Glück kennt keine Behinderung

Die Kinder Piet (von links), Jari und Nele verstehen sich ausgezeichnet. Das gilt ebenso für Heinke Winkler (Erzieherin), Tina Gadola (Jaris Mutter) und Anke Heine (Heilpädagogin).
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Die Kinder Piet (von links), Jari und Nele verstehen sich ausgezeichnet. Das gilt ebenso für Heinke Winkler (Erzieherin), Tina Gadola (Jaris Mutter) und Anke Heine (Heilpädagogin).

Down-Syndrom Auszeichnung für Kita in Kiebitzreihe / Jari wurde als erstes Kind mit Trisomie 21 in Krippe aufgenommen

shz.de von
22. März 2017, 16:46 Uhr

Das Deutsche Down-Syndrom-InfoCenter hat vor einiger Zeit eine Aktion gestartet, die Eltern Gelegenheit bot, „ihren“ Kindergarten auszuzeichnen, wenn er vorbildhaft Trisomie-Kinder begleitet und fördert. Tina Gadola nutzte die Chance und nahm an dieser Aktion teil, um der Evangelischen Kindertagesstätte (Kita) in Kiebitzreihe dafür zu danken, dass sie ihren dreijährigen Sohn Jari als erstes Kind mit dem Down-Syndrom in die Krippe aufnahm – und zwar offiziell am 15. August 2016. Die entsprechende Urkunde übergab sie gestern am Welt-Down-Syndrom-Tag der Kita-Leiterin Ute Hellmig.

„Jari wird als vollwertiges Mitglied der Gruppe ohne Einschränkungen angenommen und von allen akzeptiert“, stellte die Mutter im Gespräch mit den EN fest. „Dafür sind wir Eltern sehr dankbar.“ Und Hellmig ergänzte: „Seitdem Jari bei uns ist, hat er sich ausgezeichnet entwickelt und in kurzer Zeit viel gelernt.“

Bevor die offizielle Aufnahme erfolgen konnte, musste jedoch geklärt werden, ob der Junge tatsächlich in die Krippengruppe integriert werden konnte. So wurde er zunächst zu einigen Schnuppertagen in die Einrichtung eingeladen, um festzustellen, wie sein Entwicklungsstand ist und welche Unterstützung er benötigt, um ihm und den weiteren neun Krippenkindern gerecht zu werden. Als Ergebnis wurde die Heilpädagogin Anke Heine von den IFF Familienräumen Pinneberg, die ihm bereits seit dem achten Lebensmonat als Frühförderin zur Seite steht, in die Gruppe integriert. Sie arbeitet wöchentlich 6,5 Stunden, verteilt auf drei Tage, in der Kita und unterstützt Jari in seiner Entwicklung. Zum Sommer wechselt der Junge in eine Integrative Kindertagesstätte nach Elmshorn, wo jeweils zehn Regel- und fünf beeinträchtigte Kinder eine Gruppe bilden.

„Unser Sohn ist ein absolutes Wunschkind“, stellte Gadola fest, die frappierend offen die Geschichte ihres Jungen erzählte. „In der Schwangerschaft haben wir uns klar gegen Tests wie Ersttrimesterscreening, Fruchtwasseruntersuchung, Bluttests und so weiter entschieden, weil man voller Zuversicht glaubt, dass einem so etwas in der Familie nicht passieren kann. Und so war die Diagnose eine Stunde nach der schnellen, problemlosen Geburt erst einmal ein riesiger Schock.“

Doch nachdem die Familie Trauer und Angst habe ablegen können, sei zusehends Liebe und Zuversicht gewachsen. Sie seien glücklich mit ihrem Sohn und würden ihn gegen kein anderes Kind der Welt eintauschen wollen.

Menschen mit Trisomie 21    sind laut Gadola ausgestattet mit vielen guten Eigenschaften. Sie seien lebensfroh, detaillebend, ehrlich und zwängen zur Ruhe und zum Genuss des Augenblicks – ohne den Druck der Gesellschaft oder das Messen an Entwicklungsnormen. Dahin müsse man als Gesellschaft zurückkommen. Das Leben sei lebenswert für jedes Lebewesen, und man sollte sich laut Gadola nicht anmaßen, dieses weiterhin perfektionieren zu wollen - angefangen im Mutterleib.

Die Statistik besagt, dass neun von zehn Frauen noch bis in die Spätschwangerschaft ihr Kind abtreiben, wenn sie erfahren, dass es mit Trisomie 21 zur Welt kommt. Um dies zu minimieren und den Paaren die Angst zu nehmen, spricht sich Gadola für bessere Aufklärung aus. Der Frauenarzt sollte beispielsweise nicht nur fragen, ob man ein Ersttrimesterscreening vornehmen lassen wolle, sondern auch über die Konsequenzen informieren. Gadola: „Ich möchte allen Eltern mit der Diagnose Trisomie 21 raten, sich Hilfe und Unterstützung beim Deutschen Down-Syndrom-InfoCenter zu holen, bevor sie sich für eine Abtreibung entscheiden und wohlmöglich den schlimmsten Fehler ihres Lebens begehen.“

In diesem Zusammenhang machte sie auch auf das Projekt „Glück kennt keine Behinderung“ von Jenny Klestil aufmerksam, die 430 Familien mit Down-Syndrom fotografiert hat – einschließlich der Familie Gadola. Das Buch ist im Handel erhältlich. Ausstellungen im Raum Pinneberg sind für November geplant.




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