelnden Biegsamkeit des damaligen Stahls. Ein 90-Grad-Knick hätte die spröden Stahlbleche brechen lassen. Und mit dem Bau eines hölzernen Bodens war man seit Jahrhunderten vertraut.

Auch die Zahlungsvereinbarung ist der Specification zu entnehmen, leider aber nicht der Gesamtpreis: Zur Zahlung fällig waren jeweils ein Drittel, wenn der Boden liegt, das Fahrzeug beplattet ist und bei Ablieferung. Aber vom Kaufpreis bleiben 1000 Mark bis Weihnachten 1898 gestundet.

Seit seinem Bau war der Ewer mehrfach umgebaut worden, vor seiner Restaurierung zuletzt zur selbstfahrenden Schute. Während der Restaurierung in den Jahren 2001 bis 2008 auf der Museumswerft in Elmshorn haben sich alle Beteiligten bemüht, das Schiff wieder bestmöglich seinem Zustand bei Erbauung anzugleichen.

Restaurierung: Dicht an der Baubeschreibung

„Das ist auch weitgehend gelungen, wie die jetzt aufgefundenen Beschreibungen belegen“ berichtet Grobe, „gleichwohl haben die seit 1898 sehr anderen Verkehrsverhältnisse auf dem Wasser und die Nutzung für Passagiere doch einige Kompromisse erfordert.“ So wurde „Gloria“ als reiner Segler ohne Motor gebaut. Im Laderaum war nur Platz für die Ladung. Von den nach der Baubeschreibung hinten und vorn wie üblich ausgetischlerten und gemalten Kajüten ist nichts mehr erhalten geblieben. Heute verfügt „Gloria“ im Laderaum über eine gemütliche, aber einfach eingerichtete Kajüte mit Kojen für sechs und Sitzplätzen für 20 Personen. Dort befindet sich auch eine kleine Kombüse. Vorn hat man eine weitere Kajüte eingebaut mit drei Kojen. Hinten befinden sich der neue Motor mit 106 PS und ein Sanitärraum mit WC.

„Das wichtigste ist aber erhalten geblieben“ so Grobe, „nämlich das äußere Bild eines Ewers aus dem Jahr 1898 samt seiner Manövriereigenschaften, sodass man heute wieder erleben kann, wie der Ewer 1898 segelte.“ Wer mitfahren möchte, kann sich im Internet oder per Telefon unter der Nummer 04101-606427 über den Fahrplan und noch freie Plätze informieren.

Geschichte und Unterlagen
der Kremer-Werft im Internet

Der Hamburger Autor Michael Bera hat einen kleinen Schatz von historischem Wert gehoben. „Durch großes Glück und vielleicht auch ein wenig Hartnäckigkeit gelang es mir, im Herbst 2014 insgesamt 20 Umzugskartons zu erwerben, die mit Dokumenten aus dem Konstruktionsbüro der Werft gefüllt waren“, berichtet Bera. Der ehemalige Betriebsleiter der Werft aus Elmshorn hatte diese Unterlagen an sich genommen, wahrscheinlich, so vermutet Bera, weil er beim Bau der aus den Unterlagen hervorgehenden Schiffe beteiligt war und seit 1937 im Betrieb gearbeitet hatte.

Der Rumpf der „Gloria“ trifft nach seiner Überführung aus Hamburg bei der Museumswerft in Elmshorn ein. (Foto: Uta Robbe)
Der Rumpf der „Gloria“ trifft nach seiner Überführung aus Hamburg bei der Museumswerft in Elmshorn ein. (Foto: Uta Robbe)
 

Mit diesen Unterlagen als „Grundstock“ richtete  der Autor eine umfassende  Internetpräsenz der Kremer-Werft ein und macht die Informationen für jedermann zugänglich. Auf seinen  nichtkommerziellen Seiten finden sich nicht nur Bauunterlagen wie zum Beispiel die für den Elmshorner Ewer „Gloria“, sondern auch Zeichnungen, Baulisten, Filmausschnitte und einige historische Fotos sowie Hinweise zur Geschichte der Werft.

In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Harburg plant Bera, einige Materialien zur Werft-Geschichte als Publikationen zu veröffentlichen. Bera möchte langfristig, dass die Werft-Unterlagen möglichst gebündelt mit den Materialien aus anderen Sammlungen zum Thema Kremer-Werft, wie zum Beispiel die Konietzko-Sammlung aus Elmshorn, in der Heimatstadt der Werft  archiviert werden. „Das gehört und muss alles zusammen“, sagt Bera.

Die Schiffswerft D. W. Kremer Sohn ist 1833 in Elmshorn an der Krückau gegründet worden. Zuvor gab es dort, direkt an der heutigen Hafenstraße (später Max Bahr und Supermarkt)  bereits einen Schiffbauplatz, den 1833 der Klostersander Schiffszimmermeister Johann Hinrich Kremer ersteigerte. Kremer schrieb dann 142 Jahre Schiffbaugeschichte an der Krückau bis die Werft 1975 in Konkurs ging. Das Unternehmen bot ein breites Spektrum an Wasserfahrzeugen. Nicht nur Ewer, Fischkutter, Dampfschlepper, Tankschiffe, Rad- und Frachtdampfer, Schuten, Leichter gehörten zum Programm, sondern auch Eimerbagger, Dreimaster und Kohlenheber. Zum Ende der 1950er-Jahre beschäftigte der Betrieb fast 500 Mitarbeiter. Nach dem Konkurs produzierte der Betrieb mit neuem Besitzer noch bis 1978, ein zweiter Konkurs beendete die Werftgeschichte endgültig. Das Gelände wurde an Max Bahr verkauft, das Inventar versteigert, der Rest landete auf dem Müll oder wurde von einzelnen Mitarbeitern aufgehoben. Das um 1764 gebaute und 1860 erweiterte Stammhaus der Kremers ist noch als Restaurant „Mercator“ erhalten.
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