Elmshorn : „Her mit der ganzen Wirklichkeit!“

Rund 50 Frauen waren der Einladung der Elmshorner Frauengeschichtswerkstatt gefolgt.
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Rund 50 Frauen waren der Einladung der Elmshorner Frauengeschichtswerkstatt gefolgt.

Rund 50 Frauen trafen sich zur 1. Fachtagung von Schleswig-Holsteins Frauengeschichtswerkstätten im Industriemuseum.

shz.de von
13. November 2013, 16:00 Uhr

Ein spannendes Experiment wagten die Mitglieder der Elmshorner Frauengeschichtswerkstatt mit ihrer Einladung zur „1. Fachtagung der Frauengeschichtswerkstätten (FGW) in Schleswig-Holstein“. Beim Treffen der rund 50 Frauen im Industriemuseum stand der Wunsch im Vordergrund, die Arbeit der FGW zu stärken, sich und die Projekte gegenseitig kennenzulernen sowie Netzwerke zu knüpfen. Wie viele FGW gibt es eigentlich in Schleswig-Holstein? Wie forschen sie, um weibliche Geschichtsschreibung stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu stellen? (Interviewschulung, Fotoerstellung) Wie werden Ergebnisse präsentiert? (Ausstellungen, Zeitungsartikel, Erzählcafés) Und wie wird das erarbeitete Material gesichert? (Buch oder Kataloge, Dauerausstellung, Archivierung, Internet)

„Her mit der ganzen Wirklichkeit! Warum Frauen im öffentlichen Gedächtnis keinen Platz haben“, hieß der einleitende Vortrag der Historikerin Dr. Rita Bake, die in Hamburg als stellvertretende Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung tätig ist. Hier arbeitet sie daran, Frauenleben im öffentlichen Bewusstsein durch mehr weibliche Straßennamen zu halten, auf geschlechtergerechte Sprache in Hinweisschildern zu achten oder szenische Frauen-Stadtrundgänge mit Schauspielern zu initiieren. Es entsteht eine Frauenbiografie-Datenbank und seit dem Jahr 2000 gibt es den „Garten der Frauen“ auf dem Ohlsdorfer Friedhof (52 Grabsteine bedeutender Frauen wurden seitdem vor der Vernichtung bewahrt). „Um Frauengeschichte sichtbar zu machen, gehört, schriftliches und bildliches Material über Frauen in Archiven zu sammeln und aufzubewahren“, so Rita Bake.

Solcherart eingestimmt stellten sich die Frauengeschichtswerkstätten und Initiativen aus Quickborn, Uetersen, Heide, Rellingen, Elmshorn und die Landfrauen mit ihrer Arbeit vor.

Marga Trede, Präsidentin des Landfrauenverbands Schleswig-Holstein, erläuterte die umfassende Sammlung von schriftlichen Exponaten über die Geschichte von Bäuerinnen und aller Frauen in ländlichen Regionen, die im Landfrauenarchiv im Freilichtmuseum Molfsee beheimatet ist. Facharbeitskreise würden Ausstellungen organisieren, geworben werde durch Stände auf der Norla oder Landfrauentagen. Es gäbe ein Findbuch, mit dessen Hilfe Frauenbilder, Erinnerungen und Geschichten nachzuforschen seien.

Christiane Greve, Gleichstellungsbeauftragte in Uetersen, schilderte ihren Weg in die FGW Uetersen an einem persönlichen Beispiel. Sie wollte das – oft kollektive – Schweigen ihrer Familie durchbrechen, wenn es um „schwarze Schafe“ oder das Verhalten im Nationalsozialismus ging. Daraus entwickelte sich ein fast kriminologisches Erforschen von weiblichen Biografien.

Hanna Gleisner, Gleichstellungsbeauftragte in Quickborn, hofft mit ihrer 2010 gegründeten Geschichtswerkstatt auf weitere Mitstreiterinnen. Bislang wurden unter dem Motto „Ohne Frauen ist keine Stadt zu machen“ 31 Quickborner Frauen porträtiert.

Dorathea Beckmann, Gleichstellungsbeauftragte von Rellingen, stellte mit ihrer Gruppe 42 Frauenporträts zusammen. Zuvor ließ man sich von einer Expertin in Sachen Biografieforschung schulen und arbeitete mit einem Leitfaden zur Porträterstellung von Historikerin Annette Schlapkohl. Die Ausstellung wurde im Rathaus gezeigt und ist dauerhaft in einer Seniorenanlage zu sehen.

Auch Gabriela Petersen, Gleichstellungsbeauftragte aus Heide, begann mit ihrer Gruppe bei Porträtarbeiten von Doris Groth, Gattin des Dichters, der ein „Aushängeschild“ ihrer Stadt sei, wäre seine Frau fast unbekannt sei. Anhand von Tagebüchern wurde ihr Leben beleuchtet. Ebenso sei man mit anderen weiblichen Persönlichkeiten verfahren.


Es gibt kaum Material und Zeitzeugnisse


Dabei sei das größte Problem, dass es kaum Zeitzeugnisse und Material gäbe. „Wir brauen lange um etwas fertig zu bringen“, gesteht sie. Texte zu schreiben sei schwierig, jede Frau würde anders formulieren, andere inhaltliche Schwerpunkte setzen. „Schön, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, zu gucken, was die anderen FGW machen“, bedankte sie sich.

Bärbel Böhnke, Gastgeberin im Industriemuseum, und die ehemalige Elmshorner Gleichstellungsbeauftragte Christiane Wehrmann, konnten in dieser Runde gut mithalten. In der Krückaustadt arbeitet ein fester Stamm von rund zehn Frauen in der Geschichtswerkstatt. Sie können auf eigene Kataloge zu diversen Sonderausstellungen blicken, haben ein Buch über Frauenleben in den „Beiträgen zur Elmshorner Geschichte“ herausgebracht und planen als nächstes Projekt „Vom Bauerngarten zur essbaren Stadt“.

Nach der abschließenden Diskussion und Fragerunde zur praktischen Arbeit und Finanzierung von Projekten, gingen die Frauen nach mehr als sieben Stunden mit der Absprache auseinander, sich das nächste Mal zur 2. Fachtagung der Frauengeschichtswerkstätten in Rellingen zu treffen.

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