Herbert Tiedemanns letzte Runde

Herbert Tiedemann in seinem Revier,
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Herbert Tiedemann in seinem Revier,

Der 63-jährige Leiter der Elmshorner Stadtwache geht in Pension

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28. Juli 2018, 15:35 Uhr

Es sind die letzten Runden, die Herbert Tiedemann in diesen Tagen durch „sein“ Revier in der Elmshorner Innenstadt dreht. Nach 46 Jahren und elf Monaten im Polizeidienst geht der 63-jährige Polizeioberkommissar in Pension.

Eigentlich hätte er schon viel früher gehen können, aber „das wollte ich noch nicht. Deshalb hatte ich noch zweimal verlängert. Aber jetzt freue ich mich auf das, was kommt“, sagt er.

Herbert Tiedemann ist das Gesicht der Elmshorner Stadtwache. Immer nett, mit einem Lächeln im Gesicht, ist er Ansprechpartner für jeden, der ein Problem hat oder einfach nur schnacken möchte. Kein Wunder, dass gefühlt jeder zweite Passant ihn grüßt.

„Herbert ist eine Institution, jeder kennt Tiedemann, auch die Jugendlichen. Da ist es manchmal schon etwas anstrengend, wenn wir gemeinsam durch die Stadt gehen“, sagt Christian Strietzel nicht ganz ernst gemeint. Seit fünf Jahren ist er zusammen mit Tiedemann, Jan Strüben und Carsten Oestreich in der Stadtwache in der Königstraße der erste Ansprechpartner bei großen und kleinen Sorgen.

Und auch die Elmshorner Geschäftsleute wissen ihren Polizisten zu schätzen. „Ich bedauere sehr, dass Herr Tiedemann geht. Er ist ein echter Polizist, immer nett und freundlich“, sagt Sevi Nystasou vom Stadtcafé.

„Sieh mal, da ist ja ein echter Polizist“, sagt ein kleiner Steppke begeistert, der mit seiner Kindergartengruppe in der Innenstadt unterwegs ist. Herbert Tiedemann lächelt freundlich. „Kinder sollen vor uns, der Polizei, keine Angst haben. Deshalb verstehe ich auch einige Eltern nicht, die ihren Kindern mit der Polizei drohen“, bedauert er.

Während der langen Zeit im Polizeidienst hat Tiedemann viele Veränderungen erlebt. „Ich habe ein spannendes Leben gehabt. Und wenn ich noch einmal vor der Wahl stehen würde, käme für mich kein anderer Beruf in Frage“, sagt er.

Aufklärung und Prävention sind dem dreifachen Vater wichtig. Er engagiert sich in der Präventionsarbeit mit Jugendlichen, betreute zwei Jugendhäuser und vier Schulen. Im Jahr 2007 wurde Herbert Tiedemann der Präventionspreis der Landespolizei Schleswig-Holstein verliehen. Zusammen mit dem Jugendtreff Stromhaus Elmshorn und dem Verein Gefangene helfen Jugendliche e.V. hat er ein Projekt ins Leben gerufen, das sich speziell um junge Mehrfach- und Intensivtäter kümmert.

Sein soziales Engagement macht vor dem Privatleben nicht Halt. „Als im Jahr 2015 die große Fllüchtlingswelle kam hat er gesagt, dass er den ersten, der bei uns auf der Stadtwache erscheint, unterstützen möchte“, erinnert sich sein Kollege Jan Strüben. Einige Zeit später tauchte dann der erste Flüchtling in der Wache auf; ein minderjähriger, alleinreisender Afghane, der sich registrieren lassen wollte. Herbert Tiedemann kümmerte sich und machte sein Versprechen wahr.

„Eine Woche später traf ich den Jungen wieder. Er wohnte im Kinderschutzhaus. Als er mich sah, strahlten seine Augen und meine auch“, erinnert sich Tiedemann. Ein halbes Jahr lang war der Junge jeweils am Wochenende bei Tiedemanns in Brande-Hörnerkirchen zu Gast. Seit dem 1. Juni 2016 lebt er ganz in der Familie. „Inzwischen ist der Junge 17 Jahre alt, hat seinen Hauptschulabschluss gemacht und beginnt am 1. August eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker“, sagt Tiedemann voller Stolz.

Zu den einschneidensten Erlebnissen seiner Polizeilaufbahn zählen unter anderem die großen Einsätze in Brokdorf ab Mitte der 1975-Jahre, der kaltblütige Mord an einem Ukrainer in der Jürgenstraße 1996 und der schreckliche Unfall am Torhaus, bei dem ein Kleinkind von einem Lkw überrollt wurde. „Mein schönstes Erlebnis hatte ich aber während meiner Ausbildung. Ein dreijähriges Kind war verschwunden. Es war Winter und die Eltern alarmierten die Polizei erst sehr spät. Nachdem die örtliche Polizei es nicht gefunden hatte, wurde eine Hundertschaft angefordert. Und wir haben den Jungen gefunden. Er lebte und hatte sehr viel Glück gehabt“, erinnert er sich.

Am 31. Juli ist endgültig Schluss. Dann beginnt für Herbert Tiedemann das Rentnerdasein. Angst vor Langeweile hat er nicht. „Ich werde mich noch intensiver um unseren afghanischen Jungen kümmern. Außerdem gibt es in meinem 2000 Quadratmeter großen Garten viel zu tun.“ Tiedemann ist nicht nur bei den Elmshorner Bürgern und Geschäftsleuten beliebt, sondern auch die Kollegen schätzen ihn sehr. Deshalb überraschten sie ihn in der vergangenen Woche mit einem Campingausflug.

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